„Die Mathe-Lücke“ vom 8. Juli:
Einfache Begriffe
Ist Ihnen schon aufgefallen, wie oft berichtet wird, dass Mädchen in Mathe schlechter als Buben sind? Diese (Vor)Urteile machen es Mädchen sehr schwer, sich für Mathe zu interessieren. Als Mathematikerin weiß ich, wovon ich rede: Mein ganzes Leben lang, schon als kleines Mädchen bis heute, wurde ich oft darauf angesprochen, warum ich mich (als Mädchen/Frau) dafür interessiere? Das ist doch nicht weiblich! Es braucht erhebliche Sturheit, sich dann doch damit zu beschäftigen und das auch ein ganzes Berufsleben durchzuhalten.
Fremdwörter sind dabei eher abschreckend. Als ich eingeschult wurde, hieß es Zusammenzählen, Abziehen, Malnehmen und Teilen. Das Schulfach hieß Rechnen und nicht Mathematik. Rechnen sollte jede und jeder können. Die Begriffe sind für ein Kind verständlicher als Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. Und natürlich rechnen Kinder schon vor der Einschulung.
Dr. Ingrid Bausch-Gall, München
Gesellschaftlicher Stellenwert
Im Artikel „Die Mathe-Lücke“ von Sebastian Herrmann wird zum wiederholten Male über die besseren Lernerfolge der Jungen in Mathematik berichtet. Es werden verschiedene Untersuchungen und Erklärungsversuche vorgestellt: Selbstkonzepte, Spielverhalten, Stereotype Threat und so weiter. Was nie zur Sprache kommt in all diesen Artikeln ist, dass immer nur Ergebnisse aus westlichen Ländern betrachtet werden.
In den früheren Staaten des Ostblocks und asiatischen, inklusive arabischen Ländern sahen und sehen die Ergebnisse ganz anders aus: Es gab und gibt die Diskrepanz nicht. Wichtiger scheint zu sein, welche Bedeutung und Wertigkeit die Mathematik in unserer Gesellschaft hat. Und auch welcher Bedarf an Mathematik in verschiedenen Anwendungsbereichen gesehen wird. In unserer westlichen Gesellschaft scheint Mathematik immer noch allzu sehr männlich konnotiert zu sein. Lassen wir doch endlich die Geschlechterklischees und -stereotype hinter uns! Das fängt übrigens in der Babyabteilung an: hier rosa, dort hellblau. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Ursula Klose-Raffler, München
Mathescheue Lehrerinnen?
Mit großem Interesse habe ich den Artikel über die geringeren Leistungen von Mädchen in Mathe gelesen. Auffällig ist, dass es keine Studien darüber gibt, wie Mädchen abschneiden, wenn sie im Grundschulalter von Männern unterrichtet wurden.
Ich habe 27 Jahre als Grundschullehrer gearbeitet und erlebt, wie gut Mädchen in Mathe abschneiden, oftmals besser als Jungen, die es besonders cool finden, keine Hausaufgaben machen zu wollen. Bedeutsam in diesem Zusammenhang sind die Erkenntnisse der alten Russen Wygotski und Leontjew aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Kinder lernen zunächst über konkrete Inhalte, bevor sie in die Abstraktion klettern.
Anhand von zwei Beispielen möchte ich meinen Mathe-Unterricht kurz vorstellen: Im 1. Schuljahr habe ich am ersten Schultag jedem Kind einen Blumentopf mit Erde drin gegeben, in den jedes Kind einen Sonnenblumensamen gepflanzt hat. Nach ein paar Tagen kamen die ersten Sprossen, deren Wachstum mit dem Zollstock abgelesen wurde. So konnten die Kinder den Zahlenstrahl anhand des Wachstums der Sonnenblumen betrachten und Unterschiede im Wachstum als Differenz wahrnehmen. Schnell hatten sie den Zahlenbereich bis 20 überschritten.
Im 4. Schuljahr ist der Zahlenbereich bis eine Million zu erfassen, den wir mit Millimeterpapier von 1 Meter mal 1 Meter – also 1 000 000 Quadrate – abgebildet haben. Die zu suchenden Zahlen wurden auf einen kleinen Papierstreifen geschrieben und an eine Stecknadel geklebt, die anschließend in das entsprechende Millimeterquadrat gesteckt werden konnten. Auch hier waren die Mädchen mit gleichem Eifer bei der Sache und erzielten gute Ergebnisse. Will sagen: Wenn Lehrerinnen Angst vor Mathe haben, merken es die Mädchen und erliegen der self fulfilling prophecy.
Hans Heitmann, Bremen
Sadistische Lehrer?
Ihr Beitrag hat mich an meine Schulzeit in den 50ern erinnert: Nach einem Schulwechsel (von der Mädchenklosterschule zu einem staatlichen Knabengymnasium) war ich als einziges Mädchen in eine Jungenklasse geraten. Meine Mathe-Noten im Mädchengymnasium waren durchschnittlich; aber schon in den ersten Tests an der Jungenschule hagelte es Fünfer und Sechser. Den Mathelehrer dort würde ich heute als Sadisten bezeichnen: Es verging keine Stunde, wo er nicht auf die „Dummheit der Weiber“ in Mathe hinwies, und wenn er mich an die Tafel rief, dann stets mit dem Hinweis, er wolle mal sehen, was Milchmädchen so rechneten. In der 13. Klasse kam ein neuer Mathelehrer in unsere Klasse. Als er merkte, wie ich vor einer Schulaufgabe zitterte, kam er zu mir her und sagte: „Sie brauchen keine Angst haben, das können Sie schon.“ Prompt schrieb ich meinen ersten Einser an dieser Schule. Übrigens weist Ihr Artikel eine Lücke auf: Nirgendwo wurde untersucht, ob in reinen Mädchenklassen die Mathe-Ergebnisse genauso zu Ungunsten der Mädchen ausfallen wie in gemischten Klassen.
Dr. Irmgard Hierdeis, Dießen
Frage nach der Biologie
Eine Hypothese fehlt mir, um das bessere Abschneiden von Jungen in Mathetests zu erklären: Jungen könnten einfach begabter beziehungsweise ihr Hirn Mathe-kompatibler sein. Ich behaupte dabei nicht, dass es so ist, aber die Hypothese muss zumindest aufgestellt werden. Vergleichen wir die Ergebnisse mit denen im Sport: Männer laufen im Mittel beim 100-Meter-Sprint schneller als Frauen. Kein Forscher würde in diesem Fall versuchen, die Unterschiede rein durch kulturellen Einfluss, Motivation oder Ähnliches zu erklären.
Holger Nachtigall, Sachsenried
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