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Mathematik:Fehlende Akzeptanz

Grundschüler schneiden in Mathe nur mittelmäßig ab. Kein Wunder, kokettierten doch viele Erwachsene mit Nichtwissen auf dem Gebiet, schreiben einige Leser. Eine Lehrerin kritisiert die mangelnde Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund.

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Wie viel Mathematik sollen Grundschüler können? In einer Studie schnitten Viertklässler aus Deutschland mittelmäßig ab.

(Foto: imago/JOKER)

Zu "Das Streiflicht" vom 19. Dezember sowie zu "Rechnen unterm Mittelwert" vom 9. Dezember:

Mathe muss endlich cool sein

Deutsche Schüler sind in Mathe nur im Mittelfeld. Warum nur? Mit dem im Streiflicht erwähnten Abitur in einem SPD-regierten Bundesland können sich nicht alle herausreden. Ich denke, es ist das Image des Fachs. Wenn ein Arzt, oder auch eine Ärztin, meine Titel sieht, werde ich, Professor für Statistik, oft gefragt, welches Fach ich vertrete. Dann kommt fast immer die Antwort, in Mathe und Statistik nicht gut gewesen zu sein. Manchmal wundere ich mich dann, wie überhaupt ein Studienplatz in Medizin ergattert werden konnte. Aber das Erschütternde ist, dass das in der Regel voller Stolz erzählt wird.

In unserer Gesellschaft ist es offenbar cool, Mathe nicht zu können. Niemals würde jemand sagen: "Oh, Lesen und Schreiben ist nicht so mein Ding, da war ich nie gut." Das ist jedem und jeder peinlich. Wir müssen dahin kommen, dass mangelnde Kenntnisse in Mathe und Datenkompetenz genauso peinlich sind. "Mathematik zu können, muss cool sein", sagt auch die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), wie auch die SZ schrieb. Erst wenn wir das schaffen, werden wir aus dem Mittelfeld aufsteigen können.

Prof. Dr. Markus Neuhäuser, Remagen

Müssen Viertklässler das wissen?

Im europäischen Vergleich schneiden unsere Viertklässler also in "Mathematik und Naturwissenschaften" nur mittelmäßig ab, wie immer solche länderübergreifenden Studien zustande kommen ... Nur mal so: Ich, Jahrgang 1951, hatte diese Fächer erst ab der 5. Klasse, und das im Gymnasium. Zuvor standen Grundrechenarten sowie Heimat- und Sachkunde auf dem Lehrplan, das erworbene, zugegeben bescheidene Wissen bildete die Grundlage für die schwierigeren Inhalte in den folgenden Schuljahren. Die beiden Beispiele aus der aktuellen Studie stellen mich trotz Abitur und Hochschulstudium vor gewisse Probleme. Die Anweisung zur Matheaufgabe lautet: "Fülle die Tabelle aus: Schreibe bei jeder Figur die Anzahl hinein, die man von der Figur braucht, um das ganze Quadrat auszulegen." Die Arbeitsanweisung ist unbeholfen formuliert und mit seinen zwei Nebensätzen schwer verständlich. Gemeint ist doch: Wie viel mal passt jede Figur in das Quadrat?

Beispiel zwei, das "Nahrungsnetz", gemeint ist die gebräuchlichere "Nahrungskette", würde ich, der Richtung der Pfeile folgend, spontan so interpretieren: Pflanzen fressen Käfer und Hasen, der Käfer frisst die Amsel, diese den Habicht, der auch dem Hasen als Nahrung dient. Amsel und Hase sind also "Nahrungskonkurrenten". Ob die völlig undurchdachte Skizze typisch für das "Ökosystem eines Waldes" ist, scheint mir zudem etwas fraglich. Und: Muss ein Viertklässler wirklich schon mit solchen Begriffen hantieren können? Aber na ja, wenn sie/er aus einem Elternhaus kommt, in dem "mehr als 100 Bücher stehen", wie es im Text heißt, kann man ja schon davon ausgehen! Hoffentlich heißt es nicht bald: Skandal! Wissensstandort Deutschland in Gefahr: Kita-Kind hat noch nie was von Mint- Fächern gehört!

Sybille Böhm, München

Mint-Fächern fehlt Anerkennung

Wieder mal ein Artikel, wie schlecht es um mathematische und naturwissenschaftliche Bildung steht. Hier gilt es die bestehende Freude der Kinder an Technik, Naturwissenschaften und Mathematik zu fördern. Welches Kind bleibt nicht gerne an einer Baustelle stehen? Dies geschieht leider in unserem Bildungssystem von Kindergarten bis zum Abitur nicht. Sogenannte kreative, musische und geisteswissenschaftliche Bildung wird deutlich mehr gefördert. Wie oft habe ich gehört "ich habe Mathematik auch nie verstanden", "Physik interessiert mich nicht". Die Deutschlehrerin meines Sohnes sagte zu mir "mit so einem Zeugnis (es war sehr gut) wird man doch nicht Ingenieur". Ich bin Mathematikerin und wurde sehr oft gefragt "warum machst du nichts Interessanteres?". All diese Bemerkungen führen nicht dazu, dass Schülerinnen und Schüler sich stärker für naturwissenschaftliche Fächer interessieren.

Dr. Ingrid Bausch-Gall, München

Bloß nicht zu viel denken

Das Streiflicht zu lesen ist eigentlich immer eine intellektuelle Freude. Diesmal aber dachte ich, ob es sich wohl um eine Satire handle? Tat es aber nicht. Der Autor oder die Autorin hat den Mathematik-Unterricht offensichtlich überlebt. Leider haben sich ihm oder ihr die Magie der unendlichen Zahlenwelt, die Schönheit der zwingenden Gesetzmäßigkeiten der Mathematik nicht eröffnet. Sehr schade!

Aber selbst wenn nicht: Dass die Mathematik den Geist schult, das logische Denken übt, das wenigstens könnte er/sie doch eingestehen? Hoffen wir, dass für den Autor, die Autorin, also für den "ganz normalen Menschen" (Zitat), das Wechselgeld immer stimmt und die Kreditraten "nachzählbar" bleiben. Alles andere rechnet ja das Handy aus, und das Gehirn ist schön ballastfrei.

Ulrike Auffhammer-Schleiffer, Hof

Nicht-Muttersprachler fördern

Das Ergebnis der Studie verwundert mich nicht. An meiner Gesamtschule konnte ich erleben, was es bedeutet, wenn Kinder nicht die Unterstützung ihrer Eltern bekommen können, weil sie in einem permanenten Existenzkampf leben; und was es bedeutet, wenn Deutsch nicht die Muttersprache der Kinder ist, aber das Schulsystem es nicht wertschätzt, wenn die Kinder eine andere Sprache als Deutsch bereits kennen. Das Schulsystem nimmt nämlich kaum Rücksicht darauf, dass Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben, verschiedene Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Zudem wird in den meisten Schulen noch nach dem 7-G-Prinzip gelehrt: Bei den gleichen Lehrerinnen und Lehrern lösen die gleichen Schülerinnen und Schüler in der gleichen Zeit die gleichen Aufgaben im gleichen Raum mit dem gleichen Tempo und einem zu erreichenden gleichen Ergebnis. Individuelle Differenzierung findet weitgehend nicht statt. Dieses ist ein Jahrzehnte altes Problem des deutschen selektiven Schulsystems, an dessen Erhaltung Kultusbürokratie, Lehrerverbände und Elternverbände mitwirken. Dieses Vorgehen benachteiligt Kinder, deren Eltern nicht so am Schulerfolg ihrer Kinder mitwirken können, die Kinder erleiden nachhaltige Bildungsdefizite und enorme Nachteile für ihren weiteren Lebensweg.

Darüber, was passieren muss, könnte ich stundenlang wütend reden, allein, es ist bekannt und kaum etwas passiert. Wer die deutsche Sprache unvollkommen beherrscht, hat auch Probleme in Mathematik, das zieht sich wie ein roter Faden durch alle Fächer. Umso mehr wundert es mich, wenn ich von zwei von mir betreuten Kindern mit Migrationshintergrund aus der 4. Grundschulklasse hören muss und es in ihren Heften nachvollziehen konnte, dass sie die auch für moderne Deutsche schwer verständliche Bayernhymne auswendig lernen müssen. Da fällt mir nur noch Greta ein: How dare you?

Conny Folger, München

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© SZ vom 07.01.2021
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