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Lisa Eckhart:Wie viel Polemik ist noch erträglich?

Eine harte und zugespitzte Kritik der österreich­ischen Kabarettistin hat gemischte Reaktionen von Leserinnen und Lesern ausgelöst.

Kabarettistin Lisa Eckhart stellt Debütroman ´Omama" vor

Erregt die Gemüter: Lisa Eckhart. Eine Kritik über die Kabarettistin aus Anlass ihrer Einladung ins „Literarische Quartett“ löste viele Leserreaktionen aus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zu "Die Truppenbetreuerin beim ZDF" vom 3. Dezember:

Überflüssige Stereotype

Maxim Biller zieht in dem Artikel in höchst persönlicher, diffamierender und herabwürdigender Weise gegen die ihm offenbar unerträgliche Lisa Eckhart zu Felde, und dass er sie nicht eine "Nazischlampe" nennt, ist wohl das Einzige, was fehlt, um den Kanon der Beschimpfungen zu vervollständigen. So weit, so gut, auf einen groben Klotz gehört nach seiner Lesart wohl ein grober Keil.

Was mich zutiefst erstaunt, ist, dass Menschen, die sich vehement gegen negative rassistische Stereotype auflehnen, diese selbst oft hemmungslos benutzen, sobald es positive rassistische Stereotype sind. Auch in Maxim Billers Welt sind "die Juden" offenbar alle gleich, nur sind sie eben nicht geldgierig und sexbesessen, sondern "temperamentvoll, weltläufig und für uns zu schnell im Kopf". Der Schritt zur Überwindung des rassistischen Denkens gemäß "Die Juden - Die Deutschen" scheint leider auch für Herrn Biller zu groß zu sein.

Dr. Robert Koburg, Hildburghausen

Zum Schaden des wahren Kampfs

Man kann über Lisa Eckharts Humor (oder was sie dafür hält) sicher geteilter Meinung sein. Aber was Maxim Biller da an hasserfüllten Tiraden über ihre Teilnahme am "Literarischen Quartett" von sich gibt, disqualifiziert ihn für jeden weiteren Diskurs über dieses Thema. Und er schadet damit dem Kampf gegen den evidenten Antisemitismus in unserer Gesellschaft.

Dr. Rainer Kandler, Bonn

Zu viel des belehrenden Tons

Ob die von Herrn Biller beanstandete Einladung von Frau Eckhart ins "Literarische Quartett" schon ein Sakrileg ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich finde es von Herrn Biller nicht schön, seine Kritik zum Anlass zu nehmen, unsere Eltern und Großeltern pauschal als Antisemiten zu beschimpfen. Die meinigen sind längst verstorben. Niemand von uns sehnt sich oder sehnte sich nach den Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zurück. Daran gab es nie Zweifel.

Umso erstaunter habe ich beobachtet, wie die Gedenkkultur in den Jahren immer weiter ausgebaut wurde. Das hat so etwas Belehrendes an sich und löst in mir allergische Reaktionen aus. Längst habe ich mich aus der einschlägigen Literatur ausführlich informiert. Aber ich sträube mich dagegen, mehrfach jedes Jahr auf Kommando traurig zu werden. Das geht zweifellos auch anderen so, und ich befürchte, dass damit das Gegenteil des erwünschten Ergebnisses erreicht wird.

Die Spaltung zwischen dem Volk der Opfer und dem der Täter wird sich nur vertiefen. Denn wir wollen nicht ständig am Pranger stehen, und wir wollen uns auch nicht ständig den Mund verbieten lassen.

Wo verläuft die Grenze erlaubter Kritik an Juden? Ist man schon Antisemit, wenn man bestimmte Juden kritisiert, weil sie zum Beispiel unschöne Vorurteile zu bestätigen scheinen? Ist man Antisemit, wenn man im Judentum einen tendenziell völkischen Charakter zu erkennen glaubt ("auserwähltes Volk")?

Gerade Marcel Reich-Ranicki war doch ein Beispiel dafür, zwar eine prononcierte Meinung zu vertreten, aber doch die Gegenrede zuzulassen. Davon lebte ja auch sein "Literarisches Quartett". Kritik durfte deutlich sein und war manchmal vernichtend, sie durfte nur nicht substanzlos oder wohlfeil sein. Diese Kultur droht uns mehr und mehr abhandenzukommen.

Rainer von Mellenthin, München

Hetzerischer Schreibstil

Der Artikel empört mich nicht so sehr, weil er Lisa Eckhart aufs Korn nimmt (ich finde diese Kabarettistin gut, andere tun das nicht), sondern vor allem wegen der hetzerischen Weise, in der er das tut. Er wirft ihr Antisemitismus vor, ist aber selber in einem an den Stil des Stürmers erinnernden Stil verfasst. Das geht schon mit der Überschrift in ihrer Bezeichnung als "Truppenbetreuerin" los und setzt sich mit Hinweisen auf ihre nicht deutsche Herkunft ("Ostmark-Kabarettisten") aus offenbar geistig minderbemitteltem Milieu "aus einem Dorf in der Steiermark" fort. Ihre Beschreibung "mit ihrer sehr, sehr blonden HJ-Frisur" verkennt total, dass Eckhart mit dieser Stilisierung ebenso wie mit ihren Judenwitzen gerade den bei den Zuhörerinnen und Zuhörern latent vorhandenen Antisemitismus sichtbar macht, der einem das Lachen im Halse stecken lässt.

Es ist gerade das Kennzeichen von Satire, dass zwischen dieser äußeren Form und dem inneren Aussagekern unterschieden werden muss. Es ist schon erstaunlich, in welch hohem Maße der Artikel diese Verfremdung verkennt.

Als den eigentlichen Skandal empfinde ich aber, dass die Süddeutsche einen solchen Artikel abgedruckt hat. Das hätte möglicherweise auf der Meinungsseite noch angehen können, gilt aber nicht für einen "Gastbeitrag" innerhalb des redaktionell verantworteten Teils. Gastbeiträge in der SZ waren bislang dadurch gekennzeichnet, dass Expertinnen oder Experten auf einem bestimmten Gebiet ihr Wissen einbringen. Damit war ein gewisses Renommee, aber auch eine seriöse Schreibweise verbunden. Wenn Gastbeiträge zukünftig in der Art des Biller-Beitrages verfasst werden können, entwertet die SZ damit auch die in der Vergangenheit veröffentlichten Beiträge.

Prof. Dr. Lothar Zechlin, Duisburg

Ranicki hätte den Text zerrissen

Ein schöneres Beispiel an zum Himmel schreiender Bigotterie habe ich lange nicht mehr gelesen. Maxim Biller als humoristische Instanz und moralischer Anwalt der Gutmenschen, ausgerechnet. Mit dem verstorbenen Marcel Reich-Ranicki als heuchlerisches Antipathie-Schutzschild. Herrschaftszeiten, ist das schäbig. Denn Biller selbst - das sich ständig als Grumpy Monkey inszenierende Enfant terrible der "Literaturszene" - weiß selbstverständlich um seine eigene Bäh-Haftigkeit.

Doch was nutzt es, sich ständig im überstrapazierten Pessimismus-Selbstbild-Sumpf zu suhlen, wenn keiner mehr zuhört. Dann doch lieber schnell den beliebten Literaturpapst vorschieben, wenn einem eine junge Österreicherin mit billerfernem Zugang zu Satire in die Quartett-Quere kommt. Einfach die Antisemitismus-Keule schwingen und sich eine SZ-Seite lang als Ethikprofessor des deutschsprachigen Kabaretts fühlen. Marcel Reich-Ranicki hätte ihm diesen Text um die Ohren gehauen.

Sandra Schmid, Seefeld

Unsägliche Intoleranz

HJ-Frisur, Nazi-Domina-Look und nasaler Offiziersmessen-Ton? Das scheint mir keine qualitativ hochwertige Aussage zu sein.

Ich glaube, Autor Biller sollte selbst erst mal ein bisschen an seinen verbalen Umgangsformen feilen, bevor er intelligenten Menschen ihre fragwürdige Kritik zumuten. Der Artikel scheint mir von unsäglicher Intoleranz.

Gert Wiescher, München

Nazi-Beschimpfung fehl am Platz

Ich mag Maxim Biller. Ich mag Lisa Eckhart. Ich mag Marcel Reich-Ranicki! Aber dessen Lebensleistung ob des Auftritts von Frau Eckhart in "seiner" Sendung als gescheitert zu wähnen, ist eine Art der Geringschätzung, die ich nicht nachvollziehen kann! Und zwar für beide nicht!

Wer das "Literarische Quartett" in seiner Ursprungsbesetzung kennenlernen durfte, dem war eines schnell klar: Kaum einer konnte mit einer derart glühenden Leidenschaft streiten wie Herr Reich-Ranicki. Wo er hinkritisierte, wuchs oft kein Gras mehr! Auch Frau Eckharts Kunstfigur teilt ordentlich aus, das ist unbestritten (und sie darf daher gerne einstecken). Frau Eckharts Roman mag kein großer literarischer Schuss sein. Aber da mit der Nazi-Keule draufzuhauen, ist so unpassend, wie Bruno Ganz ob seiner brillanten Hitler-Darstellung als Volksverhetzer zu verurteilen!

Von Herzen bedauere ich, dass der großartige Reich-Ranicki nicht mehr da ist, um mit Eckhart so richtig zu streiten. Es ginge dabei wohl alles andere als harmlos zu. Herrn Biller wünsche ich gute Besserung.

Andrea Hunner, Gaimersheim

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© SZ vom 10.12.2020
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