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Leserreaktionen zur Trennung von Dieter Hanitzsch:"Überzogene Reaktion"

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Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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Nach dem Abdruck einer umstrittenen Zeichnung hat sich die SZ von ihrem Karikaturisten Dieter Hanitzsch getrennt. Leserinnen und Lesern kritisieren das - eine Auswahl der Reaktionen.

Absurder Vorwurf

Hiermit möchte ich gegen den Rauswurf von Dieter Hanitzsch protestieren. Wer ihn kennt, weiß, dass er kein Antisemit ist, und wer den Stürmer kennt, weiß, dass Hanitzschs Zeichnung zu Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nichts damit zu tun hat. Die Karikatur ist nicht sehr gut und nicht komisch, und ich bin auch nicht völlig mit ihrer Aussage einverstanden, aber sie ist eine Karikatur und nicht mehr. Dass Michael Wolffsohn ausgerechnet in der Bild-Zeitung diesen absurden Vorwurf erhebt, wird niemanden wundern, aber dass Sie ihm darin zustimmen, ist erstaunlich und erbärmlich! Die Chefredaktion sollte sich bei Herrn Hanitzsch entschuldigen. Tibor Rácskai, München

"Je suis Hanitzsch"

Was muss ich da lesen?! Ich kann es kaum glauben: Die SZ kündigt dem Karikaturisten Dieter Hanitzsch, weil er den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit zu großen Ohren gezeichnet hat. Und der Chefredakteur entschuldigt sich. Hat sich jemals ein SZ-Chefredakteur bei Hans-Dietrich Genscher dafür entschuldigt, dass ihn Generationen von Karikaturisten (einschließlich E. M. Lang) mit Elefantenohren zeichneten? Ist es wirklich so schwierig, das richtige Maß zu finden? In Frankreich würde sich wahrscheinlich jetzt eine "Je suis Hanitzsch"-Bewegung bilden. Was ist aus meiner, einstmals liberalen SZ geworden? Herbert Eugen Schmid, München

Schlag nach bei Tucholsky

Mit gelindem Entsetzen habe ich die Trennung der SZ von Dieter Hanitzsch zur Kenntnis genommen. Dessen Netanjahu-Karikatur habe ich ausdrücklich nicht als antisemitisch empfunden. Hanitzsch greift einen Politiker an, aus dessen Gesichtszügen er einige charakteristische Züge herauspräpariert und überzeichnet - man denke etwa an die buschigen Augenbrauen Theo Waigels. Wenn der Davidstern emblematisch für Israel steht, dann weil das Land ihn in seine Staatsfahne aufgenommen hat; er hat dieselbe heraldische Bedeutung wie der Bundesadler. Wenn Israel damit als Staat ein Symbol für sich in Anspruch nimmt, das zugleich für das gesamte Judentum steht, ist das sicher bisweilen ein Problem, aber ganz bestimmt nicht das von Herrn Hanitzsch. Hanitzsch hat getan, was ein Satiriker tun soll und tun darf: Durch drastische Überzeichnung eine Situation, eine Handlung seiner Kritik - die ich selbst so nicht teile - unterzogen. "Satire darf alles", sagte Kurt Tucholsky. Schon vergessen? Dr. Thomas Scheben, Frankfurt am Main

Er hat es ja bedauert

Es ist sehr enttäuschend, dass sich die SZ in solcher reflexhaften Weise der Antisemitismuskritik stellt. Dass Hanitzsch hier eine sehr unglückliche Zeichnung erstellt hat, indem er unbedacht Klischees ebensolcher antisemitischer Mentalität verwendet hat, steht außer Frage und das hat er ja wohl auch selbst bedauert. Genügt das nicht? Wir sollten jeden möglichen Respekt vor den Opfern von Antisemitismus aufbringen, aber der kann ja wohl nicht darin bestehen, auf jeglichen moralischen Einwand und jede Verletztheit mit einer Ultima Ratio - hier in Form einer Aufkündigung langjähriger Zusammenarbeit - zu antworten. Eines ist sicher, einer tatsächlichen Bewältigung von Antisemitismus ist damit nicht gedient. Henning Kaltheuner, Leverkusen

Beklemmend

Wie muss ich mir als Leserin die reale und die ideelle Verfassung der SZ-Redaktion vorstellen, wenn eine einzelne Karikatur das Ende einer langjährigen Zusammenarbeit nach sich zieht? Beklemmend, was in diesen Zeiten alles geht (Aufkündigung einer fortlaufenden professionellen Partnerschaft), und was alles nicht geht (Ausübung künstlerischer Freiheit)! Wohin führt das alles? Sigrid Droste-Sagasser, Weidach

Dauerthema Israel

Karikaturen (als Kunstform) sollten die Möglichkeit schlüssiger Interpretation(en) bieten. Darüber lässt sich vielleicht Konsens herstellen. Die Karikatur von Dieter Hanitzsch bietet mehrere Interpretationsmöglichkeiten, die für sich betrachtet, da alle in Ansatz und Ergebnis eindimensional, nicht schlüssig sein können. Die Interpretationen müssen unbefriedigend bleiben, weil sie lückenhaft sind. Deshalb, so meine ich, ist die Karikatur nicht gelungen. Es ist müßig, darauf hinzuweisen, dass es inhaltlich um die Dauerthemen Politik des Staates Israel und/versus das Antisemitismusproblem geht, (das Ganze hier vor der Folie eines Gesangswettbewerbs). Themen, die sich a priori antagonistisch gegenüberstehen. Ob die inkriminierte Karikatur allerdings die Brisanz hatte, dass sich die SZ zur Trennung von ihrem langjährigen Zeichner veranlasst sehen musste, wage ich, die innerredaktionelle Diskussion nicht kennend, stark zu bezweifeln. Robert Tomaske, Bochum

Steilvorlage für die AfD

Mit Fassungslosigkeit habe ich die "Causa Hanitzsch" in Ihrer Zeitung, die ich seit Jahren lese, verfolgt. Es kann nicht sein, dass Sie jedes noch so verrückt inszenierte Theaterstück mit der Freiheit der Kunst verteidigen und die Meinungsfreiheit angeblich hochhalten, und bei Dieter Hanitzsch das alles nicht gelten soll. Reizfiguren wie die Herren Trump, Erdoğan, Orbán müssen das unwidersprochen aushalten, bei Benjamin Netanjahu folgt sogleich der Kotau des Chefredakteurs. Das genügte aber nicht. Wer auch immer dahintersteht, es musste noch der Rauswurf erfolgen. Ob Sie darauf stolz sein wollen, dem Antisemitismus einen großen Dienst erwiesen und der AfD eine Steilvorlage für die Landtagswahl in Bayern gegeben zu haben, bleibt Ihnen überlassen. Annegret Rätsch, Icking

Weiße Fläche, ohne Kommentar

Als langjähriger begeisterter Leser der SZ möchte ich meine Verwunderung, ja mein Entsetzen darüber zum Ausdruck bringen, in welcher Art und Weise man mit der Karikatur vom 15. Mai umgeht. Ich bin weiß Gott kein Fall für den Antisemitismusbeauftragten, aber es erstaunt mich schon, dass eindeutige und jahrelange Völkerrechtsverstöße Israels offenbar auch von meiner Zeitung mit anderem Maß gemessen werden, als ebensolche der Hamas, Putins, Erdoğans oder Assads, die vollkommen zu Recht scharf und ausdauernd kommentiert und kritisiert werden.

In der Sache kann man zugegeben geteilter Meinung sein, auch Beschwerden der Kultusgemeinde oder des Beauftragten der Bundesregierung sind gewiss nicht von Pappe, aber es ist für ein kritisches Organ wie die SZ gewiss nicht neu, dass sich Interessengruppen oder die Politik einzumischen versuchen.

Was mich viel mehr irritiert, ist die Art und Weise, wie man im Nachgang mit dem Problem umgeht. Der kleine, verschämte "Widerruf" ("In eigener Sache") und das komplette Aussparen des Themas auf sz.de (während andere Medien prominent über das Thema berichten), das nachträgliche zensurartige Entfernen der Karikatur in der SZ-plus-Ausgabe ohne Kommentar zur verbleibenden weißen Fläche, kein Forumsangebot zur Diskussion, all das ist so gar nicht typisch SZ, wie ich sie kenne. Von (m)einer unabhängigen, unparteiischen und unerschrockenen SZ erwarte ich, dass sie ihren ausgesprochen hohen Idealen auch in eigener Sache nachkommt. Konrad Obermaier, Wasserburg/Inn