WokenessLinke Arroganz und rechte Propaganda

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In München wird gegen das Genderverbot demonstriert.
In München wird gegen das Genderverbot demonstriert. Felix Hörhager/dpa

Wenn Leser über Wokeness diskutieren, wird es sehr grundsätzlich und eher heftig: Werden die Linken diffamiert von rechts oder verrennen sie sich?

Kommentar „Woke war gestern“ vom 29./30. November:

Rechte Narrative

Schade, Ihr Kommentar zeigt auf, wie leicht man infolge der Emotionalisierung durch die Rechten auf deren Narrative hereinfallen kann. Die Wokeness will niemandem etwas aufdrücken, das wird von den rechtsextremen und rechtskonservativen Kräften immer nur so dargestellt und von den Medien willfährig übernommen. Vielleicht liegt es aber auch an der sogenannten Mitte, dass sie lieber auf dem linken Auge blind ist und mit dem rechten liebäugelt.

Sie nennen ja selber die von rechten Einstellungen missgedeuteten Themata: Migration, Gendern, Veganismus; das sogenannte Heizungsgesetz und das Verbrennerverbot fehlen allerdings noch. Sie verbreiten, ebenfalls wie die Rechten, Unwahrheiten, zum Beispiel über kein Verständnis für Ängste vor Bahnhofsvierteln oder der Wegnahme des Steaks. Und Sie machen Whataboutism, wenn Sie fordern, sich doch lieber für andere Regelungen für Geflüchtete oder gegen die Nutztierhaltung einzusetzen, was woke Menschen übrigens schon länger tun. Und sie weisen der woken Gemeinschaft die Schuld für Ungerechtigkeit zu, weil sie nicht von unten dagegen vorgehen würde, was die politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse völlig falsch darstellt.

Die billigen Beispiele von nach Bali reisenden Klima-Aktivisten unterstützen die Gegnerschaft zur Wokeness. Da sollte man schon eher den Duden kritisieren, der den rechten Umgang mit Wokeness in die Übersetzung oder Definition hat einfließen lassen, also gar nicht neutral ist, was man ja erwarten sollte. Woke wird nie gestern sein, im Gegensatz zu rechts.

Michael Beck, Wolfenbüttel

Rechte Zuschreibungen

Vorsicht, meines Wissens hat sich im 20. Jahrhundert kein Mensch, der sich gegen Rassismus und für Minderheitenrechte eingesetzt hat, selbst als „woke“ bezeichnet – der Begriff kommt aus den 1930er-Jahren – oder sich selbst und sein Handeln als moralisch überlegen gekennzeichnet. Das sind Wertungen, Parolen und Zuschreibungen, die aus rechten Kreisen stammen und erfolgreich zu einer Diffamierung von Menschen geführt haben, die sich aktiv und engagiert für oben genannte Ziele einsetzen.

Die immer wieder behauptete „vermeintliche moralische Überlegenheit“ und das „vermeintliche Ausgießen von Häme und Verächtlichmachung anderer“ dieser Menschen existiert nur in rechtem Gedankengut. Insofern – wie soll die Aufforderung an Menschen, die sich für oben genannte Ziele einsetzen, lauten? Setzt euch weniger gegen Rassismus und für Minderheitenschutz ein?

Anette Nierhoff, Bochum

Blaupause für Krawall?

Ist das jetzt die Blaupause für krawallige Social-Media-Portale oder für Politiker, die registrieren, dass Regieren sich schwieriger gestaltet als Opposition? Eine Unzahl von Versatzstücken, die vorgeblich linke Glaubenssätze anprangern. Moralinsauer, Gendern, natürlich Ideologie und die beliebten angeblichen Verbote sind die nicht selten einzigen Inhalte, mit denen einige Politiker ihre Programme ausschließlich schmücken. Das reicht für die Deutungshoheit in Bierzelten und für relative Mehrheiten. Argumentativ ist gegen diese unscharfen Begriffe nicht anzukommen.

Damit liefern Sie den geistigen Unterbau für das, was Krawallmedien und Krawallpolitiker salopp „links-grün-versiffte Ideologie“ nennen. Erkenntnisgewinn für den Leser? Verbesserungen für misshandelte Frauen? Lösungen für die Umwelt? Einzelne, durchaus zu diskutierende Fälle dienen als Beleg für destruktives Vorgehen einer wie auch immer definierten linken Identitätspolitik. Alle Linken fliegen nach Bali, alle nutzen Plastik, keiner fährt umweltfreundlich Kutsche.

Der NDR war sicher etwas eilig, hat aber kein Alleinstellungsmerkmal. Der spätere krawallige Generalsekretär der CDU, Heiner Geißler, des Sozialismus eher unverdächtig, ließ seinerzeit „Schweinchen Dick“ im ZDF absetzen, es lebe von der „Schadenfreude, die mit besonderer Hartnäckigkeit und Boshaftigkeit umgesetzt wird“. Könnte auch zum einen oder anderen Ministerpräsidenten passen. Und wo ist der Unterschied zwischen Absetzen und Verbot? Der Bayerische Rundfunk lässt grüßen.

Hat die Story von irgendwelchen Verboten – neudeutsch: Narrativ – irgendwelche Auswirkungen auf die realen Probleme der Bürger? Ja, wer ein Haus sanieren muss, erfährt erst von seinem Energieberater, dass es gar keine Verbote oder einen Zwang zu Wärmepumpen gibt. Ja, die Grünen sind diskreditiert durch immer gleiche Behauptungen über Verbote, das Ahrtal zahlt währenddessen für die Freizügigkeit beim Klimaschutz. Ja, die Sozis sind eine Randpartei, die die Christdemokraten angeblich vor sich hertreibt. Und die Christdemokraten haben zwar nicht gewonnen, aber nicht ganz so viel verloren, und dürfen Gesetze dehnen, wie sie wollen. Und ja, den Rechtsextremen schadet es nicht, wenn von den vorgeblich christlichen und konservativen Politikern die Parolen der AfD demokratisch geadelt werden und der Wähler zu dem Schluss kommen muss, dass das Gerede von Kopftuchmädchen und kleinen Paschas Common Sense ist.

Es könnte einem egal sein, aber neben der verschwendeten Zeit für die Lektüre verhindert es, sich mit den wahren Gründen für den Aufstieg der Rechtsextremen auseinanderzusetzen. Aber nein, sichtbar wird angeblich das Gegenteil des Gewünschten: kein Gendern an Bayerns Schulen, keine Regenbogenflagge auf dem Reichstag, keine Fleischbezeichnungen für Ersatzprodukte. Nicht ganz widerspruchsfrei: alles Verbote.

Zu guter Letzt ein Sammelsurium an guten Ratschlägen, so beliebig wie Douglas Adams’ Antwort 42 auf die Fragen aller Fragen. Bedingungen ändern, klar. Keine Sammelunterkünfte, die gesetzten Damen und Herren in den Vorstädten freuen sich über bunte Folklore aus fremden Ländern wie über die Wärmepumpe. Und Nutztiere schützen. Durch bayerische Behörden, die immer wieder mit Missbrauchsskandalen konfrontiert werden?

Bitte immer daran denken, die Leser einer gedruckten Zeitung haben oft noch gelernt und hoffentlich bewahrt, kontroverse Themen mit einer gewissen inhaltlichen Tiefe zu diskutieren. Wenn Leitartikel nur noch aus Plattitüden der sozialen Medien bestehen, könnte es den Qualitätsmedien ähnlich gehen wie den demokratischen Politikern, die die Parolen der AfD übernehmen: die Leser wie auch die Bürger wählen lieber das Original.

Volker Schmidt, Wachtberg

Abweichende Meinungen akzeptieren

Mit großer Freude habe ich den Artikel von Frau Behbehani gelesen. Es ist ja gerade diese moralische Erhebung der Linken und Grünen, die so undemokratisch ist, da sie abweichende Meinungen nicht akzeptieren kann und sich einer Diskussion verweigert. Da ist es einfacher, gegen unliebsame Personen Stimmung zu machen und deren Ausladung durchzusetzen.

Genau diese Unduldsamkeit wurde auch von Teilen der 68er-Generation praktiziert. Dass Frau Behbehani in Ihrer Zeitung diesen Platz eingeräumt bekommt, scheint auch bei Ihnen ein Umdenken anzuzeigen. Die zunehmende Stärke der AfD resultiert ja nicht aus deren überzeugenden Argumenten, sondern aus der Enttäuschung, von den „Leitmedien“ nicht mehr objektiv unterrichtet, sondern belehrt zu werden. Zu Recht verweist die Autorin auf Neukölln, wo Herr Hikel hinwerfen will und damit wahrscheinlich auch die Integrationsbeauftragte, Frau Balci. Dort hatte schon der verdiente Stadtteilbürgermeister Heinz Buschkowsky einen schweren Stand, da ihm damals von der eigenen Partei die Unterstützung verweigert worden war.

Man mag zu Herrn Sarrazin stehen, wie man will: Helmut Schmidt hatte damals gemeint, er habe eine wichtige Diskussion angestoßen. Diese wurde aber im Mainstream der kollektiven Verdammung nie geführt. Auch der Beitrag von Klaus von Dohnanyi für die SZ konnte in der Printausgabe nicht erscheinen (Irrtum, der Beitrag „Feigheit vor dem Wort“ ist digital sowie am 6. September 2010 ebenso in der gedruckten SZ erschienen; d. Red.). Ich hoffe sehr, dass in der SZ, deren Leser ich seit 60 Jahren bin, wieder ein (sozial-)liberalerer Geist einkehrt. Von der SPD, die ich über Jahrzehnte unterstützt habe, erwarte ich dies nicht mehr.

Dr. Hans-Ernst Lodermeier, Deggendorf

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