„Ordnung? Welche Ordnung?“ und „Dieser Präsident ist ein Schummler“ beide vom 8. Juli und „Die größte Bedrohung heißt Gianni Infantino“ vom 7. Juli:
Regelbruch
Mit der Entscheidung, die Rotsperre eines Spielers der US-Nationalmannschaft „zur Bewährung auszusetzen“, hat die Fifa ihre eigenen Regeln gebrochen. Ihr Disziplinarausschuss (Disciplinary Committee) war zu dieser Entscheidung nicht befugt. Er kann zwar offensichtliche Fehlentscheidungen des Schiedsrichters (obvious errors) korrigieren (Art. 56 Nr. 1 Buchst. b Disciplinary Code) und disziplinarische Folgen einer solchen Fehlentscheidung überprüfen (Art. 9 Nr. 2). Was er aber nicht kann: die Rechtsfolgen eines Platzverweises zur Bewährung aussetzen.
Wenn der Schiedsrichter einem Spieler die rote Karte zeigt, so hat der Platzverweis dessen Sperre für das nächste Spiel automatisch (automatically) zur Folge (Art. 66 Nr. 4 Satz 1). Daran kann kein Disziplinarausschuss etwas ändern. Eine Aussetzung zur Bewährung ist im Regelwerk der Fifa nicht vorgesehen, es gibt sie nicht. Der Grund dafür ist denkbar einfach. Zur Bewährung ausgesetzt werden kann nur die Vollstreckung (implementation) einer disziplinarischen Maßnahme (Art. 27). Eine automatisch eintretende Rechtsfolge wie die Rotsperre für das nächste Spiel bedarf aber keiner Vollstreckung.
Es verhält sich hiermit nicht anders als mit dem Entzug der Fahrerlaubnis: Die Wirkung, das Erlöschen der Fahrerlaubnis, tritt mit Rechtskraft des Urteils automatisch ein (§ 69 Abs. 3 Satz 1 StGB), eine Vollstreckung ist weder nötig noch möglich, für eine Aussetzung zur Bewährung ist kein Raum. Mit seiner offensichtlichen Fehlentscheidung hat der Disziplinarausschuss die Grenzen seiner Kompetenz willkürlich erweitert.
Martin Niemöller, Ettlingen
Oberster Schiedsrichter
Schon die Überschrift offenbart die Verirrung des Sportphilosophen: Wie abwegig, Trump verharmlosend bloß als „Schummler“ zu bezeichnen, wenn er nun auch noch die Welt des Sports zerstört. Sie kommt nicht von ungefähr. Denn es geht hier in der Tat um Wahrheit, die philosophische Kategorie schlechthin. Gunter Gebauer behauptet jetzt erstens, dass in der „gewöhnlichen Welt“ Wahrheit immer unklar und umstritten bleibt. Während, zweitens, allein im Sport eine „gesicherte Wahrheit“ möglich und wirklich sei. Nämlich, drittens, durch das, was man „Tatsachenentscheidung“ nennt. Hier könne der Schiedsrichter „aufgrund seines Reglements für alle, die sich diesem Reglement unterwerfen, für sich reklamieren, zu sagen: Das und jenes ist die Wahrheit“.
Trump überträgt diese sportliche Regel auf das alltägliche, politische, gesellschaftliche Leben und verlangt, dass sich alle diesem Reglement unterwerfen. Er nimmt in Anspruch, der oberste Schiedsrichter in der politischen Welt zu sein, der darüber entscheidet, was hier als Tatsache zu gelten hat. Es ist dieses Verhalten, das Trump jetzt bei der Fußball-Weltmeisterschaft aus seiner Welt rücküberträgt in die Welt, aus der es ursprünglich stammt. Diese Rückübertragung aber kann man nicht überzeugend kritisieren, wenn man, wie Gebauer, behauptet, dass es nur im Spiel eine „gesicherte Wahrheit“ gebe, außerhalb aber nicht. Wieso sollte man dann die Regeln des Fußballspiels nicht als Vorbild für Politik nehmen, wie Trump es tut? Wenn es gar keine anderen Wahrheiten als diese sogenannten „Tatsachenwahrheiten“ gibt, hat Trump gewonnen und die Wahrheit verloren.
Aber gerade innerhalb des Fußballspiels gibt es auch noch echte Wahrheiten, zum Beispiel wenn der VAR (Video Assistant Referee) zeigt, dass der Entscheid des Schiedsrichters, es habe sich um ein Foul gehandelt, den wirklichen Tatsachen entspricht. Oder der Spieler das im Nachhinein gar selbst zugeben würde, er seine Alltagsmoral also in das Spiel hinübernimmt, wo man sie Fairness nennt.
Klaus Wagner-Labitzke, München
Orange Karte
Präsident Trump verdient eine „orange Karte“ für sein Verhalten, das einer „roten Karte“ gleichkommt – angesichts der Korruption, die er in die Fifa und den Fußballsport hineingetragen hat.
Als ich selbst verschiedene Sportarten ausübte und als Trainer tätig war, galt ein Grundsatz: Die Schiedsrichter hatten immer recht, und ihre Entscheidungen wurden akzeptiert – selbst wenn ihnen etwas entgangen war oder sie einen Fehler gemacht hatten.
Ja, Fehler passieren, aber wir müssen auf die grundlegende Integrität der Menschen und des Systems vertrauen. Könnte ich die Ergebnisse vieler Ereignisse ändern, wäre – zumindest meine – Welt sicher besser dran; doch glücklicherweise kann ich das nicht, und ich sollte es auch gar nicht erst versuchen. Spielt fair.
Dennis Fitzgerald, Box Hill, Vic/Australien
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