Wehrpflicht-DebatteZwischen Pazifismus und Abschreckung

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(Foto: Illustration: Claudia Klein)

Die Begeisterung für einen verpflichtenden Wehrdienst hält sich bei manchen SZ-Lesern in Grenzen. Einige halten ihn auch für dringend nötig.

„Es braucht die Wehrpflicht“ vom 27. Oktober, „Krieg ist ungerecht“  und „Blindes Schicksal“ vom 25./26. Oktober, „Die Gewissensfrage“ vom 22. Oktober sowie „Drill, Baby, Drill“ vom 18./19. Oktober:

Verpflichtender Staatsdienst

Die Debatte um das Für und Wider eines verpflichtenden Wehrdienstes polarisiert unnötig und lenkt von der Einführung, eines aus meiner Sicht längst überfälligen „Staatsdienstes“ ab, der als Zivil- oder Wehrdienst abgeleistet werden kann und für alle Geschlechter verpflichtend ist.

Wer es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, einen Wehrdienst abzuleisten, kann und soll das an anderer Stelle tun, wie im damaligen Zivildienst. Wenn der Autor von „Drill, Baby, Drill“ bekräftigt, er wolle und könne nicht töten, sei aber zu anderen Leistungen für das von ihm als „gutes Land“ charakterisierte Deutschland bereit, dann bitte.

Dieser Dienst sollte bis zu einem bestimmten Alter abgeleistet werden, da er sich nach Schule oder Berufsausbildung am besten in den Lebenslauf integrieren lässt und nebenbei auch den eigenen Horizont erweitert. Allein das Adjektiv „verpflichtend“ scheint aber für viele Bürgerinnen und Bürger dieses Landes und auch im Vokabular der nach Stimmen heischenden Politiker ein absolutes Tabu zu sein. Genau jetzt ist der Zeitpunkt für ein Pflichtjahr für alle, aber es braucht Ideen, Menschen, Politiker, Journalisten, die das Thema besonnen und ohne Spektakel kommunizieren und dann aber auch entscheiden.

Oliver Schulze, Detmold

EU-Staaten sind doch überlegen

Ich denke nicht, dass es die Wehrpflicht braucht. Selbstverständlich ist es wichtig – überlebenswichtig –, verteidigungsfähig zu sein, auch mit Blick auf Russland. Ob Russland jedoch tatsächlich eine Gefahr für die EU- und Nato-Staaten darstellt, erscheint höchst fraglich. Schließlich geben die Nato-Staaten jährlich ein Vielfaches dessen für das Militär aus, was Russland aufwendet. Deshalb ist auch eine Erhöhung der Militärausgaben auf über zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr als fragwürdig.

Schon konventionell militärisch bescheinigt den europäischen Nato-Staaten eine Greenpeace-Studie im Vergleich zu Russland eine gewisse Überlegenheit. Unabhängig davon konnte mir bislang noch kein Experte erklären, warum Russland die Nato überhaupt angreifen sollte?

Reiner Gorning, Hamburg

So einfach geht das nicht

Herr Bovermann macht es sich mit seinem ja durchaus verständlichen Gewissenskonflikt, nicht töten zu wollen, schon ein bisschen einfach. Er wäre in diesem Falle „weg“. Wohin wäre er dann? In einem russisch besetzten Territorium wäre er tatsächlich weg, in Sibirien vermutlich. Noch naiver ist seine Bemerkung, wenn sich keiner wehre, ergäben wir uns halt. Hätten die Alliierten so gedacht, hätten wir Millionen mehr jüdische und andere Ermordete und heute noch ein Großdeutsches Reich, aber kein „gutes Land“, wie er es selbst zugibt. Bovermann blendet aus, dass es Situationen gibt wie bei Überfällen islamistischer Terrorgruppen, wie der Hamas oder in Afrika, wo man durch Töten der Angreifer Leben retten kann. Hätten alle diese Einstellung, hätten wir keine Polizei und keine Feuerwehr, die alle ihr Leben für andere riskieren.

Dr. Hans Jungk, München

Mutiges Bekenntnis

Sehr geehrter Herr Bovermann, beim Lesen Ihres Artikels wurde mir recht warm ums Herz. Die Lektüre der Süddeutschen und manche darin vertretenen Positionen sind häufig ein Gang über die Seufzerbrücke. Bei Ihren Zeilen war das ganz anders, und ich finde Ihre Gedanken und das persönliche Bekenntnis zum Nicht-Töten in diesen Zeiten mutig und goldrichtig.

Axel Dieks, München

Selbstverständlichkeiten

Zwei Drittel einer ganzen Feuilleton-Seite braucht Philipp Bovermann, um im Ergebnis nichts anderes zu tun, als Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes zu paraphrasieren: Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Auch der Autor nicht. Hätte der Autor diesen Grundgesetz-Artikel erwähnt, wäre von seiner kritischen Aufklärungsattitüde nichts geblieben. Außer der Erkenntnis, dass unsere Verfassung so schlecht nicht ist.

Artikel 87 Absatz 1 des Grundgesetzes bleibt davon unberührt. Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf. Deren Umfang sollte sich an den Erfordernissen der Landesverteidigung ausrichten und weniger an der durch Meinungsumfragen belegten oder widerlegten Zustimmung potenziell Wehrpflichtiger. So wie bei den Steuern auch.

Dr. Tomas Bauer, Olching

„Nein, meine Söhne geb’ ich nicht!“

Im Deutschen Bundestag wird derzeit eifrig unter den Parteien über eine neue Wehrpflicht diskutiert. Gestritten wird, nicht zu Unrecht, über ein Losverfahren, das an den Vietnamkrieg erinnert. Amerikanische Jugendliche wurden damals per Los dazu verpflichtet, in einen Krieg zu ziehen, in dem letztlich 58 000 US-Soldaten umkamen.

Man spricht, dass die Bundeswehr dringend 80 000 weitere Soldaten benötigt. Neben dem Diskussionspunkt, ob wir nicht besser verhandeln sollten, statt zum Krieg zu rüsten, stellt sich doch die alles entscheidende Frage: Was nützen der Bundeswehr Wehrpflichtige, die ein halbes Jahr „dienen“ sollen? Ein moderner Krieg würde heute nicht mehr mit Panzern und Maschinengewehren geführt. Es braucht also eine gründliche, langwierige Ausbildung an hochkomplexen Maschinen, da hilft es nicht, dass die meisten Jugendlichen via Computer schon einmal irgendwelche Kriegsspiele gespielt haben.

Deutschland fehlt es unter anderem auch an Ärzten und Lehrern, aber bis jetzt kam zum Glück noch kein Politiker auf die Idee, eine Zwangsverpflichtung für den Dienst als Arzt oder als Lehrer für junge Menschen einzuführen.

Fast unerwähnt bleibt bei dieser Debatte auch, dass derzeit sowohl Kasernen für die Wehrpflichtigen wie Ausbilder und Waffen zum Üben fehlen. Diskutiert wird auch nicht, wo und wofür die Wehrpflichtigen eingesetzt werden sollen. Derzeit befinden sich deutsche Soldaten unter anderem im Irak, in Libanon, im Südsudan. Sollen die jungen Wehrpflichtigen dann „zum Schnuppern“ auch mal kurz auf einen Auslandseinsatz?

Angesichts all dieser Punkte stimme ich mit vollem Herzen Reinhard Mey zu, der bereits 1986 sang: „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht!“ (und ich sage, natürlich auch nicht meine Töchter).

Doris Gehrke, Gundelfingen

Befremdliches Gejammer

Kurt Kister sei Dank für seine unaufgeregte, fundierte Betrachtung des Themas „Wehrdienst“. Ich selbst war Soldat von 1956 bis 1993. Die Bedrohungslage war damals nicht unähnlich der heutigen.

Die Gesellschaft muss sich entscheiden: Erkennt sie die Bedrohung und ist sie bereit, sich zu widersetzen. Dann nicht morgen oder vielleicht, sondern jetzt. Das Gejammer um die jungen Männer und ihre Klagen über erneute Belastung nach Corona ist vor dem Hintergrund der Bedrohung befremdlich. Ihren Großvätern passte ab 1956 in der schweren Aufbauphase der Bundesrepublik, gerade elf Jahre nach der totalen Niederlage, die Einberufung vor Studium und Berufsausbildung auch nicht. Aber 1969 hatte Willy Brandt 450 000 aktive deutschen Soldaten und 700 000 beorderte deutsche Reservisten im Rücken, als er seine neue Ostpolitik wagte, die schließlich zur deutschen Wiedervereinigung führte. Im Schutz der Nato mit der sehr starken Bundeswehr hatten wir gute 40 Jahre.

Das endlose Gezanke heute um die Wehrfähigkeit Deutschlands ist unwürdig und verantwortungslos. Der russische Kriegsherr Putin hat seine Ziele früh und wiederholt benannt: Unterwerfung der Ukraine, die neuen Nato-Staaten von Estland bis Bulgarien raus aus der Nato und neutral, US-amerikanische Waffen raus aus Europa. Gnade der Ukraine, wenn sie kapitulieren muss, und uns, wenn wir uns nicht bald uns verteidigen können.

Gustav Lünenborg, Oberstleutnant a. D., Hamburg

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