Verkehrspolitik:Bahn- und Flugchaos waren absehbar

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Verkehrspolitik: Verspätungen und Zugausfälle: Inzwischen gehört das zum Bahnfahren dazu.

Verspätungen und Zugausfälle: Inzwischen gehört das zum Bahnfahren dazu.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

SZ-Leser üben heftige Kritik an der Politik, die schon seit Langem zu wenig in das Schienennetz investiert hat, und an der Lufthansa. Doch es gibt auch Stimmen, die dem Stillstand etwas Gutes abgewinnen können.

"Deutschland, Republik des Stillstands" und "Zahlenwerk vom Überzeugungstäter" vom 2. Juli:

Aussitzen war die Devise

Rien ne va plus (Nichts geht mehr). Seit Adenauers Zeiten wurde der Ausbau der Deutschen Bahn sträflich vernachlässigt. Was sich seit Jahren rächt. Unter Angela Merkel gab es 16 Jahre Stillstand. Aussitzen war die Devise. Das gilt jedoch nicht nur für die verfehlte Verkehrspolitik. Inzwischen ist die Bundesrepublik auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Wenn Zyniker behaupten: "Das Einzige, was bei uns klappt, sind die Türen", so ist das nicht von der Hand zu weisen. Die Regierung muss sehen, wie sie mit dem Chaos klarkommt. Viel Glück! Eine Spielbank kann leider nicht helfen.

Norbert Kemp, Regenstauf

Stillstand ist nachhaltig

Bleibt einfach zu Hause! Viele Infrastrukturen sind in keinem guten Zustand. Um zu dieser Einschätzung zu kommen, ist nicht viel Sachverstand erforderlich. Es reicht, gelegentlich mal die Autobahn oder die Bahn zu nutzen. Die Ursachen dafür sind kompliziert und auch für viele Infrastrukturnutzer weniger erfreulich. Natürlich gibt es einen gewaltigen Investitionsstau, und ebenso offensichtlich ist das Missmanagement in Politik und Wirtschaft. Wann tritt der komplett überforderte Vorstand der Bahn endlich zurück?

Hinzu kommt aber noch ein weiterer wichtiger Aspekt, der interessanterweise gerne vergessen wird, und er hängt zusammen mit der Frage, warum unsere Infrastrukturen so überfordert sind? Warum reichen sie nicht mehr? Die Bevölkerung in Deutschland wächst nicht. Und dennoch wächst der Bedarf nach Infrastrukturen. Der Grund dafür ist eine Kombination aus sich verändernden Mobilitätsansprüchen, Konsumgewohnheiten und Wertschöpfungsstrukturen der Wirtschaft. Wir sind eher unterwegs. Wir sorgen für mehr Pakete, die verschickt werden.

Unternehmen reden gerne davon, dass sie dem Primat der Effizienz folgen. Die Infrastrukturen, die entstehen, um unsere Konsum- und Produktionsstrukturen zu ermöglichen, entfernen sich jedoch immer weiter von diesem Ziel. Globale Wertschöpfungsketten mögen Kostenvorteile haben, weil Menschen in anderen Ländern schlecht bezahlt, wenn nicht ausgebeutet werden, aber sie sind nicht effizient unter dem Gesichtspunkt der Ressourcennutzung. Das gleiche gilt für den Onlinehandel und der Versendung von kleinen Einzelbestellungen plus Retouren. Autofahrten oder Flüge sind in der Regel auch keine effizienten Formen der Zeitnutzung. Aber wir sind Meister im Wegrationalisieren solcher Zusammenhänge.

Wir erzeugen immer mehr Bedarf an Infrastrukturen und beschweren uns, wenn nicht alles so funktioniert, wie wir es erwarten. Dabei wäre es überfällig, diese Erwartungen und unsere steigenden Anforderungen auf den Prüfstand zu stellen. Das Gebot der Stunde heißt: weniger, um eine Chance zu haben, den diversen ökologischen Bedrohungen noch erfolgreich entgegenzutreten und den Kollaps unserer Lebensgrundlagen zu vermeiden. Unsere Infrastrukturen sind unglaubliche Ressourcen und Energiefresser.

Die langen Schlangen in den Wartehallen von Flughäfen sind deshalb nicht zuletzt Symbol für grenzenlosen Hedonismus und Wirklichkeitsverleugnung. Die Menschen reisen, als wenn es keine Klimakrise gäbe. Die Pandemie war ein Segen für den Klimaschutz, aber leider haben wir daraus nichts gelernt. Im Gegenteil hat sie zu einem Triebstau geführt, der sich nun Bahn bricht, wo der Covid-Deckel der Verbote und Handlungsbegrenzungen wieder verschwunden ist.

Es gibt kein Recht auf Flugreisen. Im Gegenteil: Flugreisen sind ökologisch grundsätzlich verantwortungslos. Stillstand dagegen ist nachhaltig und kann das Leben zudem unglaublich bereichern.

Dr. Udo Kords, Wedel

Verzerrung der Realität

In "Deutschland, Republik des Stillstandes" wird Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr zitiert: "Wir haben in allen Bereichen zu viele Leute gehen lassen." Das liest sich, als hätte das Personal seinem Arbeitgeber, hier der Lufthansa, keine Treue gehalten. Aber ... Die Wahrheit hat, wie immer, natürlich auch hier eine andere Seite und bietet durchaus Perspektivenwechsel.

Es wurden, und dafür haben wir in der eigenen Familie und auch im kollegialen Freundeskreis traurige Belege, seitens Lufthansa Treue, Solidarität und auch der Wille des Personals, gemeinsam nach der Pandemie wieder "durchzustarten", aktiv zurückgewiesen. Ganze Kurse erfolgreich ausgebildeter Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen wurden auf die Straße gestellt, erst im April 2022 geschehen, alle "Personaldaten gelöscht" und mit dem Hinweis versehen, falls wieder Interesse am Arbeitgeber Lufthansa bestehe, könne man sich nochmals neu bewerben, aus der bereits erfolgreich absolvierten Ausbildung jedoch könne keine Bevorzugung bei dieser Neubewerbung abgeleitet werden. Ich verstehe Spohrs "haben gehen lassen ...", als unfassbare Verzerrung der Realität und auch Verschwendung von Geldern, denn es gab ausgebildete Teams, die erst jüngst auf die Straße gestellt wurden, durchaus mit Blick auf den wiederbelebten Flugverkehr - und die so gerne weiterhin für Lufthansa hätten arbeiten wollen.

Susann Becker, Freiburg (Elbe)

Ideologie der schwarzen Null

Man hätte noch einiges anfügen können: Schulen, Schwimmbäder, Krankenhäuser ... Auch der Stand der Digitalisierung ist peinlic,h und das bei einer langjährigen Kanzlerin, die auch noch Physikerin ist. Das Problem Fachkräftemangel ist hausgemacht, da man keinen ordentlichen Einwanderungsschlüssel wie in anderen Ländern hinbekommen hat. Zu verdanken ist das größtenteils der Ideologie der schwarzen Null. Deutschland hätte sogar bei Krediten einen Bonus bekommen. Wenn ein Unternehmen jahrelang nichts investiert, würde es auch massive Probleme bekommen.

Dietmar A. Angerer, München

Nächste Krise kündigt sich an

Der Finanzminister des Bundes, Christian Lindner, verspielt weiter die Zukunft. Wenn Stefan Gelbhaar, der Verkehrspolitische Sprecher der Grünen, davon spricht, dass es "Schulden an der Infrastruktur" gibt, die in den Jahren der Kohl- sowie Merkel-Ära angehäuft wurden, hinterlassen wir diese ebenso der Nachwelt wie die finanzielle Situation? Und wenn Haushaltsstaatssekretär Werner Gatzer stolz darauf ist, dass "der Wirtschaftsplan für Energie- und Klimafonds ... eingedampft wurde, sodass er es nicht einmal ins Kabinett schaffte", bleibt die Frage, welche Lebensbedingungen wollen wir unseren Nachkommen hinterlassen? Geld kann man nicht essen, das ist eine Binsenwahrheit. Auch kann eine hochgradig arbeitsteilige Wirtschaft nicht wachsen, wenn die Infrastruktur nicht mithält.

Robert Habeck hat einmal in einem Interview gesagt, dass, wenn das Dach eines Hauses kaputt wäre, dieses erst einmal wiederhergestellt werden müsse, bevor es ans Sparen geht. In Deutschland ist mehr als das Dach kaputt, wie in "Deutschland, Republik des Stillstands" zu lesen ist. Geht es mit der unübersehbaren Handschrift der Liberalen so weiter, wird die Zukunft in jeder Hinsicht verspielt, nur um einen ausgeglichenen Haushalt zu bekommen. Die nächste Krise, die sich ankündigt, wie die Klimakrise, wird Ausmaße annehmen, von denen wir uns heute kaum eine Vorstellung machen können. Sie wird das Überleben der Menschen bestimmen. Der Club of Rome hat ja prognostiziert, was eintritt, wenn nicht entsprechende Maßnahmen ergriffen werden: Anstieg des Meeresspiegels, Dürre- und Überschwemmungskatastrophen, Rohstoffverknappung, Vergiftungen durch ungelöste Müllprobleme nicht nur in den Weltmeeren, Migrantenströme und so weiter.

Ein freies Leben im Wohlstand, wie wir es gewohnt sind, gehört dann der Vergangenheit an. Die, die es sich leisten können, leben dann in ihren Ghettos, die sie nur mit Leibwächtern verlassen können. Ist das das Zukunftsmodell der FDP?

Bernd Hermann, Mülheim an der Ruhr

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