Zukunft der AutomobilindustrieSpagat zwischen Klimaschutz und Autolobby

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(Foto: Illustration: Claudia Klein)

Leser wünschen sich beherzteren Klimaschutz und kritisieren Industrie und Politik, weil beide den Wandel zur E-Mobilität verzögerten.

„Schaffe, schaffe, Job verliere“ vom 11./12. Oktober, „Ein guter erster Schritt“ und „Der Staat fördert, die Konzerne fordern“ vom 10. Oktober, „Anfahren am Berg“ vom 9. Oktober und „Europas Dilemma“ vom 3. November:

Verschmutzer-Aus

Verbrenner-Aus? Nein, Verschmutzer-Aus! Vielleicht sollte man als Journalist (ich bin selber einer) etwas überlegen, ehe man Begriffe aus der Politik übernimmt. Beispiel „Verbrenner-Aus“. Der Begriff wird objektiv falsch verwendet. Die EU hat vor, ab 2035 nurmehr Kraftfahrzeuge neu zuzulassen, die strenge Grenzwerte einhalten. Die mit dem Verbrennen von Benzin oder Diesel nicht einzuhalten sind, wohl aber mit dem Verbrennen von Wasserstoff, falls jemand das technisch hinbekommt. Das Aus bezieht sich also nicht aufs Verbrennen, sondern aufs Verschmutzen der Umwelt. Der richtige Begriff lautet also: Die EU plant ab 2035 ein Verschmutzer-Aus. Und dagegen aufzutreten, wäre für die Politik nicht so einfach – schon allein des Begriffes wegen.

Dr. Matthias Vogt, Freilassing

Ein Fiasko der Abhängigkeiten

Der Teilkontinent EU-Europa hatte sich bezüglich der Reduzierung von Schadstoff-Emissionen große Ziele gesetzt. Eine sicher sehr ehrenwerte und zukunftsweisende, aber zu theoretische Zielsetzung. Mit diesen Vorgaben wollten die EU-Kommissionen mit der Kommissionspräsidentin der Welt zeigen, wie die „Klimaneutralität“ als Best-Praxis in möglichst kurzer Zeit zu erzielen sei. Leider war und ist der Green Deal zu dogmatisch, realitäts- und praxisfern ausgehandelt.

Es wurde mit der Klima-Apokalypse gedroht und der Bevölkerung, Industrie und Wirtschaft Unmögliches abverlangt. EU-Europa steht vor einem Dilemma, weil dieses zur Herstellung von Elektroautos, Batterien, Solarzellen et cetera von Rohstoffen abhängig ist, die es aber nicht hat. Wir kommen von einer Abhängigkeit (Gas von Russland) in eine viel grundsätzliche und stärkere.

Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie die Politik diese rigoros auf Verbote aufgebaute Transformation so stringent weiterfolgt, obwohl bereits deutlich erkennbar ist, dass diese in ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Fiasko führt. Was diese Politik wirklich nachhaltig geschafft hat, ist das Erstarken der rechtsnationalistischen Parteien in ganz EU-Europa.

Woher plant man, diesen insgesamt unvorstellbar hohen Bedarf an Strom zu bekommen? Mit der finanziellen Unterstützung der vom Strom stark abhängigen Industrie ist dieses Problem nicht gelöst. Zumindest sollte man Verbrenner-Motoren so lange dulden, bis der stark zunehmende Strombedarf verlässlich gelöst ist.

Hubert Klemenjak, Mindelheim

Mehr Ehrgeiz fürs E-Auto

Mit Förderungen will die Bundesregierung die einst viel gerühmte deutsche Automobilindustrie mit ihren immer noch hohen Gewinnen bewegen, den Kurswechsel zum E-Antrieb zu schaffen, wozu sie aus eigener Kraft angeblich nicht in der Lage sei. Warum schafft es die Automobilindustrie nicht, ein E-Auto zu entwickeln, das dem Verbrenner-Auto im Wettbewerb so überlegen ist, dass es das Verbrenner-Auto als Technik von gestern verdrängt? Das E-Auto muss das konkurrenzlos beste Angebot auf dem Automarkt werden, nicht weil es mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, sondern weil es dem Verbrenner-Auto überlegen ist. Mit dem Verbrenner-Auto hat die deutsche Automobilindustrie gezeigt, dass sich das bessere Produkt am Markt behauptet. Warum will sie nicht, dass ihr das auch mit dem E-Auto gelingt? Warum lässt die Bundesregierung zu, dass der Verband der Automobilindustrie (VdA) ihre Mobilitätspolitik beeinflusst?

Hans Lafrenz, Hamburg

Wo bleibt die Eigeninitiative?

Ich muss Christina Kunkel mit ihrem Kommentar zur „E-Auto-Förderung“ widersprechen, in dem sie sagt, dass die Autoindustrie recht hat, von der Politik Lösungen zu fordern. Tatsache ist, dass die deutsche Autobranche bis vor wenigen Jahren mit ihren großvolumigen Verbrennern satte Milliardengewinne gemacht hat, statt auf preiswerte E-Autos zu setzen. Bereits damals forderte die Branche schon staatlich finanzierte Ladestationen für E-Autos. Elon Musk, sonst gewiss kein Vorbild, machte es zu der Zeit schon vor: Unmengen von Ladesäulen entlang der deutschen Autobahnen, von ihm finanziert.

Hanspeter Schladt, Neuwied

Den Wandel verschlafen

Die Automobilindustrie soll sich bitte endlich eingestehen, dass sie den Technologiewandel einfach „verschlafen“ hat, weil es ach so bequem (und gut für die jährlichen Bonuszahlungen) war, an einer Spitzentechnologie festzuhalten, die nun zum Auslaufmodell mutiert ist – was absolut vorhersehbar war. Es gibt ähnliche Beispiele in anderen Bereichen wie etwa das Festhalten an Kupferkabeln zur Datenübertragung (statt Glasfaser) oder das Ignorieren der Technik Voice over IP (Datenübertragung via Internet), welche dazu geführt haben, dass unser Land an vielen Stellen international hinterherhinkt.

Unternehmerische Fehlentscheidungen gehören in den Bereich unternehmerisches Risiko; nach der reinen Lehre überlebt die Firma, die die richtigen Entscheidungen trifft. Es gibt einen einzigen Grund, wieso der Staat den Ausbau der E-Mobilität fördern sollte, nämlich die Bekämpfung der sich entfaltenden Klimakatastrophe; Subventionen für eine Industrie, um deren Fehler „auszugleichen“, sind sinnlos, denn je länger es dauert, bis der Strukturwandel vorgenommen ist, desto gravierender sind die Konsequenzen.

Erich Würth, München

Friedrich Merz’ Trugschlüsse

Wenn die Autoindustrie beklagt, es würden zu wenige E-Autos gekauft, muss sie diese nur verbilligen und gleichzeitig Verbrennerautos verteuern. Damit spart sich die Autoindustrie CO2-Strafzahlungen, die jüngst auch auf Betreiben Deutschlands abgemildert wurden. Das Problem ist, dass die deutsche Autoindustrie den Umstieg auf E-Mobilität lange verschlafen hatte, auch mit Unterstützung von Merkel (mit Minister Altmaier und dessen Staatssekretärin Reiche). Anstatt den Rückstand beschleunigt aufzuholen, ruft die Autoindustrie nach Fristverlängerung der Verbrennerzulassung über 2035 hinaus, um sich weiterhin weniger anstrengen zu müssen. Die Chinesen werden die träge deutsche Autoindustrie an die Wand drücken.

Merz unterstützt die von der Autoindustrie gewünschte Fristverlängerung, denn Merz hat im Gegensatz zu den Chinesen die Klimakrise noch nicht verinnerlicht, wie die folgenden Zitate darlegen.

Im September 2023 sagte Merz: „Es ist falsch, jetzt den privaten Haushalten vorzuschreiben, dass sie nur noch mit der Wärmepumpe arbeiten dürfen. Ja, meine Damen und Herren, Wärmepumpen sind nichts anderes als Klimaanlagen, das machen andere Länder schon seit Jahrzehnten mit enorm hohem Stromverbrauch.“ Merz argumentierte mit einer Falschaussage über den Stromverbrauch gegen Wärmepumpen, das zentrale Mittel zum CO₂-Einsparen im Wohnbereich.

Im November 2024 prognostiziert Merz, es würden demnächst Windräder wieder abgebaut werden. Und Merz sagte im Juli 2025: „Selbst wenn wir morgen klimaneutral wären, würde keine einzige Naturkatastrophe auf der Welt weniger geschehen. (…) Es nützt überhaupt nichts, wenn wir allein in Deutschland klimaneutral werden.“ Tenor: Wir brauchen keine Klimaschutzmaßnahmen, fossile Energie ist gut.

Wenn Merz mit seiner Argumentation recht hat, habe ich mit meiner folgenden auch recht: Da ich weit unter einem Promille der deutschen Steuern zahle, geht Deutschland nicht pleite, wenn ich keine Steuern mehr zahle; also brauche ich keine Steuern zu zahlen.

Wolfgang Maucksch, Herrieden

Auf dem fossilen Holzweg

Sehr geehrter Herr Radomsky, vielen Dank für Ihren Kommentar: „Die Konzerne wollen planen können? Das Verbrenner-Aus wäre die beste Gelegenheit“ vom 29. September. Ständig wird von Technologieoffenheit gesprochen, um länger fossil weitermachen zu können. Das ist idiotisch, denn China setzt mit 1,3 Milliarden Menschen auf E-Autos. Die rollen da bald so billig und flott vom Band wie Handys. Erinnern Sie sich noch an die Glühlampen? Solange die noch erlaubt waren, gab es keine vernünftigen Energiesparlampen. Kaum wurden sie von der EU verboten, kamen viele tolle LED-Leuchten auf den Markt, die heute niemand mehr vermissen möchte. Sie haben recht: Ohne ein Verbrenner-Verbot fehlt der Industrie die nötige Sicherheit für Innovation.

Klaus Siersch, München

Verbrenner ohne Zukunft

Klimaschutz als Wunschkonzert für Bundeskanzler und Autoindustrie? Dieser Eindruck drängt sich auf. Merz wünscht sich eine Aufhebung der EU-Regelung, wonach ab 2035 kein CO₂ mehr von Neufahrzeugen ausgestoßen werden darf. Es ist jedoch längst klar, dass konsequenter Klimaschutz langfristig um ein Mehrfaches kostengünstiger ist, als die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu reißen. Und jenseits einer Erwärmung von 2 Grad steigt das Risiko deutlich, dass Kippelemente des Klimasystems drastisch beschleunigt und unumkehrbar verlaufen. Es besteht also akuter Handlungsdruck im Klimaschutz. Insofern ist der Verbrennungsmotor mit seinem schlechten Wirkungsgrad ein Auslaufmodell, auch weil ein batterieelektrischer Antrieb über den gesamten Lebenszyklus deutlich weniger Energie benötigt, vor allem mit Wind- und Sonne als den Energiequellen der Zukunft. Insofern sollte man von einem Bundeskanzler erwarten, dass er sich für eine Batteriefertigung in Deutschland, die Sicherung entsprechender Ausgangsmaterialien und ein engmaschiges Ladenetz einsetzt, anstatt die Ära des Verbrennungsmotors weiter zu überdehnen.

Dr. Armin Roth, Tübingen

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