VatikanWar’s das mit Latein?

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Der Vatikan war bisher ein Garant für die lateinische Sprache. Wie wird es sich auswirken, wenn Latein dort nicht mehr Amtssprache ist?
Der Vatikan war bisher ein Garant für die lateinische Sprache. Wie wird es sich auswirken, wenn Latein dort nicht mehr Amtssprache ist? Oliver Berg/dpa

Latein hat als exklusive Amtssprache des Vatikans seinen Status verloren. Das löst bei Lesern Wehmut aus, aber auch die Idee bayerischer Gymnasien ohne Lateinunterricht.

„,Habemus Papam‘ war gestern“ vom 27. November:

Latinum finitum?

Mit dem Latein am Ende, mit dem Latinum am Ende? Videbimus, ‚wir werden sehen‘. Latein hat seit November 2025 ausgedient als offizielle Umgangssprache im Vatikan. Mit dem „Regolamento Generale“ wird nun Italienisch für die Verwaltung im Kirchenstaat die bevorzugte Sprache, und je nach Bedarf auch eine andere Sprache – ein Zugeständnis an das „global village“. Leo XIV., der amerikanischstämmige Papst, predigte schon bei seinem ersten Auslandsbesuch im November 2025 auf Englisch. Eine neue Ära hat begonnen.

Latein war lange die beherrschende Sprache des Abendlandes. Wer etwas werden wollte, musste Latein können. Heute nicht mehr. Englisch wird auf absehbare Zeit die lingua franca der Welt sein, die Verkehrssprache. Latein wird weiter historischen Wert haben, aber man braucht es nicht mehr zu beherrschen. Genauso wenig, wie ein normalsterblicher Inder das Sanskrit beherrschen muss. Das intensive Studium alter Sprachen wird man einer begnadeten Expertenschaft überlassen. Die Welt hat sich verändert. AI beziehungsweise KI tut ein Übriges dazu, um andere Sprachen zu verstehen.

Konsequenz: Man sollte Latein auch nicht mehr so intensiv lernen müssen wie bisher. Das sogenannte Latinum ist obsolet geworden. Das Latinum als Bildungsabschluss hat sich überlebt. Es ist ohnehin eine Erfindung des preußischen Schulwesens im 19. Jahrhundert. Es ist zudem ungerecht, weil in den einzelnen Bundesländern die Anforderungen verschieden hoch sind. Das Latinum gibt es nur in den deutschsprachigen Ländern. In anderen Ländern begnügt man sich mit kurzen Einführungskursen.

Deshalb mein „ceterum censeo“ („im Übrigen bin ich dafür ...“): Das Latinum kann man endgültig ad acta legen. Sinnvoller ist heute eine kurze Einführung in die beiden klassischen Sprachen Latein und Griechisch.

Die heutigen europäischen Werte wurden mehr vom griechischen Geist geprägt als vom lateinischen Geist. Die Menschen in Europa und der Welt haben mehr davon, wenn sie sich dem antiken griechischen Geist öffnen als dem Lateinischen. Der Demokratie-affine Geist der alten Griechen ist förderlicher für die Welt als das Imperium Romanum der späten römischen Kaiser mit Cäsarenwahn und Allmachtsansprüchen. Das griechische Erbe bringt die Welt weiter als das lateinische Erbe. Demokratie liegt uns mehr am Herzen als Diktatorenherrschaft. Griechisch steht für Vielfalt, Latein für Zentralgewalt und Uniformität.

Auch in Rom ist nun Latein, der Not und dem Lauf der Welt gehorchend, nur noch eine unter anderen Sprachen. Ehrwürdig und erhaltenswert, aber nicht überlebensnotwendig. – Warum soll das deutsche Bildungssystem päpstlicher sein der Papst? Ich gehe davon aus, dass die Kirche in Rom auch in anderen Bereichen ein Nachbessern, ein Erneuern, ein „aggiornamento“ vollziehen muss. Beispiele: Dogmatik, Moraltheologie, Gleichberechtigung der Geschlechter, et cetera. Die Zeichen deuten auf Neubeginn: Latinum finitum (frei etwa: das war’s dann mit Latein; Anm. d. Red.). Wir werden sehen, we will see, vamos a ver, vedremo ... – videbimus.

Dr. Peter Heigl, Wald im Allgäu

Von Englisch verdrängt

„Latein war bis ins 18. Jahrhundert die Lingua franca in Europa, allerdings eine Bildungssprache …“ – diesem Satz von Willi Winkler sollte man freilich hinzufügen, dass der Vatikan Latein just in dem Moment als Amtssprache abgeschafft hat, als Englisch (schon seit Längerem) dabei ist, die globale Verkehrssprache oder besser die weltweite Lingua franca zu werden.

Dies betrifft insbesondere die Kulturen des Ostens wie China, Japan, Korea, Vietnam, Thailand et cetera, ganz zu schweigen von Indien, die allesamt mit ihren teils hoch entwickelten Sonderschriften niemals die Ebene einer Weltsprache erreichen werden. Wer je mit ostasiatischen Ländern wie etwa China zu tun hatte, weiß, welch bedeutende Rolle das Englische schon heute für die Völkerverständigung auf allen Ebenen spielt.

Papst Leo XIV. als Amerikaner und quasi naturalisierter Peruaner wird hier persönlich zunächst wohl eher wenig beitragen, weil er, wie man weiß, seine Lehrschreiben im Original lieber in Spanisch verfasst. Der historischen Bedeutung des vatikanischen Spracherlasses kann dies aber keinen Abbruch tun.

Prof. Dr. jur. Adolf Dietz, Germering

Fingerzeig fürs Gymnasium

Wenn schon die heilige katholische Kirche auf Latein verzichten kann, warum dann nicht das bayerische Gymnasium? Generationen von Kindern wurden und werden mit Latein gequält – einer längst gestorbenen, aber idealen Sprache –, um das zu tun, was das bayerische Kultusministerium gerne tut: Gymnasiasten aussieben, Lehrer einsparen und sich auf die eigene elitäre Bildungsschulter klopfen.

Schade, dass dabei den für das aktuelle Leben notwendigen Fähigkeiten wie Verständnis für das Funktionieren von Wirtschaft, für das Funktionieren von Social Media und das Funktionieren von Technik so viel wertvolle Lern- und Denkzeit verloren geht. „Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.“ Die Zeit, die du für Lateinübersetzung verloren hast, sie macht Lateinübersetzung so wichtig, dass viele kleine Menschen über ihre mangelhaften und ungenügenden Noten Tränen vergießen und viele kleine Menschen nicht lernen, wie man Lateinübersetzung programmiert oder ganz einfach mit KI, der neuen Denke, findet, um nicht ohne Latein „auf Anhieb dümmer denken“ zu müssen oder sich nicht mehr dem elitären Kreis der Lateiner zuordnen zu können.

Habemus Latinum“ („Wir haben das Latinum“) könnte gestern gewesen sein, beherrscht aber unser Heute und wird auch morgen noch vielen kleinen Menschenleben ohne jede Not Kummer bereiten.

Gabi Baderschneider, Sinzing bei Regensburg

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