Gastbeitrag „So unbedarft“ vom 24./25. August:
Falsche „Fähigkeitslücke“
Ein erfreulicher Lichtblick in der momentanen Kriegshysterie in Deutschland ist der Gastbeitrag von Rüdiger Lüdeking. Hier teilt einem dieser mit 38 Amtsjahren im Auswärtigen Dienst tätige Mitarbeiter mit seiner Erfahrung nicht nur mit, dass die Begründung der Stationierung der US-Langstreckensysteme in Politik und Öffentlichkeit als sogenannte „Abstandswaffe“, die angesichts der russischen Invasion eine dadurch angeblich entstandene „Fähigkeitslücke“ schließen soll, schon vor der russischen Invasion beschlossene Sache war.
Er teilt uns auch mit, dass angesichts der „Vorteile der Luftstreitkräfte der Nato und ihrer Systeme zur See eine solche Fähigkeitslücke überhaupt nicht besteht“. Schließlich weist er noch hin auf den „empörungsbedingten Konfrontationskurs gegenüber Russland“, verbunden damit, dass hierbei versucht wird, alles in einen „Kampf des Guten gegen das Böse“ zu verfabeln. Ein erfreulich nüchtern-sachlicher Lichtblick in Zeiten von Kiesewetter (CDU), Roth (SPD), Strack-Zimmermann (FDP) und Hofreiter/Notz (Grüne). Dem könnte man vielleicht noch hinzufügen, dass wenn die politische Feindschaft verfabelt wird in einen Kampf von uns als den Guten gegen Russland als den Hort des Bösen, wenn also der Übergang gemacht wird zur Naturalisierung des Feindbilds, dann ist Krieg meist nicht mehr weit, wie es auch Franz Josef Degenhardt beschreibt in „Eigentlich unglaublich, dass ihnen das immer wieder gelingt“.
Dr. Michael Schütz-Hensel, Tegernheim
Verantwortung liegt bei Putin
Die Überschrift trifft genau auf die Äußerungen von Lüdeking zu. Er gehört zu den Politikern, die den Einmarsch Putins auf die Krim „toleriert“ haben. Im Artikel macht er nicht Russland, das den INF Vertrag (über nukleare Mittelstreckensysteme; d. Red.) mit den SSC-8 (russische Marschflugkörper; d. Red.) gebrochen hat, verantwortlich, sondern die, die daraufhin den Vertrag für überflüssig gehalten haben. Geradezu lachhaft ist die Argumentation Lüdekings, die Nato habe das Angebot Russlands abgelehnt, Raketen abzubauen, die das gegnerische Land erreichen können. Wenige Wochen später wurde die Ukraine überfallen.
Es gehört eine Menge Unbedarftheit dazu, nicht zu erkennen, dass Putin gerne eine mögliche Drohkulisse gegen seinen Angriffskrieg vermieden hätte. Lüdeking sucht Augenmaß und Umsicht bei der Nato, warum eigentlich nicht bei Putin, der Morde und Hunderttausende toter Soldaten und Zivilisten und den Bruch von Abkommen (Budapester Abkommen) nicht scheut, um seine Macht und seinen Luxus zu bewahren. Putin liebt solche Politiker, die die Verantwortung bei den Betroffenen und nicht beim Verursacher suchen.
Dr. Hans Jungk, München
Schwer einzuschätzen
Man kann wohl davon ausgehen, dass sich Rüdiger Lüdeking als Ex-Diplomat mit dem, worüber er da schreibt, ziemlich gut auskennt. Als er noch im Dienst war, musste er sich mit kritischen Veröffentlichungen über westliche Sicherheitspolitik zurückhalten. Ein Artikel wie sein Gastkommentar in der SZ hätte wohl disziplinarische Folgen gehabt. Jetzt braucht er aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr zu machen, wobei mir nicht ganz klar ist, seit wann er die Politik Deutschlands und der USA gegenüber Russland für „unbedarft“ hält.
Die vier Jahre Trump werden wohl keinen bleibenden Hang zum Hasardspiel hinterlassen haben. Auch den Wechsel von Merkel zu Scholz schätze ich nicht so ein. Also hat sich das westliche Verhalten gegenüber Russland wohl spätestens seit der Präsidentschaft Obamas zu ändern begonnen. Sicher nicht zufällig hat sich in dieser Zeit auch in der Putin’schen Rhetorik und Politik eine Verschärfung vollzogen. Zum Beispiel wurden immer mehr Klagen laut über ein aggressives Vorrücken der Nato. Wahrscheinlich war auch die Atmosphäre im Nato-Russland-Rat bereits gestört. Man kann es wohl ohne zu werten so sehen, dass die Verschlechterung der Beziehungen im Februar 2022 gipfelte. Der Bundeskanzler und auch der Bundespräsident, der in der fraglichen Periode sieben Jahre lang Außenminister gewesen war, zeigten sich erschüttert. „Zeitenwende“ war die Chiffre auch dafür, dass man mit so etwas nun wirklich nicht hatte rechnen können.
Wie dem auch sei, Herrn Lüdekings Gastkommentar ist für einen zwar interessierten, aber im Vergleich zu einem Insider völlig unbedarften Zeitungsleser nicht leicht zu deuten. Ich könnte mir vorstellen, dass zum Beispiel Rolf Mützenich ähnliche Bedenken hegt. Insgesamt jedoch scheint es mir bisher innerhalb der etablierten Politik keinen wirklichen Aufschrei des Entsetzens über den Beginn eines neuen, durch den Westen leichtfertig vom Zaun gebrochenen Wettrüstens gegeben zu haben. Auch nicht von Wissenschaftlern oder einschlägig informierten Journalisten. Natürlich wüsste ich gerne, was dran ist an der angeblichen neuen Unbedarftheit, und hoffe deshalb, dass recht bald eine weitergehende und vertiefte Debatte beginnt.
Axel Lehmann, München
Wo bleibt der Aufschrei?
Der Süddeutschen Zeitung sei Dank für den Kommentar „So unbedarft“ von Rüdiger Lüdeking. Obwohl ich regelmäßig die Nachrichtensendungen in der ARD, im ZDF und auf Arte verfolge, hab’ ich ausschließlich in der Süddeutschen Zeitung davon erfahren, dass die Stationierungsentscheidung amerikanischer Langstreckensysteme, von 2026 an, bereits eindeutig vor dem Beginn des Ukrainekrieges getroffen wurde. Die gebetsmühlenartige Wiederholung der Begründung für die Stationierung, die Bedrohungslage habe sich seit dem Ukrainekrieg drastisch erhöht, entlarvt sich als Propaganda.
Wo aber bleibt der Aufschrei der Friedensbewegung? Wo bleibt unser Aufschrei, die wir gemeinsam im Bonner Hofgarten demonstriert haben, als es um die „Nachrüstung“ ging? Zum Glück erhebt Rolf Mützenich seine warnende Stimme. Aber ob sie gehört wird? Wo bleiben die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten? Wann gibt es eine Talksendung mit Rüdiger Lüdeking zu diesem Thema?
Rolf Baumann, Grafing
Eskalationsspirale
Mit diesem Leserbrief möchte ich mich bei Rüdiger Lüdeking bedanken, wie klar und deutlich er sich in seinem Kommentar gegen die geplante Stationierung der US-Raketen geäußert hat. Debattenbeiträge mit diesem klugen und nüchternen Blick sind das, was wir brauchen in der gegenwärtigen aufgeheizten Eskalationsspirale. Auch in der Abschreckungslogik bringen die neuen Raketen kein Stück mehr Sicherheit, sie verstärken dagegen die Bedrohungswahrnehmung in Russland.
Dr. med. Christoph Dembowski, Rotenburg an der Wümme
Tatsachen verdreht
Der Kommentar von Rüdiger Lüdeking wirkt aus der Zeit gefallen. Wahrscheinlich befindet der Autor sich noch in der vermeintlich friedlichen Merkel-Ära. Die ja auch nur so friedlich war, weil man kollektiv weggeschaut hat. Richtig ist, dass über solche Waffen und die aktuelle Lage gesprochen werden sollte. Damit die Absicht, nämlich der Schutz der BRD, erklärt wird. Olaf Scholz erklärt nicht. Allerdings meint Herr Lüdeking, dass es keine neue Bedrohungslage gäbe, sondern dass diese Raketen Russland „bedrohen“ würden. Im Übrigen sei der gegenwärtige Ton von Konfrontation und Empörung geprägt. Also von westlicher Seite.
Hier verdreht Lüdeking die Tatsachen zugunsten Putins, dessen Name nicht ein einziges Mal in diesem Artikel erwähnt wird. Denn gerade Putin ist nicht bekannt für den Wunsch nach Abrüstung, auch nicht für eine Bereitschaft, seine Arsenale von außen zählen und kontrollieren zu lassen. Immer noch sitzen drei OECD-Mitglieder im Donbass in Haft, die den Auftrag hatten, die Einhaltung des Minsker Abkommens zu kontrollieren. Dieses hatte noch nie funktioniert.
Russland unter Putin führt einen hybriden Krieg gerade gegen Deutschland, der Cyberangriffe, Sabotageakte, Wahlbeeinflussung durch Fake News und sogar Mord umfasst. Für den Verfasser kein Grund zur Empörung oder zu konkreten Gegenmaßnahmen. Die Brutalität, mit der Putin die Ukraine niederringen will, fällt Herrn Lüdeking auch nicht auf. Ich empfehle, einmal die russischen offiziellen Nachrichten anzuschauen. Dort wird mit Schaubildern geprahlt, wie man von Kaliningrad aus mit Raketen, nuklear bestückt, jede Großstadt der EU zerstören kann und mit ein paar atomaren Raketen vom U-Boot aus ganz England versenkt. Das sind die „friedfertigen“ Fantasien des Kreml unter Putin.
Bettina Jantzen, Hamburg
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