Süddeutsche Zeitung

Panzerlieferung an Ukraine:Eine schwer zu dosierende Hilfe

Lesezeit: 3 min

SZ-Leserinnen und -Leser befürchten weitere Eskalation im Konflikt und wünschen sich Szenarien mit einem Verhandlungstisch statt mit Waffen.

Kommentar "Zu viel Risiko" vom 2. Februar, "Nachricht aus Stalingrad" vom 28./29. Januar, "Die Ukraine bittet um Kampfflugzeuge" vom 27. Januar, "Berlin liefert 'Leopard' an Kiew" vom 25. Januar:

Verhandeln statt kämpfen

"Die Ukraine bittet um Kampfflugzeuge": Geht's eigentlich noch? Eine Eskalation jagt die nächste. Kaum sind Kampfpanzer zugesagt, kommt die nächste Forderung. Wenn wir die Aussage von Annalena Baerbock dazudenken - "...wir kämpfen einen Krieg gegen Russland" -, muss man sagen: Nur zu, der Dritte Weltkrieg ist bereits am Laufen. Bundeskanzler Scholz verlangt von uns: "Vertrauen Sie der Regierung - vertrauen Sie mir." Da kann ich nur sagen: Nein, Herr Scholz, dieser Regierung kann ich nicht vertrauen. Erst wird die Lieferung von Kampfpanzern verweigert, und dann doch geliefert. Jetzt heißt es, dass Deutschland keine Kampfflugzeuge liefern werde. Wie lange dauert es, bis wir sie doch liefern? Und Piloten, und dann Bodentruppen? Für die USA ist das alles kein Problem. Der Krieg ist wie immer weit weg von dort. Aber für uns wird es immer brenzliger. Immer noch mehr Waffen und immer noch größere Waffensysteme lösen das Problem nicht. Dringend notwendig ist jetzt vor allem, dass alle Anstrengungen unternommen werden, schnellstmöglich den Krieg zu beenden. Dafür gibt es diverse Vorschläge. Irgendwann muss sowieso verhandelt werden. Warum also nicht jetzt?

Sonja Schmid, München

Dem Krieg Einhalt gebieten

"Berlin liefert 'Leopard' an Kiew" und "Ukraine bittet um Kampfflugzeuge" - mit diesen beiden Titeln auf Seite eins in kurzer Abfolge hat die SZ die Problematik der deutschen und europäischen Politik im Ukrainekrieg an prominenter Stelle auf den Punkt gebracht. Dem Leser drängen sich zwangsläufig Fragen auf. Worauf zielt der nächste Wunsch aus Kiew? Welcher realistischen Strategie folgt die Politik mit ihren Waffenlieferungen, außer dass wir der Ukraine natürlich helfen müssen? Warum verknüpft man keine Bedingungen zu Friedensgesprächen mit den Lieferungen?

Der Vorschlag dazu von Henry Kissinger hätte mehr Beachtung verdient als einen Einspalter auf Seite zwei. Warum dürfen erfahrene Ex-Generäle wie Erich Vad ihre Einschätzung in Emma publizieren und nicht in der SZ? Warum verschwindet die Drohung des ehemaligen russischen Präsidenten Medwedjew, die Niederlage einer Atommacht könnte den Beginn eines Nuklearkrieges provozieren, am 26. Januar in einem Einspalter auf Seite zwei? Haben wir nicht viel zu lange Putin falsch eingeschätzt?

Dem Beitrag "Nachricht aus Stalingrad" im Feuilleton in der Wochenendausgabe kommt da besondere Bedeutung zu. Er führt die tausendfach tödliche Dimension für beide Kriegsparteien hoffentlich auch denen vor Augen, die nicht müde werden, immer neue Waffen für die Ukraine zu fordern.

Rüdiger Lorenz, Icking

Diplomatische Zitterpartie

Im Ukrainekrieg geht es aus westlicher Sicht vor allem um ein Ziel: Russland an den Verhandlungstisch zu bringen, indem man es überzeugt, die Ukraine nicht besiegen zu können. Zu diesem Zweck ist der Westen bereit, je nach Bedarf immer wieder neue Waffen zu liefern. Die Ukraine aber hat darüber hinaus das Ziel, bis zum Beginn von Waffenstillstandsverhandlungen möglichst viel ukrainisches Territorium zurückerobert zu haben. Um das erreichen zu können, bräuchte sie aber wohl mehr und andere Waffen, als sie bisher bekommt. Aus dem vorsichtigen Verhalten des Westens ist nicht abzulesen, dass er voll hinter dem ukrainischen Kriegsziel steht. Vielmehr scheint er eine zu große Demütigung Russlands wegen des damit verbundenen Risikos einer Überreaktion vermeiden zu wollen.

Alle Diskussionen, erst über "schwere Waffen", dann über Kampfpanzer und nun über Kampfflugzeuge, sind vor dem Hintergrund dieses unausgesprochenen Zielkonflikts mehr als verständlich. Sie sind jedoch auch sehr schädlich, weil sie immer wieder russische Hoffnungen nähren, die westliche Unterstützung der Ukraine könnte irgendwann vielleicht doch nachlassen. Es bleibt abzuwarten, ob die nun zugesagten, aber noch nicht verfügbaren Panzer mehr sein werden als ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Aber könnten sich die Ukraine und der Westen nicht statt der Fortsetzung der bisherigen Zitterpartie auf eine Doppelstrategie einigen? Einerseits offiziell auf die Rückeroberung der Krim und vielleicht auch des Donbass zu verzichten, dafür aber die Rückeroberung der anderen russisch besetzten Territorien mit deutlich mehr militärischem Druck zu verfolgen? Auf diese Art könnte vielleicht die Einsicht Russlands befördert werden, ohne zugleich das Risiko einer unkontrollierbaren Eskalation wesentlich zu steigern.

Axel Lehmann, München

Danke, Olaf Scholz

Laut schreien die Drängler nach Waffenlieferungen, groß ist das Verlangen nach vorpreschender militärpolitischer Führung - verantwortliches Handeln aber geht anders, und dafür muss man Scholz danken: Er ist nicht einer altdeutschen Großmannssucht des schwarz-gelb-grünen "Waffenlieferungen aller Art, und zwar sofort"-Chores gefolgt, sondern der sicherheitspolitischen Vernunft. In der höchst spannungsgeladenen Atmosphäre des Russland-Ukraine-Krieges gilt es für Deutschland, nur zusammen mit möglichst allen Nato-Staaten und gemeinsam mit der (hier passen Begriff, Anspruch und Realität tatsächlich zusammen:) "Führungsmacht" USA zu handeln. Statt in mediengerechter Lautsprecherei hat Kanzler Scholz in diplomatisch wohl erforderlicher, stiller, beharrlicher, offensichtlich zäher und letztlich erfolgreicher Arbeit den notwendigen engen Schulterschluss erreicht und ist seiner Verantwortung als deutscher Bundeskanzler voll gerecht geworden.

Wolfgang Jobst, München

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