SchulübertrittGroße Weichenstellung mit großen Folgen

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Schulübertritt nach der vierten Klasse: Diskussionsstoff für Eltern – und für Lehrkräfte.
Schulübertritt nach der vierten Klasse: Diskussionsstoff für Eltern – und für Lehrkräfte. Bernd Weißbrod/dpa

Wird zu früh über die Schullaufbahn von Kindern entschieden, ist das sinnvoll so – und gerecht? Eine kontroverse Leserdebatte.

Protokolle „Bauchschmerzen, Feuchte Hände, Tränen“ vom 16. März:

Lieber später entscheiden

Als ehemalige Lehrerin für Englisch und Geschichte am Gymnasium war die bitterste Pille für mich in meinem sehr schönen Lehrerberuf, wenn ich eine fünfte Klasse hatte und nach bereits zwei Monaten erkannte, dass zwei bis drei der Schüler/-innen überfordert waren. Dann Elterngespräche: manchmal mit dem Rat „Mittelschule“ („Nein, auf keinen Fall!“). Realschule vielleicht? „Da gibt es keine freien Plätze im Halbjahr, und überhaupt sind die Realschulen überfüllt.“ Stimmt! Diese anfangs hoch motivierten Kinder stecken dann eine Niederlage nach der anderen ein und verlassen oft frustriert am Ende der sechsten Klasse das Gymnasium. Was für ein grausames System. Die Ursache liegt in dieser frühen Trennung nach der vierten Klasse. Ich bin dafür, die Schüler/-innen bis mindestens zur sechsten Klasse zusammen zu lassen, weil viele Kinder sich in dieser Zeit enorm entwickeln und Kinder und Eltern dann die richtige Entscheidung treffen können.

Brigitte Zehmisch, München

Inklusion statt Auslese

Dies wäre völlig überflüssig, wenn es nicht dieses vordemokratische Schulsystem gäbe, in dem Kinder nach der vierten Klasse auf verschiedene Schularten sortiert werden. Die unterschiedlichen Schulformen wurden ursprünglich nicht aus pädagogischen oder bildungsdidaktischen Überlegungen heraus geschaffen, sondern um die Kinder aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen voneinander fernzuhalten. Der Stress, der oft schon in der dritten Klasse beginnt, ob es das Kind auf das „heilige“ Gymnasium schafft oder nicht, ist eigentlich völlig überflüssig. Es sollte kein Recht auf eine bestimmte Schulform, sondern auf die bestmögliche Förderung eines jeden Kindes geben. Daher brauchen wir endlich ein inklusives Schulwesen, das dann auch ohne Abschulungen auskommt. An den Gesamtschulen (oder wie der entsprechende Schultyp je nach Bundesland heißt) wird dann versucht, diese Kinder in die bestehenden Klassen zu integrieren und bei ihnen wieder Freude am Lernen zu wecken.

Andreas Baumgarten, Hamburg

Fünfte Klasse auf Probe

Begabung und Lernverhalten sind die wichtigsten Voraussetzungen für den erfolgreichen und stressfreien Besuch einer Schulart. Für das Gymnasium sind nach der Schweizer Psychologin Elsbeth Stern 20 bis 25 Prozent geeignet. Allein in Bayern treten 40 Prozent über, in manchen Regionen bis 90 Prozent. Die Anforderungen des Gymnasiums liegen heute so niedrig wie nie: Minimum an Inhalten, Maximum an Ausnahmeregelungen (zum Beispiel Vorrücken auf Probe), geringste Wiederholerquote, bester Abiturschnitt, Höchstzahl von Einser-Abiturienten. Auch in Bayern ist das Gymnasium faktisch eine Gesamtschule, an denen auch Mittelschüler das Abitur erreichen. Um wirklich nur geeigneten Kindern gymnasiale Bildung zu ermöglichen, bräuchte es eine obligatorische schulartspezifische Aufnahmeprüfung für alle sowie die fünfte Klasse als Probezeit.

Thomas Gottfried, Freising

So viele Proben sind’s nicht

Guten Morgen, beim Lesen der Seite „Thema des Tages“ in der Digital-Ausgabe am heutigen Morgen musste ich mich ärgern und war überrascht, dass eine Zeitung wie die SZ ungeprüft Aussagen eines Vaters druckt, die schon durch Einsatz des gesunden Menschenverstandes als nicht richtig zu beurteilen sind. In Bayern gibt es einen „Richtwert“ von 18 zu schreibenden Proben in den Fächern Deutsch, Mathe und HSU (Heimat- und Sachunterricht) bis zum Übertrittszeugnis Anfang Mai (Anm. d. Red.: Dieser Hinweis trifft zu, https://www.bayern.de/grundschule-in-bayern-weniger-proben-in-jahrgangsstufe-4-mehr-persnliches-feedback-und-schlankere-zeugnisse/). Laut Aussage des von Ihnen zitierten Vaters muss sein Kind „32 Proben“ schreiben. Wenn man von 26 vollen Wochen bis zum Übertrittszeugnis ausgeht, von denen vier Wochen schon in der Anfangskonferenz als probenfrei festgeschrieben werden müssen, sollte man sich als Vater, aber auch als Redakteur fragen, wie das funktionieren soll: Der zu prüfende Inhalt muss den Kindern ja auch irgendwie noch vermittelt werden. Ohne Frage ist die Übertrittsituation in Bayern pädagogisch zweifelhaft und stressig für die Kinder. Aber man sollte doch bei der Wahrheit bleiben. Dies schreibe ich Ihnen als bayerische Schulleiterin einer Grundschule und Leserin der SZ seit 30 Jahren.

Hiltrud Volpert, Riedering

Ungerechtes Selektieren

Mit keinem Wort wird die eigentlich naheliegende Frage erörtert, warum man sich überhaupt die Mühe macht, Kinder in einem Alter zu selektieren, in dem die kindliche Intelligenz eine Phase stürmischer Entwicklung erlebt und Prognosen über die weitere Entwicklung den Aussagewert des Horoskops eines Boulevardblatts haben. Die Selektion von Kindern nach Graden der Intelligenz und vermuteter künftiger Eignung für reproduktive oder schöpferische Berufe ist daher nicht nur ein Anachronismus, sie ist ein großes Unrecht.

Dabei werden im Wesentlichen zwei Hebel eingesetzt: Zum einen die materielle Benachteiligung der Grundschulen im Vergleich zu Gymnasien – verschärft durch die Migration – und zum zweiten durch das Curriculum der Gymnasien mit willkürlichen Hürden, mit denen Kinder je nach sozialer Herkunft unterschiedlich zurechtkommen. Ein Beispiel: Im Mathematikunterricht der Mittelstufe des Gymnasiums werden die Themen Algebra und Geometrie behandelt, zu deren Verständnis Abstraktionsvermögen und logisches Denken erforderlich sind. Das Gehirnareal, in dem diese Prozesse stattfinden, die Großhirnrinde, speziell der präfrontale Cortex, ist aber erst mit dem Ende der Adoleszenz ausgereift, keinesfalls jedoch in der Entwicklungsphase der Pubertät. Diese medizinische Binsenweisheit ist seit vielen Jahrzehnten bekannt, wird aber von den verantwortlichen Schulpolitikern hartnäckig ignoriert.

Die Kinder selbst sind diesem Unrecht hilflos ausgeliefert. Eine Wahl zwischen Ausbildungs- und Berufswegen im Kindesalter ist auch nicht notwendig, wie das Beispiel DDR gezeigt hat und etliche skandinavische Staaten noch heute demonstrieren.

Aber warum ist das bei uns in Deutschland – vor allem in Bayern – ganz anders? Die „höhere Bildung“ in separaten Schulen entwickelte sich parallel zur Industrialisierung als Privileg einer relativ kleinen wirtschaftlichen Elite und des Adels, die ihrem Nachwuchs auch auf diesem Weg Vorteile im beruflichen Konkurrenzkampf bieten konnten. Diese Eliten sind zwar inzwischen zahlenmäßig eine kleine Minderheit, setzen sich aber in den staatlichen Weichenstellungen noch immer durch. Unterstützt werden sie von einem Teil der Gymnasiallehrer, die um eine Gehaltsstufe besser besoldet werden als ihre Berufskollegen an Hauptschulen.

Eine Gesellschaft, die es nicht schafft, die Entwicklung der natürlichen Intelligenz ihrer Kinder nach Kräften zu fördern (und stattdessen auf „künstliche Intelligenz“ setzt), ruiniert sich selbst.

Klaus Ried, München

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