„Krise in zartbitter“ vom 31. Oktober:
Erst verramscht, jetzt teuer
Schokolade macht mich und viele andere glücklich, daher lesen wir gern Ihre nette Geschichte über Menschen, die sie produzieren, und ihre Herausforderungen dabei. Aber wie in aller Welt ist es Ihnen „gelungen“, die jahrzehntelangen Bemühungen um faire Handelsbeziehungen nicht zu erwähnen?
Bei Ihrem Porträt der Firma Ritter Sport, die seit ein paar Jahren durch Direktkontakte an einer fairen Lieferkette arbeitet, kommen diese Investitionen zwar vor, aber Sie stellen dennoch den offenbar zusätzlich notwendigen Börsenhandel in den Fokus. Gerade direkter, fairer Handel dient doch dazu, Spekulanten außen vor zu lassen – in welchem Verhältnis stehen also diese Arten des Kakao-Einkaufs aktuell? Welchen Anteil hat der faire Einkauf am Preis, und ist ein höherer Preis nicht eventuell gerechtfertigt?
Die Preissteigerungen mögen durch Klimawandel und globale Krisen beeinflusst sein. Allerdings wurde und wird Schokolade seit langer Zeit zu Ramschpreisen angeboten, wurden von den großen Händlern nur halbherzig Versprechen gegeben, die Bedingungen und Sicherheiten für die Erzeuger zu verbessern. Sie deuten an, dass Kinderarbeit früher eine größere Rolle gespielt hat, beziehen aber keine aussagekräftigen Statistiken ein. Nach wie vor wird leider der Markt von Großkonzernen dominiert. In Deutschland verputzt ein Mensch durchschnittlich zehn Kilogramm Schokolade im Jahr, während der in der Reportage befragte Forscher sie während seiner ersten 20 Lebensjahre in Westafrika nicht einmal kennengelernt hat. Ein angemessener Preis für dieses geliebte Produkt ist demnach überfällig!
Dr. Constanze Geumann, München
So wird’s nicht besser
Jaja, wir könnten es alle wissen: Dafür, dass wir hierzulande so viel Schokolade essen können, herrschen in den westafrikanischen Kakaoplantagen häufig menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit eingeschlossen. Aber „Kinderarbeit, puh, will ich gar nicht wissen ...“ (Zitat aus dem obigen Artikel). Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
Dabei hätten und hatten wir doch eine Stellschraube: das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, kurz das Lieferkettengesetz, das schon erste Erfolge ausrichten konnte. Stattdessen hat das Bundeskabinett gerade den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Lieferkettengesetzes beschlossen: Die Berichtspflicht über die Einhaltung der Sorgfaltspflichten soll abgeschafft werden. Schade, dass in dem langen Artikel diesem Skandal keine einzige Zeile gewidmet wurde. Eine Schande für ein so reiches Land wie Deutschland.
Petra Schroeder, Saarbrücken
Ungesunde Nebensache
Die „Schokoflation“ war nicht nur die Schlagzeile der SZ auf der Titelseite. Ein ganzseitiger Bericht auf Seite Drei folgte. Haben wir derzeit keine wichtigeren Themen als den Preis von Kakaobohnen?
Niemand ist genötigt, für eine Tafel Schokolade tief in die Tasche zu greifen. Eigentlich gibt es zwei Möglichkeiten dagegenzusteuern: Erstens, auf Schokolade komplett zu verzichten und auf andere Süßigkeiten auszuweichen. Zweitens, nur wesentlich weniger Schokolade zu essen und diese wie Champagner oder Trüffel als Luxusgut zu betrachten.
Die reduzierte Zufuhr hat den Vorteil, sich gesünder zu ernähren. Schokolade hat nämlich meist einen hohen Fett- und Zuckeranteil.
Stefan Herb, Roding
Bester Stoff für die Schule
Ihren Artikel „Krise in zartbitter“ habe ich mir auf der Zunge zergehen lassen. Für mich als ehemaligen Lehrer für die Fächer Geographie und Wirtschaft/Recht war alles enthalten, was man für einen informativen Artikel zum Thema „Kakao“ braucht. Wäre ich noch im Dienst, hätte ich Ihren Text meinen Oberstufenschülern präsentiert, diese hätten großartig profitiert davon. Glückwunsch.
Hans Engelhardt, Simbach am Inn
Mal nachgerechnet
Der ganzseitige Bericht über die Lage des Kakaomarktes und deren Auswirkungen auf die Schokoladenfabrikanten suggeriert, dass die gestiegenen Rohstoffpreise ursächlich für die immensen Anstiege der Schokoladenpreise im Handel seien – und folgt damit den Narrativen der Süßwarenindustrie.
Zieht man allerdings die Grundrechenarten zurate und wendet diese auf die in dem Artikel aufgeführten Zahlen an (8950 Tonnen Kakao jährlich für 3 Millionen Tafeln pro Tag, Tonnenpreis 5218 Pfund), so ergeben sich weniger als 5 Cent pro Tafel. Dieser Anteil am Gesamtpreis kann nur schwerlich den exorbitanten Preisanstieg beim Händler erklären. Auch das Phänomen, dass eine beliebte Bitterschokolade in deutschen Supermarktregalen für 4,99 Euro ausliegt, während eine französische Supermarktkette diese (mutmaßlich gewinnbringend) zu einem Regelpreis von 2,29 Euro vermarktet, dürfte sich nicht über die Kakaopreisentwicklung erklären lassen.
Frank Kuehl, Sankt Augustin
Ade, schöne Schokowelt
In ihrem Artikel schildern sie die Situation auf dem Kakao- und Schokoladenmarkt. Dabei wird hauptsächlich bedauert, dass unsere schöne Schokowelt zusammenbricht. Die Probleme aber werden nur am Rande gestreift und es wird nicht wirklich auf die Ursachen eingegangen.
Dass die Verantwortung dafür die Konzerne tragen, die seit Jahrhunderten davon profitieren, wird leider gar nicht deutlich gesagt. Konzerne wie Lindt, Mondelez („Milka“ gehört dazu), Nestlé, auch Ritter Sport, haben diese Krise maßgeblich verursacht und akzeptieren/unterstützen immer noch die gleichen Strukturen, die auch mit Kinderarbeit und Menschenhandel kein Problem haben. Die Preise für die Rohware Kakao werden weiterhin gedrückt. Die Maxime ist immer noch, dass der Rohstoff Kakao so billig wie möglich sein muss. Wirklich leiden darunter nicht die Konsumenten, sondern die Produzenten, die nicht annähernd existenzsichernde Löhne und Preise erhalten und kaum Unterstützung bekommen, dem Klimawandel zu begegnen.
Aber es gibt Alternativen, nämlich den fairen Handel. Dieser schafft gerechte Handelsstrukturen und unterstützt die Produzenten dabei, die Klimaanpassung stemmen zu können. So geht gerechte und nachhaltige Wirtschaft.
Petra von Thienen, Mering
Hinweis
Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und des Wohnorts. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.
