Rente:Da gibt es noch Gerechtigkeitslücken

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Renten-Traum... SZ-Zeichnung: Denis Metz (Foto: N/A)

Würden Spitzenverdiener stärker besteuert, arbeitsbereite Rentner hingegen weniger, könnte Altersarmut besser bekämpft werden, finden Leserinnen und Leser.

"Neuer Job mit 85 Jahren" vom 4./5. März, "Von der Betriebsrente soll mehr übrig bleiben" und Editorial "Diese Aufteilung ist nicht fair" vom 21. Februar sowie "Die Rente mit 63, ein Fehler mit Ansage" vom 18./19. Februar:

Demotivierende Abzüge

Ja, wir würden gerne noch arbeiten, aber: Wenn man eine Durchschnittsrente nach 45,5 Jahren Arbeit hat, drei Kinder großgezogen und bis zum Master-Abschluss gebracht hat, den erkrankten Mann drei Jahre bis zum Tod zu Hause gepflegt hat, bekommt man eine Witwenrente! Da man noch hell ist im Kopf und körperlich fit, denkt man wieder ans Arbeiten. Aber von 100 Euro Verdienst wird die Witwenrente um 40 Euro gekürzt. Ist es gerecht, die Fleißigen so zu bestrafen? Gerne würden wir in die Sozial- und Rentenversicherung einzahlen. Es gibt Fachkräftemangel, Leute werden aus dem Ausland geworben - und die hiesigen sind am Abstellgleis.

Olga Anna Kaiser, Bogen-Furth

Frühe Rente - auf Druck

Bei all den derzeitigen Debatten um die Erhöhung des Renteneintrittsalters wird ausschließlich die Arbeitnehmerseite betrachtet. Vor allem wird immer wieder das Bild des hedonistischen Rentners zelebriert, der auf Mallorca sein Leben genießt und das auf Kosten der Gesellschaft. Wie viele von denen sind freiwillig so früh in Rente gegangen?

In meinem Umfeld sind viele vor dem offiziellen Renteneintritt in Ruhestand gegangen, aber niemand "freiwillig". Und das sind alles Menschen, die qualifizierte Jobs hatten, häufig mit langjähriger Personalverantwortung und großem Fachwissen, und die noch einige Jahre Beiträge in die Rentenkasse gezahlt hätten. Allerdings legten die Unternehmen diesen Mitarbeitern sehr eindringlich nahe, dass ihre Mitarbeit nicht mehr gewünscht, geschweige denn wertgeschätzt würde. Menschen mit großem Fachwissen gingen jahrelang ins Büro, mit Buch oder Spiegel bewaffnet, um die Zeit am Arbeitsplatz totzuschlagen, obwohl sie mehrfach angeboten hatten, gern noch einen produktiven Beitrag für ihr Unternehmen zu leisten.

Stattdessen entledigen sich zahlreiche große Unternehmen angeblich teurer Mitarbeiter auf Kosten der Gesellschaft, und das seit Jahren und immer noch. Von circa 200 Mitarbeitern einer großen deutschen Bank, die im letzten Jahr in Ruhestand gingen, waren es vielleicht fünf, die zum regulären Zeitpunkt die Bank verließen; dies eine Schätzung einer Betroffenen. Wo bleibt die öffentliche Debatte über diese Entwicklungen und die Verantwortung der großen Unternehmen, die häufig ihre Umstrukturierungen, betrieblichen Veränderungen und strategischen Entscheidungen durchsetzen zulasten der Gesellschaft? Wo ist die Debatte darüber, wie Wissenstransfer in Unternehmen stattfinden kann und Arbeitsplätze für jüngere Mitarbeiter so gestaltet werden, dass sie nicht wegen Überlastung und Überforderung nach fünf Jahren den Burn-out erleben?

Und warum fällt Unternehmen meistens nichts anderes ein, als von Veränderungen betroffene Mitarbeiter so schnell wie möglich zu entsorgen? Vielleicht sollten wir in der öffentlichen Debatte auch viel intensiver die Verantwortung und Fürsorgepflicht der Unternehmen für ihre älteren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hinterfragen und mehr gesellschaftliche Verantwortung einfordern.

Monika Heim, Ettlingen

Schlechter Renten-Deal

Nicht nur Abzüge in Höhe von fast 20 Prozent für Kranken- und Pflegeversicherung schmälern die Betriebsrente. Es gibt auch weitere Ärgernisse. So unterbleibt eine Anpassung der Betriebsrente für die ehemaligen Angestellten und Arbeiter des öffentlichen Dienstes an die Entwicklung der Gehälter der aktiven Beschäftigten im öffentlichen Dienst und an die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung. Grund dafür ist eine "Escape-Klausel" im Gesetz, die es erlaubt, die eigentlich alle drei Jahre erforderliche Anpassungsüberprüfung zu umgehen, wenn die Betriebsrente jährlich um ein Prozent erhöht wird. Auf diese Regelung hat sich seinerzeit die Gewerkschaft (Verdi, davor ÖTV) eingelassen, als 2002 die beamtenähnliche "Gesamtaltersversorgung" für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes (Angestellte und Arbeiter) durch ein wesentlich schlechteres Betriebsrentensystem ersetzt wurde.

Das bedeutet, dass die Betriebsrenten in den vergangenen zehn Jahren lediglich um zehn Prozent gestiegen sind, während sich die Steigerung der (ohnehin erheblich höheren) Versorgungsbezüge der Ruhestandsbeamten entsprechend den Erhöhungen für die aktiven Beamten auf circa 28 Prozent belief. Faktisch liegt hier eine massive Kürzung der Betriebsrenten des öffentlichen Dienstes vor. Leider hat die Gewerkschaft Verdi offenbar kein Interesse, sich dieser Problematik anzunehmen und sich für diese Rentnergruppe noch einzusetzen.

Dr. Bernhard Schoßig, München

Zähne zusammenbeißen

Sehr geehrter Herr Preuß, leider ist Ihre Ansicht nicht nachvollziehbar. Wer mit 63 Jahren, nach 45 Jahren Arbeit, in den Ruhestand geht, hat mit 18 Jahren begonnen zu arbeiten, hat also weder Abitur noch Studium. Damit hat er meist auch keinen überdurchschnittlichen Lohn. Wer 45 Jahre gearbeitet hat, hat eine Rente ohne Abschläge wahrlich verdient. Wer schafft das heutzutage überhaupt noch? Das sind nicht die Spitzenverdiener, weil die Jahre des Studiums fehlen. Wer 60, 61, 62 ist, ist in der Regel nicht mehr fit und gesund, sondern arbeitet trotz gesundheitlicher Beschwerden. Das sind die Babyboomer, die es gelernt haben, die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen. In Übereinstimmung damit sind in den Betrieben auch jüngere Arbeitnehmer öfter und länger krank. Das sage ich, obwohl ich in zwei Monaten 63 Jahre werde und nicht aufhöre zu arbeiten, sondern bis 66 Jahre und vier Monate weitermachen werde. Es würde mich schon interessieren, wie Sie das mit 63 Jahren sehen werden, vorausgesetzt, Sie bekommen 45 Jahre zusammen.

Dr. Maria Stöckl-Biallas, Aschheim

Ran an die Großverdiener

Warum werden von Ihren Redakteuren eigentlich wieder Junge gegen Alte ausgespielt? Viele Fakten blenden sie aus: Es geht doch in Wahrheit um die Finanzierung und eine auskömmliche Rente für alle, junge und alte Menschen! Warum soll das das Problem der Jungen sein (oder bleiben)? Warum werden denn die Folgen des demografischen Wandels bei den Jüngeren und nicht bei den Steuerflüchtigen abgeladen? Warum werden denn Großkonzerne, die kaum Steuern zahlen, und Spitzenverdiener nicht stärker zur Rentenfinanzierung herangezogen? Warum wird auch dafür nicht die Erbschaftsteuer erhöht und endlich eine Vermögensteuer auf große Vermögen eingeführt? Warum werden Renten denn hauptsächlich von den Rentenversicherungsbeiträgen finanziert, die nur auf die Arbeitseinkommen der unteren und mittleren Einkommensbezieher bis zur Beitragsbemessungsgrenze zu zahlen sind, und nicht auf Kapitaleinkünfte?

Warum sollen denn Menschen gezwungen (!) werden, länger für die Rente zu arbeiten und damit auch kürzer Rente zu erhalten? Denn darum geht es doch, oder: Zwang und nicht freie Wahl. Wenn jetzt viele gerade aus dem Geringverdiener- und unteren Einkommensbereich nicht früher in Rente gehen, dann doch nicht, weil sie länger arbeiten möchten, sondern weil sie es sich nicht leisten können, früher in Rente zu gehen! Haben nicht viele nur wegen Hausarbeit, Kindererziehung und Billigjobs viel zu wenig Rentenpunkte, um früher in Rente gehen zu können?

Geht es in Wahrheit nicht um diejenigen, die sich als Gut- oder Großverdiener aus der Finanzierung schleichen wollen und mit denen sich die riesengroße Parteienkoalition nicht anlegen will? Also hören Sie doch bitte auf, Junge gegen Alte auszuspielen.

Peter Stutz, Oldenburg

Von allem das Beste

"Unzumutbare Belastung" im Rentenbezug versus "vernachlässigbare Abgabenvorteile während der Erwerbstätigkeit": Die während des Erwerbslebens erlangten Vorteile bei Steuern und Beiträgen wurden gerne genutzt. Wenn dann im Rentenalter Belastungen entstehen, heißt es erst einmal: sich beklagen. Dabei werden dann häufig die während der längeren Erwerbszeit genossenen Vergünstigungen vergessen. Klingt nach jenem Prinzip, das häufig den Unternehmen vorgeworfen wird: Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren.

Johannes Lakes, Oberhausen

Bittere Realitäten

Monika Schnitzer, die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, möchte eine Rente abschaffen, die es schon lange nicht mehr gibt. Und das sind also Fachleute. Wer also die Rente ohne Abschlag 2023 in Anspruch nehmen möchte, muss mindestens 64 Jahre und zwei Monate alt sein und 45 Jahre gearbeitet haben. Die vielen gut verdienenden Facharbeiter, von denen zu lesen ist, nehmen diese Rente auch in Anspruch, weil ständige Arbeit im Zwei-, Drei-, Vier- oder Fünf-Schicht-System plus Wochenendarbeit die Gesundheit ruiniert hat und deshalb nicht dreimal im Jahr Safari, Kreuzfahrten, Wanderurlaube und Sonstiges angesagt sind. Noch trauriger ist aber der Zustand, dass Menschen nach 45 Arbeitsjahren nicht von der Rente leben können in diesem ach so reichen Land.

Werner Jünemann, Göttingen

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