Streit ums RennradfahrenRadler wehren sich gegen pauschale Vorwürfe

Lesezeit: 5 Min.

Illustration: Claudia Klein

In Oberhaching entzündet sich eine exemplarische Verkehrsdebatte, bei der manche auf Schuldige deuten, andere taugliche Lösungen einfordern.

„Rasende Wut“ vom 23./24. August, „Zur Strafe mal das Fahrrad wegnehmen“ sowie die Pro-und-Contra-Kommentare „Mehr Respekt vor Radlern“ und „Keine Rücksicht auf Rennmaschinen“ (alles: 6. August):

Herbeigeschriebenes Problem?

Ich habe mich sehr über den Artikel „Rasende Wut“ gewundert. Wenn in München nicht eine endemische Spezies besonders rücksichtsloser Rennradfahrer/-innen lebt, dann kann ich das beschriebene Phänomen weder aus Frankfurt am Main noch aus Hamburg, Freiburg, Bremen oder Dresden bestätigen. Natürlich wird überall mehr Rad gefahren, und das führt auch zu Konflikten. Und viele Radfahrer/-innen – wenn auch die Minderheit – halten sich oft nicht an Verkehrsregeln und gefährden damit sich und andere. Aber ich habe noch nicht erlebt, dass ausgerechnet die Rennradfahrer als Problembären identifiziert und markiert werden.

Ihr Artikel lädt das Thema ohne Grund schon durch den Titel und die Bildauswahl aggressiv auf und fördert beziehungsweise kreiert damit ein Ressentiment. Dazu passt auch, dass ausführlich die Bekleidung, die Räder, die Coffee Rides und der Lifestyle der Radsportler/-innen thematisiert werden, die allesamt keinen Einfluss auf die Verkehrssicherheit haben.

Dafür wird beim Ortstermin gar kein richtiger Beleg für das unvernünftige Verhalten beobachtet. Das passt nicht so recht zur suggerierten „rasenden Wut“. Dann sollte man sie auch nicht herbeischreiben.

Übrigens sind Poller statt Schwellen am Beginn und Ende von Gefahrstellen ein geeignetes Mittel zur Verlangsamung, ohne ein Sturzrisiko zu erzeugen.

Axel Bienhaus, Frankfurt

Unsinnige Verallgemeinerungen

Mit Interesse verfolge ich Ihre Berichterstattung über die steigende Zahl von Rennradfahrern – insbesondere um Oberhaching. Als seit 30 Jahren aktiver Rennradfahrer (in anderen Regionen) störe ich mich an pauschalen Aussagen wie „zu viele und zu schnell“ oder gar „zehn Prozent Idioten, 90 Prozent Vollidioten“. Das ist blanker Unsinn. Auch hier gilt das Gesetz der großen Zahlen: Die große Mehrheit (circa 80 Prozent) fährt völlig normal, etwa zehn Prozent sehr vorbildlich – und nur eine Minderheit fällt negativ auf. Das gilt im Übrigen auch für Autofahrer: Nicht jeder hupt oder bedrängt, aber Rowdies gibt es auch hier.

Statt solcher Verallgemeinerungen wäre eine faktenorientierte Betrachtung hilfreicher: Wie viele Unfälle zwischen Rennradfahrern und Fußgängern gibt es tatsächlich? Und wie viele zwischen Pkw und Radfahrern? Statistiken zeigen klar: Das Hauptunfallrisiko entsteht durch motorisierten Verkehr. Mehr sichere Radwege würden daher allen nützen – Radlern wie Autofahrern. Da die CSU nicht als Radwegepartei bekannt ist, mag das Thema vielleicht die bayerischen Gemüter stärker erhitzen.

Clemens van Dinther, Karlsruhe

Verbissene Rennradler

Seit 33 Jahren lebe ich in Oberhaching, seit 24 Jahren genau dort, wo die meisten Rennradler in eine kleine Straße abbiegen, die zur Hauptroute nach Ödenpullach und in das bayerische Oberland führt. Unser Haus ist ungefähr 100 Meter davon entfernt, getrennt durch ein Feld und eine Wiese. Meist höre ich sie schon am Lärm, den sie machen, denn sie fahren meist im Pulk oder auch in Horden und schreien, vielleicht, um zu beweisen, dass sie trotz Anstrengung so fit sind, dass sie auch noch sprechen können.

Sie nehmen einem prinzipiell die Vorfahrt. Auf der Straße nach Ödenpullach und Großdingharting kann man sie auch schlecht überholen, da der vorgeschriebene Abstand von zwei Metern zum Auto wegen des Fahrens zu zweit und zu dritt nebeneinander nicht möglich ist, es sei denn, man riskiert, mit dem Auto im Graben zu landen (Paragraph 5 der Straßenverkehrsordnung schreibt außerorts beim Überholen von Fahrrädern mindestens zwei Meter, innerorts mindestens 1,5 Meter Seitenabstand vor; d. Red.).

An der „Kugler Alm“ ist das Überqueren der Straße ein Hochrisiko-Unterfangen, erst recht, wenn kleine Kinder so wie meine Enkel dabei sind. Auch die Schwellen, die unser sehr besorgter Bürgermeister guten Willens hat installieren lassen, helfen, wie Sie auch in Ihrem Artikel beschrieben haben, wenig.

Ich möchte betonen, dass ich seit Jahrzehnten begeisterte Radlerin bin mit Mountainbike, Stadtrad und E-Bike und sehr viel Rad fahre, sowohl ins bayerische Oberland hinaus als auch in die Stadt hinein. Nur momentan traue ich mich am Wochenende nicht auf die Radstrecke durch den Perlacher Forst, weil die Rücksichtslosigkeit Züge angenommen hat, die lebensgefährlich sind. Auch ins Oberland Richtung Süden kann man nur fahren, wenn man zwischen 7 und 8.30 Uhr die Tour beginnt, alles andere macht ebenfalls keinen Spaß mehr.

Ob aber die Rennradler Spaß haben, bezweifle ich ebenso, denn meistens schauen sie gequält, verbissen und freudlos rasend in den Boden und erkennen nicht die Schönheit unserer großartigen Landschaft und Natur. Für mich ist eine schnelle und für alle akzeptable Lösung nicht in Sicht.

Dr. Brigitte Dietz, Oberhaching

Tendenziös gegen die Radler

Nun ist also passiert, was passieren muss, wenn anstatt nach Lösungen nach Schuldigen gesucht wird. An der „Bremsschwelle“ vor der „Kugler Alm“ hat sich ein unbeteiligter Radfahrer schwer verletzt. Die seit Monaten anhaltende Diskussion um angeblich zu schnell fahrende „Rennradler“, angeheizt von einem Bürgermeister der, so könnte man meinen, vielleicht von schwerer wiegenden Verkehrsproblem der Gemeinde ablenken will, hat damit einen neuen traurigen Höhepunkt erreicht.

Unrühmlich ist auch die journalistische Begleitung der Süddeutschen in einer ganzen Reihe von Artikeln zum Thema, die alle nicht mit großer journalistischer Sorgfalt oder Fachwissen glänzen.

Der bisherige Höhepunkt: der Artikel „Rasende Wut“ zum Thema, der alle Mittel des tendenziösen Journalismus einsetzt. Es wird ohne jede objektive Quelle Anekdotisches verallgemeinert: Es „weiß jeder in Oberhaching, dass sie [die Rennradler] meist zu schnell sind“. Absurde Behauptungen werden als Fakten dargestellt, und man diskutiert einen Rennradler, der mit 52 (nicht etwa 50) Kilometer pro Stunde unterwegs ist. Es wird dem ortsfremden Leser suggeriert, dass es sich um eine „freigegebene Fußgängerzone“ oder einen „Gehweg“ handele. In Wirklichkeit ist es die Fahrbahn, auf der auch Autos unterwegs sind.

Sachfremde Vorwürfe werden gemacht, wie zum Beispiel: „Rennradler fahren ohne Klingel.“ Was hat das mit dem geschilderten Problem zu tun? Völlig unkritisch wird der rechtlich höchst fragwürdige Vorschlag des Bürgermeisters wiedergegeben, Radlern ihr Fahrzeug zu konfiszieren. Das geht in Deutschland nicht einmal so einfach bei Autorasern, die tatsächlich Menschenleben in Gefahr bringen.

Friedemann Ludwig, München

In die Schranken weisen

Mit großem Erstaunen nehme ich die Berichterstattung über Rennradraser im Raum München zur Kenntnis, noch mehr irritiert mich die Diskussion über mögliche Gegenmaßnahmen. In der Tat schäme ich auch mich als passionierter Rennradler oft für das Gehabe anderer Radlerinnen und Radler, die offenbar meinen, auf zur gemeinsamen Nutzung für Radfahrer und Fußgänger freigegebenen Strecken neue Rekorde erzielen zu müssen. In meiner saarländischen Heimat und in der benachbarten französischen Region Grand Est behilft man sich mit Schranken, die deutlich zuverlässiger für ein Absinken der Geschwindigkeit bis nahe Null sorgen als Bodenschwellen, die geübte Radler/-innen mit steigender Geschwindigkeit überspringen können. Wenn man es dann noch schafft, auch den Fußgängern beizubringen, dass sie nicht unbedingt in Gruppen zu zehn und mehr Menschen mitten auf dem gemeinsamen (!) Weg ein Plauderpäuschen einlegen müssen, ist für alle Benutzergruppen gesorgt (die Straße, auf denen die Schwellen vor der „Kugler Alm“ angebracht wurden, wird auch vom Autoverkehr genutzt, deshalb keine Schranken; d. Red.).

Christian W. Degner, Saarbrücken

Andere Route für die Schnellen

Bei schönem Wetter schwärmen Rennradler in Zwanziger-Kolonnen auf der Oberhachinger Linienstraße ein, und jeder von ihnen bemüht sich, im Windschatten des Kollegen das Tempo zu halten. Wo auf einer schmalen Wohnstraße gerast wird, da bleiben Kollateralschäden nicht aus. Dahinter steht auch ein strukturelles Problem: Die schmale Linienstraße ist einfach zu eng. Dass sich Autofahrer/Anlieger, Fußgänger und Rennradler-Schwärme diesen knappen Raum teilen, funktioniert nicht.

Das Konzept einer Fahrradautobahn vorbei an der Nussbaumranch ist primär dafür gedacht, dass Menschen mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit nach München fahren oder aus München heraus ins Oberhachinger Gewerbegebiet. Das ist positiv für die eigene Gesundheit und für die Umwelt. Auch Ausflügler aus München für die „Kugler Alm“ sind willkommen. Aber niemand hatte wohl die Absicht, eine Radrennbahn zu errichten mitten durch ein Wohngebiet. Deshalb sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben ,zusammen mit den Profiradlern eine alternative Strecke ins Oberland zu finden, die ihren sportlichen Wünschen entspricht, aber auch die Interessen der Einheimischen mitnimmt.

Ute Taube, Oberhaching

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