„Kein Fitnesstraining für die Seele“ vom 19. März:
Untaugliche Relativierung
Die im Artikel vertretene These, Honorarkürzungen für psychotherapeutische Leistungen seien tolerabel und angesichts einer angeblichen Fehlversorgung zu relativieren, greift zu kurz und verkennt zentrale Realitäten psychischer Erkrankungen.
Problematisch ist bereits die implizite Annahme, ein erheblicher Teil der behandelten Patientinnen und Patienten sei nur leicht oder gar nicht krank. Das offenbart ein verkürztes Verständnis psychischen Leids und ignoriert dessen volkswirtschaftliche Bedeutung: Psychische Erkrankungen sind eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Gerade frühe Interventionen – auch bei zunächst milderen Symptomen – sind entscheidend, um schwerere Verläufe zu verhindern. Eine Verknappung psychotherapeutischer Leistungen ist daher kurzsichtig, da verspätete oder ausbleibende Behandlung deutlich höhere individuelle und gesellschaftliche Kosten verursacht.
Auch die angeführte Verdopplung der Zahl niedergelassener Psychotherapeutinnen und -therapeuten belegt keine Überversorgung. Sie sagt nichts über den gewachsenen Bedarf aus, der unter anderem durch gesellschaftliche Belastungen, Krisen und demografische Entwicklungen gestiegen ist. Die Realität monatelanger Wartezeiten spricht hier eine klare Sprache. Zudem bleibt unerwähnt, dass weniger als die Hälfte der rund 37 000 Behandelnden über eine Kassenzulassung verfügt und gesetzlich Versicherte überhaupt versorgen kann.
Besonders irritierend ist schließlich die im Artikel anklingende normative Setzung, psychisches Leid sei in größerem Umfang einfach besser hinzunehmen. Gewiss: Nicht jede Krise bedarf einer Therapie. Doch diese Einsicht darf nicht zur Legitimation struktureller Unterfinanzierung dienen. Außerdem ist die Grenze zwischen aushaltbarem Leid und behandlungsbedürftiger Erkrankung weder trivial noch pauschal von außen festzulegen, sondern bedarf im Einzelfall einer eingehenden Diagnostik und individuellen Beratung.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Bagatellisierung einer Honorarkürzung um 4,5 Prozent fehl am Platz. Es bleibt zu hoffen, dass nicht die Mehrheit der Psychotherapeuten gerade wegen einer finanziellen Abwertung ihrer Arbeit zukünftig „leichteren Fällen“ den Vorzug gibt und damit die Therapiechancen für die schwer und chronisch Erkrankten zusätzlich sinken werden. Die Honorarkürzung trifft auf ein Versorgungssystem, das vielerorts bereits an seine Grenzen stößt, und sendet ein problematisches Signal an einen Berufsstand, dessen Bedeutung in den vergangenen Jahren eher zu- als abgenommen hat. Eine Debatte über Fehlanreize ist wichtig – sie sollte jedoch differenziert geführt werden und die Versorgungsrealität berücksichtigen.
Ich hoffe, dass zukünftige Beiträge in der SZ die Debatte weiter aufgreifen und zu mehr Differenziertheit finden.
Prof. Dr. med. Marcel Sieberer, Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie, Witten
Problematische Schlussfolgerungen
Mit großem Interesse habe ich den Artikel „Psychotherapie ist kein Fitnesstraining für die Seele“ gelesen. Die pointierte Kritik an gesellschaftlichen Erwartungen gegenüber Psychotherapie ist durchaus anregend. Dennoch halte ich einige der Schlussfolgerungen für höchst problematisch. Der Beitrag setzt ein wichtiges Thema, greift dabei allerdings viel zu kurz. Die Gegenüberstellung von „echtem“ und vermeintlich weniger dringlichem Leid wird der Komplexität psychischer Störungen nicht ansatzweise gerecht. Für viele Betroffene bedeutet es nach wie vor eine erhebliche Hürde, bevor sie Hilfe aufsuchen, da dieses Thema noch immer schambesetzt ist.
Frühzeitige Unterstützung abzuwerten, birgt zudem die Gefahr, Probleme erst dann ernst zu nehmen, wenn sie sich bereits verschärft oder chronifiziert haben. Statt die Nachfrage nach Therapie infrage zu stellen, wäre es hilfreicher, die strukturellen Defizite der Versorgung stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Am Ende bleibt eine verstörende Botschaft: Nicht das System ist zu schwach, sondern die Menschen, die Hilfe in Anspruch nehmen.
Dipl. Psych. Heike Schroeder, Ingolstadt
Respektlose Zuspitzungen
Mit großem Unverständnis habe ich Ihren Artikel „Kein Fitnesstraining für die Seele“ gelesen. Insbesondere die Darstellung der Psychotherapeutenschaft empfinde ich als unangemessen zugespitzt und in Teilen respektlos. Der Vergleich mit „Brandstiftern“ sowie der sarkastische Tonfall zeichnen das Bild einer Berufsgruppe, die aus reinem Eigeninteresse handelt und sich bevorzugt „leichte Fälle“ aussucht. Diese Darstellung wird der Realität in keiner Weise gerecht.
Die Behauptung, eine Anpassungsstörung sei so selten, dass sie nicht in Statistiken aufgeführt wird, ist außerdem eine Fehlinterpretation der Datenlage. Sie wird in Studien eher systematisch unterschätzt, unter anderem, weil sie schwerer zu messen ist als eine Depression. Gerade solche frühen Belastungssymptome oder Anpassungsstörungen ernst zu nehmen, ist ein Bestandteil präventiver Arbeit und kann Chronifizierungen verhindern. In der Behandlung wird das Sitzungskontingent auch entsprechend der Schwere der Störung angepasst.
Auch die implizite Darstellung, die Psychotherapeutenschaft handle primär gewinnorientiert, etwa wenn als Konsequenz vermehrt Privatversicherte behandelt werden, empfinde ich als anmaßend. Es geht hierbei nicht um Profitmaximierung, sondern um existenzielle Fragen wie die Finanzierung eines Kassensitzes, laufende Praxiskosten oder die eigene Altersvorsorge. Die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen ist bundesweit weitgehend standardisiert. In einer Stadt wie München, wo die Süddeutsche Zeitung ansässig ist, erscheint es mir daher umso unangemessener, eine Honorarkürzung zu belächeln.
Unnötig und unterschwellig wertend ist zudem die Erwähnung, dass viele Therapeutinnen Teilzeit arbeiten. Dass ein großer Teil der Psychotherapeutenschaft weiblich ist und Teilzeitmodelle nutzt, hängt häufig mit strukturellen Rahmenbedingungen wie Kinderbetreuung zusammen und ist wohl kein Grund, weshalb sich eine Abiturientin für ein Psychologiestudium bewirbt. Dies als Argument in einer Debatte über Vergütung anzuführen, lenkt vom eigentlichen Problem ab und verstärkt bestehende Ungleichheiten.
Völlig fraglich ist die Botschaft in der Aussage, psychisches Leiden sei schlicht als Teil der menschlichen Existenz anzuerkennen und nicht „wegzutherapieren“. So richtig es ist, dass Leid zum Leben gehört, so verkehrt ist diese Zuspitzung. Die psychotherapeutische Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass Psychotherapie wirksam ist und Menschen nachweislich stabilisieren und heilen kann.
Die aktuelle Diskussion um Honorarkürzungen sollte differenziert und sachlich geführt werden, nicht auf Kosten einer Berufsgruppe, die einen essenziellen Beitrag zur gesundheitlichen Versorgung Deutschlands leistet.
Bernadette Heißenhuber, München
Bitte Präzision statt Polemik
Der Essay setzt auf Zuspitzung statt auf fachliche Genauigkeit. Besonders problematisch ist die Behauptung eines „offenen Geheimnisses“, viele Menschen nähmen Therapie ohne Not in Anspruch. Das wäre nicht nur ein Behandlungsfehler, sondern eine solche Aussage verstärkt in fataler Weise die ohnehin häufig vorhandenen Zweifel Betroffener, ob sie „überhaupt Hilfe verdienen“. Angesichts langer Wartezeiten und der Verbindlichkeit einer Therapie begibt sich niemand „einfach mal so“ in Behandlung.
Auch die Unterstellung von „Gefälligkeitsdiagnosen“ diskreditiert pauschal eine ganze Berufsgruppe und suggeriert eine Willkür, die an der Realität vorbeigeht. In all meinen Berufsjahren ist mir noch kein Mensch begegnet, dem eine psychische Diagnose „gefallen“ hätte; sie ist die notwendige Benennung eines Leidensdrucks und Voraussetzung für Hilfe, kein bestelltes Accessoire zur Selbstoptimierung. Die Ausführungen zu Anpassungsstörungen zeugen schlichtweg von Unkenntnis, und die Aufrechnung von Therapiekosten mit Autos oder Urlauben ist völlig unangemessen. Zudem stellt sich die Frage: Wenn eine gesicherte Diagnose nicht für eine Psychotherapie ausreichen soll – gilt das auch für eine Blinddarm-Operation oder Krebsbehandlung, die möglicherweise sogar dem „Preis einer Oberklasse-Limousine“ entspricht? Oder wird hier mit zweierlei Maß gemessen?
Richtig ist: Frühe Intervention spart dem Gesundheitssystem nachweislich Kosten. Bemerkenswert ist dabei die Annahme, psychische Störungen entstünden vor allem vor dem 25. Lebensjahr – als gäbe es danach keine Krisen mehr.
Insgesamt wirkt der Text weniger analytisch als von einer vorgefassten Haltung getragen und vermittelt eine spürbare Geringschätzung psychotherapeutischer Arbeit – passend zur aktuellen Debatte um die Kürzung der Leistungen. Gerade bei einem so sensiblen Thema wäre mehr Präzision und weniger Polemik angebracht.
Dipl. Psych. Julia Adler, München
Falscher Rechenansatz
Statt mit seinem Taschenrechner auszurechnen, wie viel es kosten würde, alle Menschen mit psychischen Problemen professionell zu behandeln, sollte der Autor das Instrument benutzen, um auszurechnen, welche gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten dadurch entstehen, dass nach wie vor ein großer Anteil psychischer Erkrankungen gar nicht oder inadäquat behandelt werden. Anfangen könnte er bei der Kalkulation der Kosten von Produktivitätsausfällen wegen Arbeitsunfähigkeitszeiten und vorzeitigen Berentungen. Die Ergebnisse werden sicher dazu beitragen, seine auf wenig Sachkenntnis basierenden Vorschläge zur Reform der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland zu überdenken.
Reinhold Kilian, Rieden an der Kötz
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