ProstitutionViel Machtgefälle, wenig Menschenwürde

Lesezeit: 6 Min.

Illustration: Claudia Klein

Leserinnen und Leser sehen sogenannte Sexarbeit kritisch, viele wünschen sich das Nordische Modell, manche bitten um mehr Differenzierung.

„Natürlich macht das kein Mensch freiwillig“ vom 15. November:

Bevormundet und stigmatisiert

Dr. Ronen Steinke benennt dankenswerterweise begriffliche Unschärfen, die die politische Debatte über Prostitution seit Jahren lähmen. Wenn CDU/CSU „freiwillig“ und „einvernehmlich“ auf andere Art definieren als die Menschen, die tatsächlich in der Sexarbeit tätig sind – und anders als es das Recht tut –, dann wird nicht diskutiert, sondern entmündigt. Auf dieser Grundlage lässt sich kein sinnvoller politischer Umgang mit Sexarbeit gestalten.

Statt die realen Lebensumstände der Betroffenen zu verbessern, wird ihnen pauschal abgesprochen, überhaupt ein gültiges „Ja“ äußern zu können. Das ist paradox: In jeder Debatte über sexuelle Selbstbestimmung gilt „Nein heißt Nein“ – zu Recht. Doch ausgerechnet beim „Ja“ von Sexarbeiterinnen will man eine Ausnahme machen. Wer so argumentiert, schützt nicht, sondern bevormundet und reproduziert die Stigmatisierung, die den Betroffenen am meisten schadet.

Franz Wagner, München

Wo bleibt die Menschenwürde?

Prostitution ist kein Job wie jeder andere, auch wenn der verharmlosende Begriff „Sexarbeiterin“ so klingt. Die „Kunden“ dringen bei jeder bezahlten sexuellen Dienstleistung in den Intimbereich eines anderen Menschen ein. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Mensch in prekären Verhältnissen seine Körperkraft verkauft oder seinen beziehungsweise ihren Körper. Auch wenn die Prostituierten ihr Gewerbe angeblich „freiwillig“ betreiben, bleibt doch gekaufter Sex eine Herabwürdigung der Prostituierten durch die Freier. In deren Köpfen setzt sich ein Bild von Frauen fest, welches niemand gutheißen kann: Frauen sind Sexobjekte und käuflich. Und dem steht der Artikel 1 unseres Grundgesetzes klar entgegen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“  Und das geht, so meine Auffassung, nach dem Nordischen Modell so: Prostitution ist verboten. Wenn man erwischt wird, gibt es für die Freier empfindliche Strafen.

Dr. med. Stefanie Knab, Kaufbeuren

Es geht um Macht, nicht um Lust

Ich war lange unentschieden in Bezug auf Prostitution: Nordisches Modell, oder nicht? Inzwischen bekenne ich mich zu diesem Modell, weil Umfragen in Schweden zeigen, dass eine solche Regelung zwar nicht sofort, aber langfristig ein geändertes Bewusstsein in der Bevölkerung, und zwar insbesondere der männlichen, die ja hier die ganz überwiegende „Kundschaft“ darstellt, erzeugt: Sexualität wird von jungen Männern in Schweden erheblich seltener als käufliche Ware betrachtet und ihre ganze Haltung zu Frauen ist von mehr Respekt geprägt.

Was mich letztlich zu dieser Haltung gebracht hat, war ein sich informell ergebendes Gespräch mit einem Betroffenen, der zunächst im privaten Umfeld (aber in diesem Fall nicht in der Familie) pädokriminell missbraucht, dann von seinem Missbraucher „ausgeliehen“ und schließlich förmlich von einem Freier zum anderen herumgereicht wurde. Bis er 18 war, wohnte er auch bei solchen Freiern, danach nicht mehr, da er „zu alt für den Markt“ (so angeblich seine Freier) sei. Danach prostituierte er sich, weil er nichts anderes kannte, weitere zehn Jahre, bis ihm durch eine Beratungsstelle der Ausstieg gelang.

Dies sei, so sagte er mir, kein Einzelfall, sondern durchaus gängig. Er sagte, das, was ihn heute am meisten verwirre und kränke, seien die Versuche, Prostitution zu einer Berufstätigkeit wie jede andere zu erklären („Sexarbeit“). Die Angebote zur Versicherung et cetera würden ohnehin nur einen Bruchteil der männlichen und weiblichen Prostituierten erreichen, die Prostituierten, die sich dafür aussprechen, gehörten weitgehend nicht repräsentativen Lobbyorganisationen an, und das Ganze sei in Anbetracht der Arbeitsbedingungen in diesem Beruf lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre. Das hat mich überzeugt.

Gesellschaften müssen andere Wege finden, den weiblichen Bevölkerungsanteil finanziell gleich zu berechtigen, als die Prostitution, und ich finde auch nicht, dass das Bedürfnis nach sexueller Lust jemandem das Recht gibt, jemand anders einzukaufen. Dafür gibt es längst auch andere Möglichkeiten wie Swingerklubs et cetera. Der große Unterschied ist, dass man bei der Prostitution die Verfügungsgewalt über die intimsten Zonen eines fremden Körpers erwirbt oder zu erwerben meint. Damit geht es weit mehr um Macht als um Lust. Und das lehne ich ab.

Ariane Rüdger, München

Diskriminierte Sexualarbeit

Wie schön, dass die SZ im Vergleich zu anderen Medien zu diesem Thema einigermaßen ausgewogen und überparteilich berichtet. Und dennoch bleibt man als praktizierender Sexworker einigermaßen ratlos (und auch wütend) zurück, auch nach diesem Debattenbeitrag.

Man stelle sich vor, jemand würde die Abschaffung des gesamten Journalismus fordern, weil er die Schlagzeilen der Bild-Zeitung eklig findet. Oder jemand würde den gesamten Politikbetrieb abschaffen wollen, weil es auch einige korrupte Politiker gibt. Wie wäre die Reaktion? Man würde – völlig zu Recht – so etwas nicht ernst nehmen, da es schon auf den ersten Blick völlig undifferenziert ist. Weil jedem sofort einleuchtet, dass man das doch nicht alles in einen Topf werfen kann.

Warum ist das bei der Sexarbeit anders? Warum kann hier ungehemmt behauptet und gefordert werden, regelmäßig über die Köpfe der Betroffenen hinweg und meist ohne jede tiefere Sachkenntnis? Was haben Menschen, die freiwillig, mit Freude, Sachverstand und auf gemeinsamer Augenhöhe Escort anbieten, mit Menschenhandel zu tun? Was hat eine Sexualbegleitung im Senioren- oder Behindertenbereich mit Ausbeutung gemein? Warum beschränkt sich die SZ bei der Betrachtung eines so weitgefächerten Themas auf Straßenstrich und Groß-Bordell? Und warum steht der Satz „Natürlich macht das kein Mensch freiwillig“ als Überschrift ohne Anführungszeichen da? Ist das dann doch die Meinung der Redaktion?

Es ist so erstaunlich wie erschreckend zu sehen, was heutzutage immer noch an Diskriminierung möglich ist – und das sogar in sexuellem Kontext. Du bist Sexarbeiter – ab in den Topf mit dem Straßenstrich, mit den Frauenschindern und Kriminellen. Ob Sexarbeit vielleicht auch und vor allem eine sinnvolle, verantwortungsbewusste, komplexe und hilfreiche Tätigkeit sein könnte (was sie ist!), darüber muss offenbar gar nicht mehr diskutiert werden. Willkommen im Jahr 2025.

Noah-Leo Lassalle, München/Wien

Abhängig und ausgenutzt

„Wenn sich zwei Erwachsene auf einen Preis einigen, ist das kein Übergriff. Sondern ein Deal.“ Ihrer Meinung stimme ich zu – wenn sich zwei freie, selbständige und unabhängige Menschen entsprechend verabreden. Wenn Frauen und Männer unfreiwillig ein sogenanntes Geschäft eingehen, dann ist das kein Deal, sondern grausame Beschädigung der Menschenwürde.

Woher wissen Sie, dass alle sogenannte Sexarbeit in Deutschland freiwillige Sexarbeit ist? Das Familienministerium geht von circa 400 000 Prostituierenden in Deutschland aus. Davon sind nicht einmal zehn Prozent amtlich gemeldet – genau: 34 000. Viele Experten, Sozialarbeiterinnen aus Frauen- und Schutzhäusern, Beraterinnen und Berater aus Beratungsstellen in Diakonie, Caritas und anderen NGOs berichten von abhängigen, ausgenutzten und nicht wenigen gewaltsam zur Sexarbeit gezwungenen Frauen und Männern. Fast alle Aussteigerinnen aus dem Milieu sind psychisch schwer beschädigt und müssen in langwierigen Traumatherapien aus ihrer Dissoziation (Gespaltenheit der Persönlichkeit) begleitet werden. Die Rückkehr in ein verlässliches soziales Umfeld ist für sie ein steiniger Weg. Literaturhinweise: Michael Jürgs, „Sklavenmarkt Europa“; Huschke Mau, „Entmenschlicht“.

Kuno Kallnbach, Schwäbisch Gmünd

Ohne Drogen nicht zu ertragen

Sie schreiben, es sei schwer zu überprüfen, ob tatsächlich Ausländer Prostituierte in Deutschland vermehrt in Anspruch nehmen seit der Liberalisierung 2002. Das ist nun wirklich nicht schwer, Sie müssten sich nur mal die Parkplätze am Duisburger Vulkan-Karree anschauen, einem der größten deutschen Laufhaus-Komplexe. Oder sich mal erkundigen, wie sich die „Geschäfte“ an der Grenze zu Frankreich verändert haben, seit 2016 in Frankreich ein Sexkaufverbot eingeführt wurde.

Sie thematisieren die Freiwilligkeit. Hineingeprügelt und hingeschleift würden im „Artemis“ keine Frauen, das würde den Behörden doch auffallen. Wirklich? Und wie freiwillig ist die Zustimmung, seinen Körper zu verkaufen, wenn der Zuhälter kassiert, für die „Reise“ hohe Schulden bei Menschenhändlern entstanden sind, man mit Familienangehörigen in den Herkunftsländern erpresst wird? Ich habe über Nadine geschrieben, die als „Eigentum“ einer Rockerbande elf Kinder in der Prostitution geboren hat, weil mit hochschwangeren Frauen viel Geld verdient wird. Bis zum Einsetzen der Wehen musste sie „arbeiten“, und am Tag danach wieder. Fast wahnsinnig vor Schmerzen, hat sie gehofft, tot umzufallen. Sie wird bis heute von ihren ehemaligen „Besitzern“ verfolgt. Fast jede Prostituierte, mit der ich gesprochen habe, hat mindestens einmal versucht sich umzubringen. Das Risiko von Menschen in der Prostitution, vorzeitig zu versterben, ist 18-fach erhöht. Alle betäuben sich mit Drogen aller Art, weil das sonst nicht zu ertragen ist.

Als Journalistin und Autorin („Die (un)verborgene Gewalt gegen Frauen“, mvg, 2025; „Schneewittchen und der böse König“, mvg, 2020) beschäftige ich mich seit elf Jahren mit dem Thema und habe mit sehr vielen Frauen, aber auch mit Vertretern der Polizei und Justiz, Zuhältern, Bordellbetreibern und so weiter gesprochen. Freiwilligkeit habe ich nicht gefunden. Zuletzt war ich mit einer Streetworkerin in Köln unterwegs, am Eifeltorbahnhof. Dort stehen zwei Dixi-Toiletten und 22 kaputte, dreckige Wohnwagenanhänger. Darin müssen sich Frauen anbieten, zum Preis von 30 Euro. Freiwillig macht es dort keine. Und es geht noch schlimmer. Ein paar Straßen weiter in einem kleinen Wäldchen zeigt mir die Streetworkerin drei alte Lieferwagen. Dort sitzen Frauen von abends acht bis morgens acht Uhr völlig schutzlos, es gibt nicht einmal eine Laterne. So viel zu Ihrer Annahme der Freiwilligkeit.

Barbara Schmid, Düsseldorf

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