Reportage "Diese Debatte bricht uns alle" vom 6. November:
Kein Ja-aber-Mitgefühl
Vielen Dank für Ihre Berichterstattung über die in Deutschland lebenden Palästinenserinnen und Palästinenser! "Ja, aber...", diese Worte sollte man anscheinend vermeiden in Diskussionen über die entsetzliche Lage der Zivilbevölkerung im Gazastreifen. Ich habe den Eindruck, dass Mitgefühl mit den palästinensischen Familien in ihrer Not und ihrer Trauer in politischen Debatten bei uns nicht unbedingt erwünscht ist.
Ich hatte auf mehreren privaten und beruflichen Reisen das Glück, die palästinensische Herzlichkeit und Gastfreundschaft zu erleben, und dafür bin ich sehr dankbar, leide aber bei dem Gedanken, wie es diesen wunderbaren Menschen jetzt wohl gehen mag. Dankbar bin ich auch der SZ, die auch die andere Seite des schrecklichen Kriegs, die der Bevölkerung in Gaza, nicht ausblendet.
Gisela Hutter, Kirchheim
Wo waren Demos gegen Hamas?
Aufmerksamkeit auf diejenigen zu lenken, die als palästinensische Menschen momentan in Sorge und Trauer sind, ist eine gute Sache. Sich dabei aber von der Terrororganisation Hamas klipp und klar zu distanzieren, wäre ebenso gut. Das lässt sich aber kaum feststellen. Hat es je im Gazastreifen einen Aufruf oder eine Demonstration der Einwohner gegeben, mit der die Hamas zum Stopp ihres Raketenbeschusses auf Israel und zur Freilassung der Geiseln aufgefordert wurde? Vielleicht ist es illusorisch, das zu erwarten, weil es die Protestierenden in Gefahr bringen würde - eben durch die Hamas. Aber in Deutschland oder in anderen demokratischen westlichen Ländern wäre das natürlich möglich. Aber da herrscht Schweigen unter den palästinensischen Menschen hierzulande.
Dass die Palästinenser, Araber oder Muslime "ihren Standpunkt" in der deutschen Öffentlichkeit kaum wiederfinden, auch nicht in den Medien, ist schlicht Unsinn. Solche Berichte gibt es seit Wochen.
André Maßmann, Duisburg
Viele idealisieren die Hamas
Den Ansatz des Artikels - zu schildern, wie sich Muslime in Deutschland angesichts des Terrorangriffs der Hamas und des sich daraus ergebenden Leids der Palästinenser in Gaza fühlen - fand ich zu Anfang sehr lesenswert. Allerdings stellten sich mir bei der Lektüre zunehmend heftige Irritationen ein. Irritierend fand ich etwa, dass die Autorinnen Dunja Ramadan und Sonja Zekri die herausragende Rede Robert Habecks ironisierend benennen mussten ("hochgelobt" und "angemessen wortreich") und dass sie schreiben, wenn man die Rede aus palästinensischer Sicht bedenke, sei sie "nicht mehr so schön". Schön?! Das ist diese Rede ganz sicher nicht!
Sie thematisiert das ungeheure Leid der Juden in Deutschland, vor 80 Jahren während der Shoah und heute. Sie thematisiert den Antisemitismus aus rechter, linker und eben auch aus muslimischer Sicht. Darauf liegt völlig zu Recht der Fokus von Habeck, der übrigens in seiner Rede und auch sonst bei öffentlichen Auftritten das Leid der Menschen in Gaza keineswegs außer Acht lässt.
Was mich jedoch besonders irritiert, ist die Tatsache, dass Ramadan und Zekri in ihrem Artikel zwar fragen, warum so wenige Muslime öffentlich benennen, was das wahre Gesicht der Hamas ist: das einer Terrororganisation, die die Auslöschung Israels und die Errichtung eines islamistischen Gottesstaates will und die keineswegs die Interessen der in Gaza lebenden Palästinenser und Palästinenserinnen vertritt. Antworten ihrer Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen liest man jedoch im Artikel nirgends. Haben Ramadan und Zekri ihnen diese Frage gar nicht gestellt? Oder kann es vielleicht sein, dass gar nicht stimmt, was sie schreiben: "Warum nicht öffentlich sagen, was die meisten ohnehin denken?" Wenn man sich die Demonstrationen auf deutschen Straßen anschaut, dann ist es wohl eben doch eher leider so, dass von vielen Muslimen und Musliminnen die Hamas als Befreiungsbewegung idealisiert wird.
Monika Frühe, Darmstadt
Nicht nachvollziehbare Kritik
Wir können die Kritik von Dunja Ramadan und Sonja Zekri an Robert Habecks außergewöhnlicher Rede - die eigentlich von dem deutschen Kanzler hätte gehalten werden müssen - nicht nachvollziehen. Dass Habeck die Angst und das Leid vieler jüdischer Deutscher thematisiert, die sich hier nicht mehr sicher fühlen, weil sie angegriffen werden, und Deutschlands besondere Verantwortung Juden gegenüber herausstellt, ist ja wohl selbstverständlich - und in dieser Klarheit angemessen.
Die Trauer um zivile palästinensische Tote, vor allem Kinder, die nicht gezielt angegriffen werden wie die israelischen Opfer von den Hamas-Terroristen, hätte in dieser Rede den antisemitischen Aspekt als einen von vielen verwischt. Fakt ist ja wohl, dass die propalästinensischen Demonstrationen mit üblen Parolen nicht zu dulden sind und der Schutz jüdischer Menschen und Einrichtungen zur Staatsräson gehört.
Brigitte und Bernd Broßmann, Neubiberg
Überfälliger Beitrag
Dieser Beitrag war überfällig. Die Berichterstattung in den Medien und die Äußerungen der Politik lassen jede Empathie für die zivilen Opfer im Gazastreifen vermissen. Die Haltung ist: "Sollen sie sich doch bei der Hamas für die israelischen Angriffe bedanken." Die palästinische Sichtweise wird schnell pauschal als antisemitisch und antidemokratisch abgetan.
Aber genauso wie viele Israelis mit ihrer Regierung hadern, tun das auch viele Palästinenser mit der Autonomiebehörde und mit der Hamas erst recht. Die Leserschaft ist da weiter in der Wahrnehmung der Komplexität des Konfliktes als so mancher Journalist und Politiker. Deshalb ist dieser Beitrag von Dunja Ramadan und Sonja Zekri so wichtig. Das macht einen Diskurs in demokratischen Staaten aus. Auch die Sicht der anderen Seite, die man vielleicht nicht teilt, zu hören.
Fritz Schröder-Senker, Köln
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