PflegereformAufschub für den Rollator

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Wie können Menschen möglichst lange fit bleiben? Eine Frau geht mit einem Rollator in einem Altenheim auf einem Gang entlang.
Wie können Menschen möglichst lange fit bleiben? Eine Frau geht mit einem Rollator in einem Altenheim auf einem Gang entlang. Sebastian Kahnert/dpa

Schwarz-Rot will die Pflege reformieren – und stößt damit auch eine Debatte an, wie Menschen im Alter möglichst lange eigenständig leben können. Die Leserinnen und Leser der SZ beteiligen sich rege.

Kommentar „Pflegegrad 1 kann weg“ vom 7. Oktober und „Bleibt beweglich“ vom 11./12. Oktober:

Komplizierte Rechenspiele

Es wäre schön, wenn Sie schon eine Meinung zur Abschaffung des Pflegegrads 1 äußern, dass Sie sich nicht nur die Zahlen anschauen, sondern vielleicht auch einmal recherchieren würden, was da überhaupt wirksam ankommt: 131 Euro Entlastungsbetrag im Monat gibt es erst seit dem 1. Januar 2025  (vorher waren es 125 Euro). Diese Leistung wird aber nicht eo ipso ausbezahlt, sondern man bekommt sie nur, wenn man einen zertifizierten Anbieter findet, den die Pflegekasse akzeptiert. Viel Spaß bei der Suche.

Sollte man es als demenzkranker Senior überhaupt hinbekommen, das zu organisieren, muss man auf den Entlastungsbetrag also noch draufzahlen. Außerdem muss man in Vorleistung gehen und das Geld monatlich von der Pflegekasse zurückfordern. Davon, dass jemand für 131 Euro im Monat viermal einfach so kommt, kann man nur träumen.

Bevor man den Pflegegrad 1 einfach abschafft, sollte man bitte schön genau hinschauen und Erhebungen machen, was denn die Pflegekassen genau und vor allem tatsächlich ausgeben. Einfach nur die Fallzahlen mit den theoretischen Leistungen zu multiplizieren, ist wirklich zu einfach. Und ja: die Pflege muss unbedingt reformiert werden, denn hier wird an allen Ecken und Enden unsinnig Geld zum Fenster hinausgeworfen – Geld, das ganz dringend bei den Menschen ankommen muss, die sich mit den fiesen Begleiterscheinungen von Parkinson, Alzheimer, Erblindung, Demenz und anderen „Alterserscheinungen“, wie Sie es nennen, herumplagen, an denen man leider nicht schnell stirbt, sondern zum „Pflegefall“ wird.

Kathrin Troester-Eisermann, Hanau

Heruntergespielte Pflegebedürftigkeit

Ich habe mit Interesse den Artikel zu den Missständen in der Pflege in unserem Land gelesen und bin fast durchgängig mit der Darstellung und den Schlussfolgerungen einverstanden. An einer Formulierung habe ich allerdings Anstoß genommen, nämlich die „Versuche von Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen, den eigenen Zustand (bei der Begutachtung durch den Medizinischen Dienst) möglichst dramatisch darzustellen, um mehr Hilfe zu ergattern“.

Dies entspricht absolut nicht der Realität, wie man leicht durch einen Anruf bei einem Pflegestützpunkt herausfinden kann. Ganz im Gegenteil ist es nur allzu häufig der Fall, dass Alte und Kranke versuchen, möglichst tapfer zu sein und ihre eigenen Beschwerden herunterzuspielen. Niemand stellt sich selbst ja gern als schwach und gebrechlich dar. „Hilfe ergattern“ ist ebenfalls eine ausgesprochen unglückliche Formulierung; nicht nur in unserer Erfahrung ist diese Begutachtung oftmals eine traumatisierende Erfahrung mit mitleidlosen, bisweilen auch inkompetenten Begutachtern und Begutachterinnen und einer undurchsichtigen Bürokratie.

Laut Tagesschau.de mussten allein im Jahr 2022 insgesamt 55 000 Gutachten korrigiert werden, weil den Pflegebedürftigen mehr Geld zugestanden hatte. Wie viele Pflegebedürftige die Kraft und mentale Energie zu einem Widerspruch hingegen einfach nicht aufbringen und sich in ihr Schicksal fügen (wie etwa jahrelang in unserem Fall), erfasst diese Statistik noch gar nicht. Ich bin sicher, dass der Autor hier keine böse Absicht hatte.

Dr. Dagmar Paulus, Berlin

Fitness nicht nur für Hundehalter

Zeile um Zeile suche ich nach einer Anleitung, um diesem „Bleibt beweglich“ nachkommen zu können. Was ich letztendlich finde, ist eine komplizierte, für den Laien schwer einzuordnende Systemanalyse und Systemkritik. Ob zu Recht oder sogar kontraproduktiv, ist nicht mein Thema. Aber: Man möge doch bitte den Protagonisten und seine Eigenverantwortung nicht vergessen. Dieser „könnte – oder müsste – rechtzeitig anfangen“, einiges zu tun, um sich selbst so lange wie möglich auf den Beinen zu halten.

Ein tägliches Miniprogramm, spätestens ab Ruhestandsbeginn, hat doch sicher Einfluss auf Pflegebeginn, Pflegebedarf und Pflegeumfang. Wen aber treffe ich auf meinen täglichen „Pflegevermeidungsrunden“? Hundehalter! Immerhin. Und knappe Finanzen? Das Pflegegeld wird unabhängig von Einkommen und Vermögen gezahlt. Vielleicht sollte man darüber mal nachdenken beziehungsweise beim Schonvermögen genauer hinschauen.

Rochus Reiter, Sonthofen

Geistige Beweglichkeit

Dieser Artikel trifft genau den Punkt, ich könnte alle Aussagen unterschreiben, nachdem ich mehrere Beispiele habe betreffend Personen, die sich in stationärer oder ambulanter Pflege befinden oder befanden. Ich möchte noch etwas hinzufügen: Auch die geistige Beweglichkeit sollte Thema bei alten und gebrechlichen Menschen sein. Das erfordert ein paar mehr Angebote als Mandala-Malen oder dümmliche Spiele. Sogar meine damals 96-jährige Mutter fand diese Beschäftigung im Altenheim nur albern. Die Verkindlichung im Umgang mit alten Menschen, die nicht dement sind (aber es dann bald werden könnten), ist unfassbar, aber gang und gäbe.

Christina Wolf, Regensburg

Pflegeaufschub kostet

Ich bin die 93-jährige Leserin, die als Uralt-Abonnentin interviewt wurde in der SZ-Jubiläumsausgabe, und wenn Sie das Interview gesehen haben, wissen Sie: Ich bin für mein Alter noch „gut drauf“. Warum? Das geht aus dem Text nicht hervor. Jedoch: Tatsächlich verdanke ich meine Kondition konsequenter jahrzehntelanger präventiver Arbeit an meinem alternden (und nunmehr sehr alten) Körper. Sie ist teuer, langweilig, zeitaufwendig und tut so manches Mal scheußlich weh. Aber ich mache sie eisern – bei einer hervorragenden Physiotherapeutin und zu Hause nach deren Anweisungen. Wäre ich nicht Privatpatientin, bekäme ich die Physiotherapie nicht laufend verschrieben, könnte sie mir nicht leisten und säße längst in einem Pflegeheim (Verwandte, die mich pflegen könnten, habe ich nicht). Dass ich immer noch allein leben kann, keine professionelle Hilfe brauche („ganz gewöhnliche“ Alltagshilfe genügt) und einen Heimplatz schon gar nicht, erspart dem Sozialsystem seit Jahren sowohl Geld – viel   Geld! – als auch konkrete Ressourcen.

Thelma von Freymann, Diekholzen

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