„Besser daheim“ vom 24. Januar:
Vieles geht auch ohne Heim
Zu Recht schreibt Rainer Stadler in seinem Kommentar, dass es eine Alternative zum Heim gibt. Leider sehen viele diese Alternative nicht und halten ein Lebensende im Heim für unabänderlich. Kaum jemand aber wünscht sich den Umzug ins Pflegeheim. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hier lande“, sagte mir erst kürzlich eine 80-Jährige in einem Würzburger Heim. In einer Gesellschaft, die so viel Wert auf Individualität legt, ist es traurig, dass viele in der letzten Lebensphase mehr oder weniger unfreiwillig ihre gewohnte Umgebung verlassen.
Es gibt menschenwürdige Möglichkeiten für die Pflege zu Hause oder in familiären Wohngemeinschaften: Diese Erfahrung hat die Gemeinschaft Sant’ Egidio in Deutschland und Europa bei ihrem jahrzehntelangen ehrenamtlichen Engagement für alte Menschen gemacht. Es braucht Mut und Einsatz, die sich aber lohnen. Ein zufriedenes Leben für Ältere mit dem Gefühl, aufgehoben zu sein, lässt sich gestalten.
Die Vorschläge Stadlers sind nicht nur wegen des finanziellen Aspekts, sondern vor allem auch wegen der größeren Lebenszufriedenheit der Betroffenen nur zu begrüßen: Es braucht Pflegestützpunkte, die Pflege zu Hause ermöglichen. Vor allem die ersten Wochen, in denen Pflege organisiert werden muss, überfordern viele Angehörige. Mit ausreichender Unterstützung lassen sich überstürzte und unwiderrufliche Umzüge ins Heim oft vermeiden. Weiter stellt sich die Frage, ob nicht die Leistungen der Pflegeversicherung anders strukturiert werden müssen, damit Wahlfreiheit gegeben ist. Wer eine 24-Stunden-Pflege zu Hause mit ausländischen Betreuungskräften wünscht, sollte dafür die gleichen Finanzmittel erhalten, die von der Pflegeversicherung wie auch von den zuständigen Sozialhilfeträgern für stationäre Pflege aufgewandt werden. Bisher können sich dies nur Begüterte leisten.
Pflege zu Hause in den eigenen vier Wänden bedeutet mehr Kontinuität in den Beziehungen und ein größeres soziales Umfeld. Damit bleibt das Leben der Menschen, die Pflege brauchen, mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit aller. Die alte Generation, der wir viel zu verdanken haben, hat mehr Solidarität verdient.
Susanne Bühl, Würzburg
Selbständiges Leben als Ziel
Sehr treffend formuliert der Kommentar Ziele entlang der Leitlinie „so lange wie möglich ein selbständiges Leben führen“. Die Stichworte dafür sind: mehr beraten, betreuen, begleiten, begegnen … im heimatlichen, kommunalen Umfeld. Die hohen und nicht mehr bezahlbaren Eigenanteile der stationären Pflege führen zur sprunghaften Steigerung der kommunalen Haushaltstitel „Sozialhilfe in Einrichtungen“ – alleine 2014 waren es plus 14 Prozent oder 600 Millionen Euro. Jedes Unternehmen würde an der Stelle umschalten, vorausschauend investieren, um den extremen Kostenblock „stationäre Pflege“ so lange wie möglich hinauszuschieben. Nur ist die Sozialhilfe eben nicht vorausschauend, sondern finanziert aktuelle „Notlagen“. Und wie ein fettes Kuckucksei in den knappen kommunalen Haushalten blockiert sie notwendige präventive Maßnahmen.
Ausweglos? Nein, die Pflegeversicherung muss zu einer Pflege-Vermeidungs-Versicherung werden, muss viel stärker als bisher in ein „selbständiges Leben“ investieren – eine Investition für Einsparungen im langen Horizont und eben nicht bis zur nächsten Sonntagsfrage. Und während bei den professionellen Anforderungen in der stationären Pflege kaum Ehrenamt möglich ist, ist das Ehrenamt im Alltag, beim Betreuen, Begegnen, Begleiten, ein wichtiger Baustein für die Qualität (und Kostensenkung!) der Altenpolitik vor Ort.
Dr. Ralph Bürk, Engen
Hinweis
Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und des Wohnorts. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.
