PFASDas Jahrhundertgift

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Bei der Entsorgung von Wärmepumpen geht es auch um gefährliche Industriechemikalien.
Bei der Entsorgung von Wärmepumpen geht es auch um gefährliche Industriechemikalien. (Foto: IMAGO/Robert Poorten/IMAGO/Robert Poorten)

SZ-Leser fordern ein sofortiges Verbot von poly- und perfluorierten Alkylsubstanzen. Doch es gibt offenbar Bestrebungen, ein solches zu verhindern.

"Die dunkle Seite der Wärmepumpe" vom 27. Februar, "Ewige Last" vom 25./26. Februar und "Ein Gift für die Ewigkeit" vom 24. Februar:

Extrem unreaktiv

In vielen Alltagsprodukten sind poly- und perfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) enthalten. Die meisten davon sind extrem unreaktiv, auch wenn es Ausnahmen und große Unterschiede gibt. Die unreaktivsten sind auch in der Umwelt am beständigsten. Manche davon werden wir nicht mehr loswerden. Das allein sollte eigentlich Grund genug sein, sie gesetzlich zu regulieren und eine Freisetzung eventuell zu verbieten. Als Begründung sollte das Vorsorgeprinzip reichen, auch da, wo eine konkrete Gefahr noch nicht bekannt ist. Man braucht den Stoffen dazu nicht eine Gesundheitsgefahr anzudichten.

In der Regel ist ein Stoff ja umso weniger giftig, je unreaktiver er ist. Man hat es ja auch geschafft, die Freisetzung von Freonen (Chlorfluorkohlenstoffen) praktisch zu unterbinden, ohne dazu fiktive Gesundheitsgefahren zu beschwören. Es gibt aber sehr wohl auch konkrete Gefahren, die gut bekannt sind, aber leider in dem Artikel gar nicht erwähnt werden: Die flüchtigen unter den PFAS sind sehr potente Treibhaushase. Aus geschlossenen Kreisläufen (Wärmepumpen, Klimaanlagen) können sie bei unsachgemäßer Entsorgung freigesetzt werden.

Es ist verdienstvoll vom Freiburger Fraunhofer-Institut, darauf hinzuweisen, dass Propan statt eines PFAS als Betriebsmittel voll funktioniert. Eigentlich war das erwartbar, seit man die Freone in Kühlschränken ebenfalls durch Kohlenwasserstoffe ersetzt hat. Aber Klimagründe erfordern auch Regulierungen von nichtflüchtigen PFAS: Sie können bei Bränden - etwa bei Unfällen, aber auch bei der Müllverbrennung - flüchtige klimawirksame Fluorverbindungen freisetzen.

Werner Fuß, Garching

Eine kleine Anfrage

Die Gefahr von PFAS war mir bekannt und auch die Tatsache, dass die EU ein Verbot gegen den Willen der Industrie anstrebt. Erfreulicherweise gibt es investigativen Journalismus, der der Bevölkerung das Ausmaß des Schadens und die Probleme vor Augen führt. Vielen Dank dafür und die wirklich tolle Aufbereitung der Daten. Genervt vom Sachverhalt, dass diese unnötigen Partikel immer noch verwendet werden, habe ich kurz nach einer eventuell aktuellen Petition recherchiert, dabei bin ich jedoch schon zu Anfang auf eine Kleine Anfrage der CDU im Bundestag gestoßen, die wissen möchte, wie sich die aktuelle Regierung bezüglich des EU-Verbots verhalten will und auf welchen Daten ihre Entscheidungen basieren.

Die kleine Anfrage liest sich dabei eher wie ein Versuch, die Sachlage zu verzögern und zu torpedieren. Vor allem stehen die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Verbots meiner Ansicht nach bei den Anfragenden über den gesundheitlichen Bedenken. Es müsste aber umgekehrt sein: Das Wohl aller sollte über dem Wohl Einzelner stehen. Ich hoffe, dass das gesundheitliche Wohl aller auch wichtiger ist als das kapitalistische Wohl Einzelner.

Alternativen sind bereits verfügbar, und die Welt ist vorher auch ohne diese Stoffgruppe ausgekommen. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Wir sind ein innovativer Kontinent und von vielen klugen Köpfen umgeben. Ein umgehendes Verbot und ein bisschen Hirnschmalz sind meiner Meinung nach der einzig gangbare Weg, ich hoffe, die Regierung denkt ähnlich.

Christian Funke, Wüstenrot

Greenwashing

Erfreulicherweise wird die breite Öffentlichkeit endlich über PFAS aufgeklärt: Wie damals bei Asbest, DDT oder Dioxin, ebenfalls schwer oder gar nicht rückholbare Gefahrenstoffe, erfolgt das Verbotsverfahren viel zu schleppend. PFAS-Produkte sind wie quecksilberhaltige Leuchtmittel verpflichtend als Sondermüll zu entsorgen. Anoraks mit derartiger Beschichtung gehören nicht in die Altkleidersammlung oder in die Müllverbrennung. Angesichts der Tatsache, dass PFAS im Blut von Kindern nachzuweisen sind, besteht ein Gesundheitsrisiko. Wie Zigaretten könnten PFAS-haltige Produkte umgehend mit einer Warnung vor Gesundheitsrisiken versehen werden (Kennzeichnungspflicht!).

Die generelle Bedrohung des Grundwassers durch Nitrat, Medikamente, Pestizide und PFAS belegt den Handlungsbedarf für eine vierte Reinigungsstufe bei Kläranlagen. Insbesondere bei verzichtbaren Anwendungen ist ein sofortiges PFAS-Verbot geboten. Krebsrisiken und wirksame Sanierungsverfahren müssen erforscht werden.

Befürwortern der Atomkraft wird vorgeworfen, eine Risikotechnologie ohne Entsorgungskonzept zu verantworten. In Europa existiert nur in Finnland ein Endlager für hochradioaktiven Abfall. Wenn man jetzt bei modernster Umwelttechnologie die Risiken des Hantierens mit PFAS verdrängt und - möglicherweise aus Profitinteresse - nicht schleunigst auf natürliche Kältemittel setzt und keine geschlossene Entsorgungskette für diesen schwer rückholbaren Sondermüll aufbaut, ist der Vorwurf des "Greenwashings" angebracht. Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verliert die Akzeptanz, wenn Lobbyisten grüner Technologie zu Verursachern neuer und vermeidbarer Gesundheits- und Umweltrisiken werden.

Rolf Sintram, Lübeck

"Tsunami an Reglementierungen"

Als ich diesen beunruhigenden Bericht über die PFAS gelesen habe, musste ich an einen Ausspruch von Martin Brudermüller denken, mit dem der Vorstandsvorsitzende der BASF seine unveränderte China-Strategie und den Abbau von Arbeitsplätzen am Stammwerk in Deutschland rechtfertigte: Es drohe ein "Tsunami an Reglementierungen aus Brüssel". Wohl wahr: Diktaturen lassen ihnen wohlgesonnenen Unternehmen erfahrungsgemäß freie Hand.

Prof. Dr. Stefan Müller, Neustadt/Weinstraße

Willkommen in Zombieland

Ach, du liebe Neune. Da haben wir uns ja ein ganz schönes Problem eingebrockt. Wenn die Böden einmal von solchen Chemikalien durchseucht sind, wird es äußerst schwierig, wenn nicht gar ein Ding der Unmöglichkeit sein, diesen irgendwie wieder beizukommen, um unsere Natur davon zu befreien. Ist es doch sicher schon längst in unser aller Grundwasser hinabgesickert.

Da werden die 17 Milliarden Euro dann auch nicht mehr viel rückgängig machen können. Wie illusorisch es doch anmutet, zu glauben, allein mit einem Stapel Geld könnte solch ein Super-GAU wieder in den Griff zu bekommen sein. Somit bleibt mir zum Schluss nichts anderes übrig, als zu sagen: Willkommen in Zombieland.

Michael Ayten, Trier

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