Passionsspiele Oberammergau:Ein selbstgeschnitztes Dorfwunder

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Weichspüler-Passionsspiele in Oberammergau, weil antisemitische Altlasten gestrichen wurden? Oder zeitgemäße Adaption durch Christian Stückl? (Foto: Sebastian Beck)

Vielen gefällt Christian Stückls Version mitsamt der Gemeinschaftsleistung. Einige warnen aber auch vor allzu beliebigen Entschärfungen.

Zum Feuilleton-Gastbeitrag "Euer eigener, persönlicher Jesus" vom Samstag, 1./2./3. Oktober über die Oberammergauer Passionsspiele:

Großartige Leistung

Ich wage zu behaupten, dass 99,9 Prozent aller Besucher der Passionsspiele in Oberammergau aus diesen glücklich, zufrieden, berührt, nachdenklich, beseelt.... gekommen sind. Was der Christian Stückl da auf die Beine gestellt hat, war großartig, die lebenden Bilder des Bühnenbildners waren fantastisch, die Leistung der Darsteller, der Chorsänger und Solisten, der Musiker war sagenhaft.

Wer jemals Mitglied eines Chores war, kennt die in der Regel erfolglosen Versuche des Chorleiters, seine Sänger dahin zu bringen, wenigsten ein Lied auswendig zu singen. In Oberammergau waren's fünf Stunden, in denen auswendig gesungen wurde!

Ich find's befremdlich, wenn einem Professor des Judaismus eine ganze Seite der SZ zur Verfügung gestellt wird, die Passionsspiele nur aus judaistischer Sicht zu beurteilen und zu verreißen. Das hat der Christian Stückl nicht verdient, das hat der Bühnenbildner nicht verdient, das haben alle Darsteller, Sänger, Musiker nicht verdient und erst recht nicht alle Menschen, die im Hintergrund weit über 100 Mal für das Gelingen der Passionsspiele gesorgt haben.

Christa Bauer, Ochsenfurt

Stückl, der Weichspüler

Es freut mich überaus, dass der renommierte Judaist Peter Schäfer dem Hype um die Neufassung der Oberammergauer Passionsspiele gehörig in die Parade gefahren ist und auch dem Weichspüler Christian Stückl gehörig in die Suppe gespuckt hat.

Der Ausgangspunkt des Antisemitismus sind doch die christlichen Evangelien, welche die Juden von nun an als "Gottesmörder" diffamierten. Man kann nun trefflich darüber streiten, welches der Evangelien mehr daran Schuld trägt - der SZ-Gastautor nimmt das Matthäusevangelium dafür in Haftung -, doch gab es darüber hinaus auch noch sogenannte apokryphe Evangelien, die in Kleinasien, Syrien und Ägypten verbreitet waren und sich zum Teil durch einen krassen Antisemitismus auszeichnen. Auch wenn Irenäus von Lyon bereits um 168 nur vier Evangelien (den heutigen Kanon also) trotz seiner Widersprüche anerkannte, blieben die Apokryphen wirkmächtig: Die Mär von Ochs und Esel stammt daraus, und ebenso die von der bleibenden Jungfernschaft Mariens, nachdem angeblich eine Amme dies nach Entbindung mit ihrem Finger geprüft hatte.

Peter Schäfers SZ-Artikel sollten wirklich mal alle katholischen und evangelischen Theologen in die Hand gedrückt bekommen.

Dr. Fritz Anetsberger, Landshut

Zeitgeistig-korrekt, aber banal

Dem Judaisten Peter Schäfer vielen Dank für seine genaue Analyse der Stücklschen Passionsumschreibung und sein kluges Resümee. Ja, was sagt uns das über Deutschland im Jahr 2022? Es zeigt uns deutsches Mainstream-Theater, das sich seit Jahren der Performance und dem Mesh-Format zugewandt hat: "Alles kann, nichts muss."

Da ist also Herrn Stückl kein Vorwurf zu machen, reiht er sich unter zahlreiche Autoren, Autorinnen, Dramaturgen und Dramaturginnen ein, die ihr Weltbild in einem Stück "nach Shakespeare", "nach Schiller", "nach Goethe" oder wie im speziellen Fall "nach dem neuen Testament" (im sehr weiten Sinne), politisch wie moralisch, zeitgeistig-korrekt, aber höchst beliebig und banal unters Volk bringen.

Es zeigt uns Christen, dass es nicht mehr weit her ist mit der Kenntnis des neuen, geschweige denn des alten Testaments, sogar das Kerngebet unserer Religion, das "Vater unser", wird bereits nicht mehr verstanden und deswegen umgetextet. Wir werden sehen, was die geistige Verzwergung und die Bagatellisierung einer der Grundlagen unserer Nation und Europas für Folgen haben wird.

Eine bedauernswerte Folge sehen wir im Erstarken rechtsextremer nationaler Kräfte in ganz Europa, die sich den Schutz der heiligen christlichen Werte auf die Fahnen geschrieben haben. "Glaube" und "Liebe" nach Christian Stückl werden dagegen nicht viel ausrichten.

Dr. med. Thomas Lukowski, München

Botschaft für unsere Zeit

Schon immer haben Theaterkritiker recht: Denn sie wissen es ja eh immer besser, was historisch falsch oder richtig ist und was gelungen oder nicht gelungen ist. Ob es sich dabei um eine modern inszenierte Mozartoper in Jeans handelt, ein historisches Schauspiel von Schiller mit Waffeninbrunst oder eine bayrische Komödie mit derben Sprüchen. Und immer ist es anders, als ich es erwartet habe. Am Besten ist es, ich bleibe zu Hause, um nicht enttäuscht zu werden. Oder ich gehe vorurteilsfrei hin und lasse mich auf die Inszenierung ein, um zu verstehen, was es zu verstehen gibt. Und vielleicht versteht mein Herz ja manchmal mehr als mein Verstand.

Nun ist es bei der Oberammergauer Passion genauso. Es geht nicht um historische Wahrheiten, die eh niemand genau kennt, sondern vielmehr um das, was das Geschehen um den Tod Jesu uns heute vermitteln kann. Nein, wir wollen heute keinen Antisemitismus mehr, das haben wir allzu lange erlebt. Wir wollen auch kein neues Evangelium, denn die alten zerbrechen uns und den Theologen bis dato heute immer noch den Kopf. Denn keiner weiß definitiv Bescheid, wie alles war. Und wer behauptet, es zu wissen, der lügt schlichtweg. Denn selbst unter den Theologen wie auch Judaisten, Kirchenleute eingeschlossen, ist bis heute noch nicht die Rolle Jesu angesichts seines Todes hinsichtlich Judentum geklärt. Das Christentum gab es damals ja noch nicht. Was uns bleibt ist die Aussageabsicht Jesu, die alle verstehen, auch der Nichtstudierte. Und die ist wesentlich einfacher, als alle Bücher dieser Welt in Frage stellen. Es ist in der Tat die Liebe, die Nächsten- und Feindesliebe, das Verzeihen und Vergeben, die Gerechtigkeit unter den Völkern und Menschen, die Fürsorge und die Hoffnung auf eine selig machende Ewigkeit. Mehr kann ein Normalsterblicher nicht verstehen, und dies ist eh schon allzu viel.

Wenn nun die Passionsspieler einen solchen Jesus im 21. Jahrhundert präsentieren, dann geht es hier nicht um historische Wahrheiten, sondern um eine Botschaft für unsere Zeit. Darin liegt die Freiheit der Kunst, des Schauspiels und der Regisseure, bestimmte Themen zu vertiefen und zu verfestigen, wenn auch auf Kosten anderer Inhalte. So waren sie, wie die Geschichte der Oberammergauer Spiele ja auch erzählt, schon immer im Fluss und regelmäßiger Veränderung ausgesetzt.

Was wir im Artikel eines nahezu Achtzigjährigen, mit Vorurteilen behafteten Judaisten zu lesen bekamen, kommt für das Publikum wie auch für die vielen Sängerinnen und Schauspieler einer Ohrfeige gleich. Statt sich endlich an der Tatsache zu freuen - ob historisch oder nicht -, dass die Judenfeindlichkeit verschwunden ist, vermisst er diese geradezu. Wer soll das noch verstehen?

Heinrich Lutz, Weil der Stadt

Eine boshafte Kritik

Den Artikel dieses Judaisten, der sein Amt als Direktor des Jüdischen Museums Berlin nach der Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland ("was ist an diesem Museum noch jüdisch") niedergelegt hat, habe ich mit Befremden gelesen. Eingangs weist der Autor zu Recht auf die Intention von Christian Stückl hin, "nach Beratung mit Vertretern jüdischer Organisationen die religiösen und kulturellen Besonderheiten des Judentums korrekt darzustellen, damit antisemitische Tendenzen nicht aufkommen können". Anstatt dies, auch vor dem Hintergrund der antisemitischen Vorkommnisse auf der jüngsten "Documenta", zu loben, überzieht der Autor Christian Stückl mit einer ungerechten Kritik, die an Boshaftigkeit grenzt.

Thomas Topp, München

Ein kleines Wunder

Die, wie ich fand, sehr sehenswerten Passionsspiele in Oberammergau sind im Grunde eine Mischung aus Brauchtum und Volkstheater mit einer Neigung zum Spektakel und ein wenig Kommerz. Der Text der Spiele stammt weder von Religionswissenschaftlern, noch ist er das Ergebnis eines theologischen Diskurses an der Universität. Er stammt von einem Dorfpfarrer und wurde durch die kleine Gemeinde Oberammergau verschiedentlich etwas geändert und angepasst.

Die gedankenreiche Kritik von Peter Schäfer ist lesenswert, geht aber nach meiner Meinung am Charakter und Ursprung der Spiele schon im Grundsatz vorbei. Die Gemeinde eines bayerischen und ansonsten weitgehend unbekannten Bergdorfes muss keine Religionswissenschaft studieren und kann auch nicht an den Maßstäben der von Herrn Schäfer betriebenen Theologie gemessen werden. Sie muss auch nicht die Ursachen des Antisemitismus ergründen und erst recht nicht eine Lösung anbieten. Es ist schon eine gewisse Leistung, wenn sie dem Antisemitismus entgegentritt. Theologische Brüche, Widersprüche oder Fehler in dem Schauspiel sind dafür nicht sehr wesentlich.

Die Passionsspiele - den von Schäfer einmal verwendeten Begriff Passionsfestspiele mag ich weniger - sind ein Volksschauspiel. Sie bilden keine vollständige Religion ab, weder das Christentum noch das Judentum, denn das könnte auch kein Schauspiel.

Die Aufführung 2022 fand ich insgesamt ein berührendes Ereignis, und dass die kleine Gemeinde Oberammergau im letzten Winkel Deutschlands das überhaupt in dieser Form darstellen kann, ist für mich beinahe ein kleines Wunder.

Michael Mügge, Dresden

Elfenbeinturm-Gemeckere

Dass bei der Fassung der Oberammergauer Passionsspiele 2022 die Trennung zwischen Judentum und Christentum im Interesse eines zu vermeidenden Antisemitismus nicht mehr so klar ist, das meinten auch schon andere namhafte Persönlichkeiten festgestellt zu haben - ohne über diese Inszenierung, die so viele begeistert hat, in akademischer Selbstherrlichkeit herzufallen.

Es fragt sich, warum all den jüdisch und christlichen Berater*innen, die die Oberammergauer für ihr Passionsspiel - eigenen und den diversen Medienberichten zufolge - der angeblich "jüdisch - christliche Einheitsbrei" nicht aufgefallen ist? Vielleicht, weil sie nicht in so einem theologie-wissenschaftlichen Elfenbeinturm unterwegs sind? Oder nicht mit so ablehnender Grundeinstellung an die Sache herangegangen sind wie Professor Schäfer. Konnten oder durften die Oberammergauer das wirklich so antisemitischen darstellen, wie es das Neue Testament nach den eigenen Aussagen des Verfassers vorgibt? Was für ein Aufschrei hätte das gegeben in einer Gesellschaft, in der Antisemitismus gerade wieder hoch zu kochen scheint? Ich habe mich übrigens gerade wegen des vermiedenen Antisemitismus zum Passionsspielbesuch entschieden.

Danke, Oberammergau, für die tolle Aufführung.

Christiane Maliglowka, Detmold

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