
Leserbriefe zu "Ruf nach Feuerpause in Nahost" und " Viel Meinung, wenig Wissen" vom 18. Mai, " Wir fühlen uns vor allem hilflos", Interview mit dem palästinensischen Schriftsteller Ali Qleibo vom 17. Mai sowie zu " Angst vor Bürgerkrieg in Israel" und " Die Stunde der Extreme", Interview mit dem israelischen Schriftsteller David Grossman, beides vom 14. Mai:
Antisemitismus immer ächten
Es ist immer der gleiche Ablauf bei jeder Eskalation im Nahostkonflikt: Unter der Tarnung, sicherlich legitime Kritik an der israelischen Regierungspolitik zu üben, werden antisemitische Propaganda und Terror gegen jüdische Menschen und Einrichtungen von interessierter Seite betrieben. Ja, was wir in diesen Tagen wieder erlebt haben in deutschen Städten, ist offener Judenhass, dessen Anhänger oftmals verbohrte und fehlgeleitete Islamisten und auch Rechtsradikale sind.
Bundesaußenminister Heiko Maas hat daher recht, wenn er davon spricht, dass Menschen jüdischen Glaubens in der Bundesrepublik nicht für Ereignisse im Nahen Osten verantwortlich gemacht werden dürfen - und zwar auf der Straße wie in den sozialen Medien. Und hier trifft sich Islamismus und Rechtsextremismus vereint im Kampf gegen das Existenzrecht des Staates Israel. Es sind widerliche und ätzende Bilder, die aus mehreren Städten Deutschlands in den Nachrichtensendungen des Fernsehens zu sehen sind. Auf den fragwürdigen Demonstrationen dieser sogenannten Demonstrierenden wird der Hass gegen jüdische Mitmenschen geschürt.
Man muss es immer wiederholen: Kritik an der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu, den vor allem seine Premierministerschaft interessiert, ist nicht nur zulässig, sondern berechtigt. Aber das Existenzrecht des Staates Israel ist nicht verhandelbar. Wenn in der Bundesrepublik wieder Fenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen werden und Jüdinnen und Juden um ihre physische Existenz fürchten müssen, muss alles getan werden, dass Antisemitismus egal von welcher Seite hierzulande geächtet wird.
Manfred Kirsch, Neuwied
Israels besondere Verantwortung
Aus gutem Grund wird derzeit häufig auf die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel hingewiesen. Wo aber bleibt die besondere Verantwortung Israels hinsichtlich Diskriminierung und Benachteiligung seiner Bürger? Es ist doch vollkommen unverständlich, dass in einem Staat mit dieser Gründungsgeschichte nicht nur arabische Israelis, sondern auch aus Äthiopien zugewanderte Juden als nicht gleichwertig betrachtet werden. Apartheid trifft hier nicht nur Andersgläubige, sondern auch Andersfarbige. Wie soll da jemals ein friedliches Miteinander entstehen?
Richard Federlin, München
Völkerrecht gilt für alle
In der Tat war dieses Mal der Ausgangspunkt der Gewalt das Vorgehen israelischer Behörden gegen Bewohner in Gebieten, die Israel illegal besetzt hält. Dies übergeht Heiko Maas, wenn er die Hamas als für die Eskalation verantwortlich erklärt. Völkerrechtsverbrechen beider Seiten in Form von Angriffen auf zivile und mediale Strukturen, aber auch Waffenlieferungen in die Konfliktregion - egal von welcher Seite - all das muss gleichermaßen Protest hervorrufen. Wer vor Synagogen gegen Isreals rechte Regierung demonstriert, schürt Judenfeindlichkeit und Hass.
Antisemitismus macht Menschen zu Sündenböcken, die mit alldem nichts zu tun haben. Dies wäre vergleichbar mit Protesten gegen die Hamas vor Synagogen oder mit Kundgebungen gegen Waffenlieferungen aus Deutschland vor christlichen Kirchen. Die Gefährlichkeit des Nahostkonflikts für den Weltfrieden wird schnell deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Marine-Werke von Thyssenkrupp Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten beliefern. Friedenspolitik muss von allen Seiten die Einhaltung des Völkerrechts verlangen, auch von Waffenlieferanten.
Bernhard Trautvetter, Essen
Verursacher sollen zahlen
Und jetzt nach der Waffenruhe in Nahost wird die EU sich wieder gerne bereit erklären, die zerstörten Gebäude in Gaza und die zerstörten Gebäude in Israel wiederaufzubauen beziehungsweise Kapital dafür zur Verfügung zu stellen. Verständlich, aber: Ist das sinnvoll? Ist damit nicht die Hemmschwelle für den nächsten Konflikt ganz niedrig?! Ein Gedanke wäre, dass die Millionen, die für den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude in Gaza von der EU zu 100 Prozent übernommen werden, von den bisher (vor diesem Konflikt ) vereinbarten Zahlungen an Israel (zur Gänze oder teilweise) abgezogen werden. Und umgekehrt: Die Wiederaufbau- und Renovierungskosten durch die von Hamas-Raketen in Israel zerstörten Gebäude übernimmt zu 100 Prozent die EU; und dieser Betrag wird von den - bis vor dem jüngsten Konflikt vereinbarten mittel- und langfristigen - Zahlungszusagen an Hamas abgezogen. Zur Gänze oder teilweise. Wenn man das glaubwürdig macht, dann ist die Hemmschwelle für den nächsten Bombenkrieg deutlich höher, weil alle Schäden - die eine Seite der anderen zufügt - eben durch den Verursacher selbst gezahlt werden müssen.
Dr. Dierk Peters, Hamburg
Gut und Böse helfen nicht weiter
Bei Diskussionen stelle ich oft fest, wie wenig Wissen vorhanden ist bezüglich der Geschichte des Nahostkonfliktes, der Geschichte Israels, Palästinas und des Judentums. Die gegenwärtige Lage ist fürchterlich kompliziert. Die sozialen Medien verführen zu Kürze, man ist gerne meinungsstark, dabei aber leider unterkomplex. Man teilt so gerne in Gut und Böse ein und hält die Kompliziertheit der Situation schlecht aus. Die Bilder tun dann ihr Übriges. Bildung wäre gut, aber man muss bildungswillig sein. Antisemitische Schreihälse wollen sich ihren Hass nicht nehmen lassen.
Johannes Rietberg, Engelsbrand
Kalkulierte Eskalation
Auf beiden Seiten der Front stehen seit Jahren politische Führer, die alles für ihren persönlichen Machterhalt tun, Herr Netanjahu und Herr Abbas. Nun ist das politische Überleben für beide schwieriger geworden, Herr Abbas hatte eine Wahl abgesagt und wurde dafür aus den eigenen Reihen angefeindet. Herr Netanjahu hat mit Ach und Krach die x-te Wahl überstanden und versucht, die x-te Koalition zu schmieden. Und "plötzlich" nehmen Provokationen aus beiden Lagern zu und münden in blutige Auseinandersetzungen. Die Herren wissen, nichts schweißt ein Volk mehr zusammen als die Bedrohung durch den äußeren Feind, im Krieg wechselt man seinen Anführer nicht. Das ist ein simples, menschenverachtendes Machtspiel und keiner "komplexen" Lage geschuldet, fürchterlich.
Dr. med. Thomas Lukowski, München