Kommentar „Linkes Dog-Whistling“ vom 22. Juni:
Abenteuerliche Verbindungen
Wie leider so viele es tun, scheint sich auch Christian Zaschke weniger für Vorschläge und Probleme der Linken zu interessieren als dafür, versteckten Antisemitismus in ihren Verlautbarungen aufzuspüren. Im Nahost-Papier des Parteitags entdeckt er dabei angeblich zweierlei. Zum einen die Veränderung, dass der terroristische Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 nicht mehr als „größter Massenmord an Juden und Jüdinnen nach dem Zweiten Weltkrieg“, sondern als „brutales Verbrechen der Hamas“ bezeichnet wird. Nun war die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen dem Massaker der Hamas und dem Holocaust schon immer diskussionswürdig. Allein wegen des Größenverhältnisses der Opfer.
Zum Zweiten die Formulierung vom „sogenannten Nahost-Konflikt“. Abgesehen von der abenteuerlichen Verbindung, die der Autor zu Sprechweisen der Nazis herstellt, meint er, damit werde suggeriert, dass eine der beteiligten Seiten keine wirkliche Konfliktpartei sei. Aber genau so ist es: Zwar erheben sowohl die Hamas als auch Israel Anspruch auf das Land, aber aufgrund der realen Machtverhältnisse bleibt der Anspruch der Hamas rein rhetorisch, während Israel seit nahezu 60 Jahren und neuerdings verstärkt daran arbeitet, diesen Anspruch in die Tat umzusetzen. Es handelt sich eindeutig um einen asymmetrischen Konflikt. Weshalb „sogar“ daher ein „unerträgliches“ „Dog-Whistling“ der Pro-Palästinenser in der Linken sein soll? Für mich nicht einsehbar.
Andreas Unger, Berlin
Verschwörungserzählungen über die Linke
Um die Linke zu diskreditieren, wird ihr Antisemitismus und Terrornähe unterstellt. Jetzt kommt noch der Vorwurf der Nazisprache hinzu, festgemacht an der Aussage der Linken vom „sogenannten Nahost-Konflikt“. Das Wort „sogenannt“ gehört angeblich zur Sprache des Nationalsozialismus. Die Argumentation scheint doch sehr weit hergeholt. Der Autor unterstellt der Linken, dass sie mit dem Wort „sogenannt“ versteckte Botschaften und Codes (Dog-Whistling) verbreitet. Dabei ist es Herr Zaschke, der hier Verschwörungstheorien über die Linke verbreitet.
Monika Schlöter, Dortmund
Keine gleichstarken Gegner
Ich möchte auf einige Punkte Ihres Kommentars zu den Linken und dem Nahost-Konflikt antworten. Die Resolution folgt in Bezug auf den 7. Oktober 2023 den Äußerungen des UN-Generalsekretärs Guterres: „Ich habe die schrecklichen und beispiellosen Terrorakte der Hamas in Israel am 7. Oktober unmissverständlich verurteilt […] Es ist wichtig, auch anzuerkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht in einem Vakuum stattfanden. Das palästinensische Volk leidet seit 56 Jahren unter einer erdrückenden Besatzung. Es hat miterlebt, wie sein Land nach und nach von Siedlungen verschlungen und von Gewalt heimgesucht wurde, wie seine Wirtschaft erstickt wurde, wie seine Bevölkerung vertrieben und ihre Häuser zerstört wurden.“ Oder ist das für Sie auch Antisemitismus?
Als Vorsitzender der DPG (Deutsch-Palästinesische Gesellschaft) Region Hamburg hatten wir im letzten Jahr den israelischen Friedensaktivisten Jeff Halper eingeladen, er wandte sich ausdrücklich gegen die Bezeichnung Nahost-Konflikt, denn es stünden keine zwei gleichstarke Parteien gegenüber, sondern es handele sich um eine siedlerkoloniale Auseinandersetzung. Ist der israelische Friedensaktivist damit für Sie auch ein Antisemit?
Ich hingegen freue mich, dass die Linke endlich das anerkennt, was alle großen NGOs wie Amnesty, Human Rights Watch oder die bekannte israelische Menschenrechtsgruppe B’Tselem schon längst erkannt haben, dass es sich beim jetzigen Krieg in Gaza um einen Völkermord handelt.
Dr. Arne Andersen, Hamburg
Ein Fauxpas
Herr Zaschke, was genau verstehen Sie unter „radikal propalästinensisch“? Engagement pro Völkerrecht? Die Abkehr unserer Regierung davon (Klage Nicaraguas vor dem Internationalen Gerichtshof) sowie deren Doppelmoral hat uns kürzlich eine historisch einmalige Klatsche in der UN-Generalversammlung eingebracht, als über Sitze im Sicherheitsrat abgestimmt wurde. Sehr beschämend.
Über das Wort „sogenannt“ als angebliches „Schlüsselwort der Nazis“ setzen Sie die Partei Die Linke mit den Nationalsozialisten gleich. Ich finde dies 80 Jahre nach dem Holocaust höchst irritierend. Sie sollten sich für diesen Fauxpas bei deren Parteiführung entschuldigen.
Dr. Samir Muhammad, Nürnberg
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