„Wie echt sind die Bilder aus Gaza?“ vom 4. August und „Von Bildern und Trugbildern“ vom 7. August:
Berechtigte Wucht der Bilder
„Wie echt sind die Bilder aus Gaza“ ist zwar ein wichtiger Artikel, und er spricht eine Wahrheit differenziert an: Im Krieg geht es nicht ohne die Wucht der Bilder. Ich bin Autorin und Theatermacherin und habe in Gaza sowohl (Theater) inszeniert als auch über die Wirklichkeit vor Ort geschrieben. Zurzeit überflutet mich jede Welle von Posts auf Facebook von Freunden, Freundesfreunden und Kollegen aus Gaza mit Material, das aus unserer Sicht fragwürdig ist.
Aber: Fragwürdigkeit ist jedoch schon viel in einer Region, in der das Gefühl herrscht, vom Rest der Welt vergessen zu sein. Lieber der Frage würdig als ignoriert. Ich habe KI-generierte Fotos gesehen, die echtes IDF-Footage (Filmmaterial der israelischen Streitkräfte IDF; d. Red.) neu inszenierten, unrealistisch HD-scharf und jenseits der Dokumentation – und dennoch schienen sie den Menschen in Gaza nötig, um den echten Horror rüberzubringen. Im zitierten Fall versuchte das KI-Bild, eine gewaltsame Evakuierung stellzuvertreten, deren Wahrheit durch echtes IDF-Filmmaterial wohl bewiesen ist. Die Übertreibung ist aus unserer Sicht unnötig. Für den, der fühlt, dass niemand etwas unternimmt, ist sie verständlich.
Ich danke Ihnen für den zweiten Teil des Artikels, der dies klarstellt. Die Realität in Gaza ist unvorstellbar schlimm. Das Gefühl, dies verdeutlichen zu müssen, ändert daran nichts. Es bietet jedoch Angriffsfläche für alle, denen die Wahrheit nicht passt.
Miriam Sachs, Berlin
Zynische Deutung
Den Autoren des Artikels „Von Bildern und Trugbildern“ ist für die interessanten Einblicke in die Bedeutung von Entstehungsgeschichte und Kontext für den Wert journalistischen Bildmaterials sehr zu danken. Aber ist es im Kontext der humanitären Katastrophe in Gaza wirklich angebracht, die Authentizität einzelner Bilder infrage zu stellen? Wo doch jeder, der weiß, wie lange schon Israel die Palästinenser nahezu komplett von Nahrung und Hilfsgütern abschneidet, ganz ohne Anschauungsmaterial sicher sein kann, dass dort bitterster Hunger herrscht?
Und wirkt das Bild des massiv abgemagerten 18 Monate alten Mohammed nicht noch eindringlicher, wenn man weiß, dass dieses Kind eine schwerwiegende Behinderung hat, deretwegen es vielleicht niemals laufen lernen und zumindest zu Teilen abhängig von Unterstützung und Pflege sein wird? Wohlgemerkt, seine Auszehrung ist nicht direkte Folge der Behinderung, wie ein früheres Bild von ihm belegt. Aber womöglich bleibt er als behindertes Kind als Erster auf der Strecke im täglichen Kampf um die wenigen verfügbaren Nahrungsmittel in seiner Umgebung.
Die von der SZ sicher redlich gemeinte Diskussion um journalistische Standards und Informationspflichten geht hier unbeabsichtigt fehl, weil sie von anderen kaltblütig missbraucht wird, um das offensichtliche Leid Hunderttausender Palästinenser grundsätzlich infrage zu stellen. Sei es, wie im Text erwähnt, dass die SZ vom Staat Israel als Zeuge für bewusste Manipulation angerufen wird, die in widerlich zynischer Weise mit dem Begriff „Pallywood“ belegt wird, sei es, dass das deutsche „Qualitätsmedium“ Bild-Zeitung zum Beleg von Manipulationen Bilder eines anderen Kindes zeigt, das sich offensichtlich in einem italienischen Krankenhaus innerhalb von sieben Wochen gut von seiner Auszehrung erholt hat. Und die Manipulation? „Wir gehen davon aus, dass Osama al-Raqab zusätzlich zum Nährstoffmangel eine konstitutionelle Erkrankung hat, die zu starkem Gewichtsverlust prädisponiert“, wird der behandelnde Arzt zitiert. Ach so, der Junge reagierte also nur besonders empfindlich darauf, nichts zu essen zu bekommen. Ja dann … ist vielleicht doch alles nicht so schlimm in Gaza.
Prof. Dr. Thomas Pollmächer, München
Israel behindert Pressefreiheit
Nun also wird der Wahrheitsgehalt der Bilder der ausgehungerten und ausgemergelten Opfer des israelischen Völkermordes angezweifelt. Dann sollen die Israelis eben unabhängige internationale Journalisten und Berichterstatter in den Gazastreifen lassen, damit diese die Leichenberge zählen sowie recherchieren und berichten können, ob Hilfsgüter geplündert werden und von wem. Dabei könnten sie auch Bilder der Opfer machen – „echte Bilder“ sozusagen. Warum die einzige „Demokratie“ des Nahen Ostens, die im weltweiten Ranking der Pressefreiheit auf Rang 112 liegt, dies nicht zulässt, kann sich jeder selbst ausmalen.
Dr. Samir Muhammad, Nürnberg
Netanjahus Entscheidung
Wir wenigen noch hier lebenden jüdischen Bürger haben nur noch wenig Vertrauen in unsere öffentlich-rechtlichen Medien. Zu vieles wird bezüglich Israel und seines Überlebenskampfes – der auch die israelische Gesellschaft spaltet – nicht korrekt oder nur einseitig berichtet. Kein Krieg produziert schöne Bilder, und die schrecklichen Konsequenzen machen sich immer auch auf beiden Seiten bemerkbar. Die generelle, weltweite Medienmacht ist unbestreitbar und lässt uns gerade bezüglich des einzigen jüdischen Staates „Israel“ deutlich erkennen, dass das unmissverständliche, konsequente Vorgehen der IDF nicht in die sehr dehnbaren „Demokratie-Auslegungen“ passt.
Es ist zutreffend, dass die Israelis keine westlichen Berichterstatter mehr wünschen und sich deshalb die zuständigen Nahost-Journalisten auf die „palästinensischen“/gazanischen Ortskräfte/Vertrauensleute verlassen müssen. Doch nur weniges hört oder liest man über die völkerrechtswidrig verschleppten und verhungernden Geiseln in den Hamas-Tunneln. Und sicher ist es auch leicht, vom bequemen Redaktionssessel aus Regierungshandlungen oder Entscheidungen aus der Ferne zu be- oder verurteilen. Der israelische Regierungschef steht vor unmenschlichen Entscheidungen: Soll er den Forderungen der leidgeprüften Familien der verschleppten Geiseln folgen, oder soll eine verantwortliche Regierung an die Sicherheit und Zukunft des gesamten Staates denken? Wer oder was hat in einem Krieg Priorität? Wie würden Sie selbst in so einer brutal-realistischen Situation entscheiden?
Yehudit de Toledo Gruber, München
Zwei Staaten, echter Frieden?
Von außen klingt es charmant: Gebt den Palästinensern ihren Staat, dann wird alles gut. In Brüssel, New York und Berlin wird diese Parole seit Jahrzehnten wie ein Mantra wiederholt – als gäbe es auf dem Uno-Podest magische Friedensformeln. Aus meiner Sicht ist das nicht Magie, sondern Selbstbetrug. Und gefährlich.
2005 zog sich Israel aus Gaza zurück. Kein Soldat, kein Siedler, alles geräumt. Was kam zurück? Keine Danksagung, sondern 20 000 Raketen. Wer glaubt, dass ein Rückzug aus dem Westjordanland plötzlich Rosen statt Sprengstoff bringt, blendet die Realität bewusst aus. Das Problem ist nicht, wo wir sind, sondern dass wir sind. Solange in palästinensischen Schulen Israel von der Landkarte gelöscht wird und Terroristen als „Helden“ gefeiert werden, bleibt jeder Palästinenserstaat ein Sprungbrett für den nächsten Angriff – nicht ein Fundament für Frieden. Iran liefert Waffen, Hisbollah lauert im Norden, Extremisten rekrutieren in jedem Flüchtlingslager. Glaubt wirklich jemand, ein neuer Palästinenserstaat würde in dieser Lage eine neutrale, friedliche Insel bleiben? Wer das sagt, sollte uns auch gleich erklären, wie man eine Rakete in eine Friedenstaube verwandelt. Wir wollen Frieden. Mehr als irgendwer. Aber nicht um den Preis unserer Existenz. Echter Frieden beginnt mit Anerkennung – des Existenzrechts Israels, Sicherheit und sichere Grenzen. Alles andere ist diplomatische Folklore für westliche Salons. Die Zwei-Staaten-Lösung ist keine Lösung. Sie ist eine PR-Parole für Politiker, die sich einen Haken auf ihrer „Friedensagenda“ wünschen.
Roman Haller, Direktor a.D. der Claims Conference Nachfolgeorganisation, München
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