KrankenkassenAuf dem Weg der Besserung?

Lesezeit: 4 Min.

Immer wieder Thema: Die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems.
Immer wieder Thema: Die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems. Jens Kalaene/dpa

Wie soll das deutsche Gesundheitswesen weiterhin finanzierbar bleiben? Da haben Politiker, Lobbyisten und SZ-Leserinnen und -Leser unterschiedliche Ansichten.

„Geht Odysseus zum Arzt“ vom 9. Januar, „Kasse machen“ und „Es muss wehtun“ vom 30. Dezember:

Schriller Gesundheitsbrüller

Nun hat der Chef der Kassenärzte eine Praxisgebühr pro Besuch vorgeschlagen von sagenhaften drei Euro. Ein Shitstorm folgte, auch aus den Regierungsparteien. Die SPD ließ verlauten, dies sei unsozial, treffe chronisch Kranke und Menschen mit geringem Einkommen, jegliches „Weiterreichen der Verantwortung an Versicherte“ sei zu unterlassen. Damit werden faktisch rote Linien gezogen für einen Koalitionsbruch 2026.

Aus der ärztlichen Praxis möchte ich berichten, dass die Zuzahlung in der gesetzlichen Krankenversicherung gedeckelt ist. Schwer chronisch Kranke zahlen bis zu ein Prozent ihres Jahreseinkommens. Das sind bei sehr Bedürftigen etwa 120 Euro im Jahr, die oft schon im Januar erreicht sind, alleine durch die Zuzahlungen bei Medikamenten. Eine Praxisgebühr ändert hier gar nichts. Die SPD argumentiert modern kontrafaktisch, dass die Ärzte bei diesen Betroffenen jetzt Kasse machen wollten. Nein, das ist weder wahr noch hilfreich für irgendeine Form einer konstruktiven Debatte.

Dr. med. Steffen Wahler, Hamburg
Facharzt für Innere Medizin/Diabetologie

Nur noch eine Kasse

Warum nicht mal noch größer denken? Wozu brauchen wir über 80 parallel arbeitende Krankenkassen mit großem Verwaltungsapparat, die zu 99 Prozent gleich arbeiten und uns keine Vielfalt, sondern Kosten bringen ohne eine Kontrolle der Ausgaben dieser Verwaltungen? Sogar eine Ausgleichszahlung zwischen den Krankenkassen muss verwaltet werden. Wenn ich mal einen Wunsch als seit über 30 Jahren Genießer dieses Systems als Arzt habe, dann wäre es dieser:

Nur noch eine Krankenkasse für alle, mit einem Basisschutz und definierten Zusatzleistungen, welche sich jeder Bürger in Form einer privaten Zusatzversicherung leisten kann. Jeder bekommt seine Rechnung direkt vom Arzt und rechnet mit seiner Versicherung ab. Jeder weiß, was er vom Arzt oder anderen Dienstleistungserbringern bekommen hat. Zu einfach, das ist doch typisch deutsch …

Dr. med. Kai-Uwe Biederbeck, Gunzenhausen
Orthopäde

„Jeder ist Teil des Problems“

Mit Interesse habe ich den Vergleich der Terminsuche beim Facharzt mit Homers Odyssee gelesen. Als über 30 Jahre niedergelassener Facharzt für Orthopädie und erfahrener, ehrenamtlicher Vertreter kann ich Ihren zentralen Satz hervorheben: „Jeder ist Teil des Problems.“

So ist es, und wenn künftig nicht jeder mehr Eigenverantwortung  – und damit meine ich auch sozialverträgliche Eigenbeteiligung  – übernimmt, werden es alle schöngeredeten Steuerungsinstrumente, ob Primärarzt oder die heile digitale Welt, nicht schaffen, den zum Teil grenzenlosen und verantwortungslosen Verbrauch an medizinischen Ressourcen zu stoppen. Dieser Aspekt fehlt mir in Ihren Lösungsvorschlägen komplett, und Ihr Odysseus wird ohne finanzielle Vor- beziehungsweise Nachteile als das zentrale Steuerungsinstrument unserer Gesellschaft wohl nie nach Ithaka zurückkehren.

Dr. med. Wolfgang Bärtl, Neumarkt
Orthopäde

Unfaire Vorzugsbehandlung

In dem Artikel findet sich der Satz: „Das deutsche Gesundheitssystem sortiert Termine zu oft nicht nach Dringlichkeit, sondern nach sozialem Status.“ Dies ist eine sehr verkürzte und irreführende Darstellung der Eigentümlichkeiten der Terminvergabe in Facharztpraxen in Deutschland. Bei einer Terminvereinbarung, entweder telefonisch, durch Aufsuchen einer Praxis oder durch Nutzung eines Terminverwaltungssystems wie Doctolib, wird niemand nach seinem sozialen Status, seinem Bildungsgrad oder gar nach seinem monatlichen Einkommen gefragt.

Die meisten Ärzte, auch die Fachärzte, wissen wenig bis nichts vom sozialen Status ihrer Patienten. Wonach aber gefragt wird (auch bei Doctolib), ist der Versicherungsstatus des Patienten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Privatversicherte bei der Terminvergabe bevorzugt werden, aus sehr handfesten finanziellen Erwägungen, denn die Behandlung eines Privatpatienten ist nun einmal lukrativer als die Behandlung eines Kassenpatienten (Kosten- und Leistungsdeckelung bei gesetzlich Versicherten).

Es wäre zu wünschen, dass die Terminvergabe tatsächlich nach medizinischer Notwendigkeit geschehen würde, dringende Fälle also bei der Terminvergabe priorisiert würden und weniger dringende Fälle dann zeitlich nach hinten geschoben würden. Eine entsprechende App, wie im Artikel angeregt, könnte dabei sicher helfen, in gewissen Grenzen. Solange aber die Bevorzugung von Privatpatienten gängige Praxis bleibt, wird sich die Situation für die meisten Versicherten, und dies sind zu knapp 90 Prozent gesetzlich Versicherte, kaum verbessern.

Gerd Mersmann, München

Alkohol-  und Zuckersteuer

Liebe Frau Warken, Sie benötigen die eine oder andere Milliarde? Ich hätte ein paar Vorschläge: Steuern Sie durch Steuern. Besteuern Sie das, was schädlich ist für die Menschen und für unser Land, nach dem Motto: Mach kaputt, was uns kaputt macht. Nach dem Herbst der kleinen Reförmchen wird es Zeit für den Winter der Reformen.

Also besteuern Sie Alkohol (aber deftig), Rauchen (noch mehr), auch Vapes (E-Zigarretten), Energydrinks, Zucker (danke für Ihre Initiative, Daniel Günther) und Kohlendioxid. Ein Euro je Prozent Alkohol auf einen Liter spült Ihre Kassen voll. Sie meinen, das geht nicht? Sie meinen, das treibt noch mehr Menschen in die Arme der AfD? Sie meinen, der Kanzler sei umzingelt von Schützenhallen und Brauereien? Das Letztere stimmt zwar, aber auch Friedrich Merz neigt zur Vernunft. So wie mindestens zwei Drittel der Menschen in Deutschland.

Suchen Sie Verbündete: Hendrik Streeck wäre sicher dabei. Dann wären auch Hüfte und Knie für Menschen über 90 wieder finanzierbar. Sie meinen, die Freiheit wird eingeschränkt? Nein. Es wird ja schließlich nichts verboten. Also: Ärmel hochkrempeln, die Fantasie sprießen und die Stäbe in Ihrem und im Finanzministerium rechnen lassen. Wird schon.

Michael Reiske, Rheine

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