Klimakonferenz:Frust und Unverständnis, aber kaum Hoffnung

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Klimakonferenz: Bundeskanzler Olaf Scholz in Scharm el-Scheich.

Bundeskanzler Olaf Scholz in Scharm el-Scheich.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Dass die Länder trotz merklich fortschreitenden Klimawandels nichts beschlossen haben, was die Situation verbessert, erzürnt viele SZ-Leser und -Leserinnen. Sie fordern, dass Deutschland bei sich anfangen sollte.

"Weniger als nichts" vom 21.November, "Weltretten im Praxistest" vom 19./20. November, "Die Armen fordern einen neuen Deal" vom 10. November, "Der 27. Versuch, das Klima zu retten" vom 7. November und weitere Artikel:

Gas statt Bremse

Das Ergebnis der Weltklimakonferenz in Ägypten ist gleich null! Wir rasen mit immer höherer Geschwindigkeit auf eine Wand namens Klimakatastrophe zu. Wir spüren zunehmend deren Auswirkungen. Doch statt langsam zu bremsen, drücken wir weiter auf die Tube! Die Kinder dieser Welt werden es uns danken ...

Achim Bothmann, Hannover

Leid ist Voraussetzung

Der Mensch ändert erst sein Verhalten, wenn er selbst leidet. Die EU wird erst eine andere Klimapolitik verfolgen, wenn im Mittelmeerraum keine Landwirtschaft mehr möglich ist oder wenn aufgrund der extremen Sonneneinstrahlung der Tourismus radikal abnimmt.

Herbert Terhag, Köln

Ist das intelligent?

Die Fakten liegen schon seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Wenn jemand 27-mal die Fahrprüfung nicht besteht, was würden sie von diesem Menschen denken? Im Falle des Klimas geht es um nichts Geringeres als um unsere Existenz. Was haben wir Bürger in unserem Alltag geändert? Der Mensch rühmt sich, das intelligenteste Wesen der Welt zu sein. Doch er zerstört wissentlich seine Existenzgrundlage, um seinen Wohlstand zu retten. Intelligent wäre es zu verstehen, dass Wohlstand bedeutet, gesund zu sein, soziale Kontakte zu haben sowie alles zum Leben Notwendige, vor allem gesunde Lebensmittel.

Warum führen wir nicht europaweit einen Klimapass ein? Beim Tanken und bei Flugreisen werden von der Chipkarte CO₂-Punkte abgezogen. Ist das Kontingent verbraucht, wird Fliegen und Tanken viel teurer. Das würde Bewusstsein und Eigenverantwortung schaffen, das sich im Geldbeutel widerspiegelt.

Wird wirklich alles gebraucht, was in den Geschäften angeboten wird? Wir müssen unser Handeln überdenken. Nicht wer es sich leisten kann und energetisch aus dem Vollen schöpft, sollte geachtet werden, sondern derjenige, der intelligent mit den Ressourcen umgeht. Jeder von uns ist ein Teil des Ganzen. Daher hat jeder Einzelne eine Verantwortung, das Ganze, also unsere Lebensgrundlage, zu einem Besseren zu wenden. Werfen wir noch heute unsere Gewohnheiten über Bord und handeln wir intelligent zugunsten des Klimas! Die nächsten Generationen werden es uns danken.

Jutta Dameris, Seefeld

Reformbedarf

Wer will noch widersprechen, dass in Bezug auf den Klimaschutz ein grundlegender Reformbedarf unseres Finanzsystems ansteht? Es mangelt nicht an Geld, sondern am politischen Willen, den Rechtsrahmen an die Notwendigkeiten anzupassen. Politisch ist es möglich, Sondervermögen für militärische Zwecke aufzurufen und "whatever it takes" im eigenen Land für die Pandemie. Wieso sollte man Zinsen und Abgaben nicht so regeln, dass Verbrauch und Schutz von natürlichen Ressourcen eingepreist wird? Wer hier dies verweigert, sollte abgewählt werden.

Kai Hansen, Nürtingen

Premium-Klimakiller

Michael Bauchmüllers Kommentar spiegelt die Heuchelei der deutschen Klimapolitik. Die EU habe es nicht geschafft, den großen Klimasünder China mit ins Boot der Geberländer zu holen. Wie aber könnte man einpreisen, dass China massenhaft für die Befriedigung unserer energieintensiven Konsumlust produziert? Bauchmüller kritisiert "Staaten wie Saudi-Arabien, das seinen Wohlstand auf Öl baut", unterschlägt aber, dass Deutschland seit Jahrzehnten seinen Wohlstand auf die Automobilindustrie baut, die von diesem Öl lebt. Audi hat in den letzten 50 Jahren einen großen Beitrag zu unserem Wohlstand geleistet - VW, Mercedes, BMW gehören zu den wichtigsten deutschen Exportgütern. Höchstgeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometer gelten bei unseren Autobauern als Gütesiegel - auch wenn man sie nur auf deutschen Autobahnen, in Nordkorea oder Somalia ausfahren darf - deswegen ist ein Tempolimit tabu. Und wer strengere Abgaswerte nicht legal einhalten kann, steigert seinen Absatz mit Betrug. Die deutschen Premium-Klimakiller sind unser Markenzeichen - wie den Saudis ihr Öl.

Appelle künftiger Generationen würden an "Autokraten" abprallen, kritisiert Bauchmüller. Ebenso aber prallen die Appelle der "Fridays for Future" und der Letzten Generation an der deutschen "Auto-kratie" ab. Anstatt Autobauer für ihr Wettrüsten um immer größere und schwerere Modelle zu belangen oder Politiker für den Verrat ihrer eigenen Klimaziele, werden Klimaaktivisten mit vernünftigen Forderungen wie "Tempo 100" und "Neun-Euro-Ticket" wie Kriminelle behandelt. Putin und der Ukraine-Krieg gelten als Entschuldigung für unseren klimaschädlichen Rollback zu mehr fossiler Energie. Unsere kontraproduktiven Russland-Sanktionen verursachen weltweite Kollateralschäden, dennoch heißt die Parole: "Europe first", Klimakrise soll warten. Hätte Bundeskanzler Scholz eine "Zeitenwende" anlässlich der Klimakatastrophe und 33 Millionen Flutopfern in Pakistan ausgerufen und Hunderte Milliarden Euro zur weltweiten Rettung des Klimas lockergemacht, anstatt in Aufrüstung und Krieg zu investieren, hätte Deutschland beim Klimagipfel ein glaubwürdigeres Vorbild abgegeben und sicher mehr erreicht.

Sabine Matthes, München

Zu Lasten der Kinder

Deutschland subventioniert jetzt den Konsum fossiler Energie mit 200 Milliarden Euro, anstatt einen Teil des Betrages für Windräder, Photovoltaik und Stromleitungen zu verwenden. Die Opposition will populistisch noch mehr Subventionen für den Konsum fossiler Energie aufwenden. Wer Staatsschulden macht, verringert den Konsum unserer Kinder - liebt sie nicht. Wer jetzt nicht wirklich seine CO₂-Emissionen verringert, beeinträchtigt die Lebensqualität seiner Kinder - liebt sie nicht.

Wolfgang Maucksch, Herrieden

Bewusstsein fehlt

Solange der verschwenderische Umgang mit Ressourcen, Fehlentwicklungen beim Recycling und die konsumistische Wachstumsideologie ungestraft und wenig reguliert fortgesetzt werden, sind mehrheitliche Bewusstseins- und Verhaltensänderung nicht zu erwarten. Boden ist nicht vermehrbar, aussterbende Arten haben kein Preisschild, Wasser ist keine Kloake, sondern ein Lebensmittel. Konsumverzicht, Einsparung von Energie und Ressourcen, Verzicht auf Reisen und Kurzstreckenfahrten zum Bäcker, Verzicht auf exotische Ackerfrüchte und Fleisch sind Schreckgespenster für viele Wohlstandsbürger und -bürgerinnen. Daher verzichtet der Gesetzgeber auf eine radikale Umweltgesetzgebung, die mit Geschwindigkeitsbegrenzung die Autofans oder mit Luftreinhaltung die Kaminofenbesitzer verprellt. Die Energiekrise zeigt, dass auch Betriebe mehr Energie einsparen können, ohne Insolvenz anmelden zu müssen.

In einer repräsentativen Demokratie fehlt es an einer Verpflichtung für eigene Aktivitäten. Stattdessen schickt man gern mehr als 30 000 Fachleute per Flugzeug zur Klimakonferenz nach Ägypten. Falls die Industrienationen genötigt werden, zu Recht Verantwortung zu übernehmen, gelangen die Gelder nicht unbedingt zu den Betroffenen oder zu Hochwasserschutz, zu Initiativen für klimagerechtes Arbeiten oder Wohnen.

Rolf Sintram, Lübeck

Selbst anfangen

Ich kann den Frust der deutschen Delegation verstehen, aber ich frage mich, was Deutschland daran hindert, einfach "vorzulegen" und der Welt zu zeigen, was möglich ist? Hat Deutschland Ambitionen, die die Bevölkerung nie mittragen würde? Besteht die Angst, dass die Industrie abwandern würde, wenn man komplett aus den fossilen Energien aussteigen würde? Ist Deutschland nur dann bereit, drastische Schritte zu gehen, wenn der Rest der Welt mitgeht? Ich befürchte, dass diese falsch verstandene (weil sehr bequeme) Solidarität einer der "Sargnagel der menschlichen Zivilisation" sein wird. Beispiel: Solange ich mein Auto erst stehen lasse, wenn es alle Nachbarn tun, wird nichts passieren, außer dass wir irgendwann keine Autos mehr benötigen, da wir andere Probleme haben als Autofahren.

Ich lasse mich nicht davon abhalten, zu reduzieren und zu verzichten, weil das in meinen Augen der einzige Weg ist, die Katastrophe hinauszuzögern, wenn ein Verhindern schon unmöglich geworden sein sollte.

Erich Würth, München

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