„Die Kita-Illusion“ vom 30. Januar, „Mutter, bleib' bei deinem Kind“ von 22. Januar:
Frage der Deutungshoheit
Ein interessanter Beitrag über ein spannendes Studienergebnis. Allerdings gilt es die darin enthaltenen Deutungen genau zu studieren. Nimmt man die Äußerungen der Befragten ernst, wollen gottlob viele Mütter lange bei ihren Kindern sein. Ihnen zu unterstellen, ihre Arbeitskraft dem Markt vorzuenthalten, ist jedoch haarsträubend.
Ist es tatsächlich ein Fortschritt, wenn die Stimmung sich dahin gehend verändert, Kinder heute deutlich früher als noch vor 15 Jahren fremd betreuen zu lassen? Je mehr Geborgenheit Mütter ihren Kindern in den ersten Lebensjahren ermöglichen, desto widerstandsfähiger werden ihre Kinder den Anforderungen des Lebens gewachsen sein.
Auch lässt sich die demografisch katastrophale Lage kaum abwenden, wenn Mütter und Familien immer mehr unter Druck geraten. Das Ergebnis der Studie lässt hoffen. Fragt sich, ob die Politik entsprechende Konsequenzen zieht und Anreize schafft, sodass Eltern sich ihre Kinderwünsche erfüllen und Kinder in Ruhe und ohne wirtschaftliche Not ins Leben begleiten können.
Gudrun Kattnig, Klagenfurt/Österreich
Kinderbedürfnisse respektieren
Als Journalistin, Schulgründerin und Mutter von drei Kindern habe ich viele Jahre lang viel Energie darauf verwandt, mich für „artgerechte Kinderhaltung“ einzusetzen – für eine Politik, ein Bildungssystem und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, welche die Bedürfnisse von Kindern respektieren.
Kinder brauchen Zeit und Raum, sich in ihrem eigenen Tempo und Rhythmus entfalten zu können. Dazu gehören meiner Meinung nach nicht nur achtsame Begleitung, sondern auch unverplante Zeiten für freies Spiel, die Möglichkeit, sich frei und selbstbestimmt bewegen zu können, und auch Rückzugsmöglichkeiten.
Es gibt großartige Kitas, aber leider auch viele schlechte, und nicht jedes Kind fühlt sich wohl in großen Gruppen und ganztägiger institutioneller Betreuung. Zum Glück konnten mein Mann und ich das ermöglichen, da wir beide nie Vollzeit gearbeitet haben. Dafür bin ich sehr dankbar, und ich weiß auch, dass wir privilegiert waren – bei den heutigen Mietpreisen hätten wir das kaum schaffen können.
Andrea Teupke, Frankfurt
Berufsehrgeiz - lieber ohne Kinder
Ich bin Vater einer zweijährigen Tochter. Vor der Geburt hätte ich die gesellschaftliche Einstellung, die der Artikel kritisiert, ganz genauso kritisiert. Ist auch leicht, ohne Kind. Nach zwei Jahren mit Kind bin ich davon gründlich geheilt.
Meine Frau und ich haben von klein auf Höchstleistungen gebracht, uns über ein staatliches Exzellenzstipendium kennengelernt, das unser ganzes Studium bezahlt hat, und sind früh und erfolgreich in den Beruf gestartet. Natürlich wollten wir das mit einem Kind weiterführen! Wir haben all die feministischen Podcasts gehört, Bücher und Artikel wie diesen mit gerechter Empörung gelesen.
Wir würden gegen die Ungleichheit von Vätern und Müttern arbeiten! Beide würden auch mit Kind weiter beruflich performen – man muss es nur wollen! Dazu fünfmal die Woche Sport, ein lebendiges Sozialleben, ökologisch engagiert sein – muss man nur wollen! Als Papa baue ich natürlich von Anfang an ganz viel Bindung auf, bin viel da, Körperkontakt, quasi zweite Mama – muss man nur wollen!
Allein: Diese Einstellung führte zu konstanter Überforderung, Burn-out, einer Fast-Trennung und vor allem einem dauernden Gefühl des Scheiterns. Trotz allem väterlichen Engagement beobachte ich bei uns genauso wie in unserem Umfeld: Mama ist bei Babys und kleinen Kindern die Nr. 1. Die frühe, natürliche (Reizwort!) Bindung durch Schwangerschaft und Stillen lässt sich eben nicht um- und wegdenken, wie progressiv man auch dagegen anschreiben mag.
Väter können trotzdem eine wichtige Rolle einnehmen. Und beide arbeiten Teilzeit. Wer will denn Vollzeit arbeiten und sein Kind nur morgens (gestresst), abends (müde) und am Wochenende (dringend erholungsbedürftig) sehen? Ist das das Ziel, wenn man Kinder bekommt? Die ehrliche Antwort ist: Wer im Beruf alles geben will, sollte keine Kinder bekommen.
Ich möchte der von Ihnen zitierten „Politik und Wirtschaft“ entgegenrufen: Wir jungen Eltern werden nicht mehr arbeiten! „Eine Gesellschaft, die es sich auf einem Denksofa bequem gemacht hat“ – was für eine absolute Frechheit! Wir sind komplett überlastet zwischen den verrückten Ansprüchen moderner Berufswelt und Elternschaft! Wir möchten unsere Kinder sehen! Liebe Politik und Wirtschaft: Kümmert euch um die Regulierung des Wohnungsmarkts, damit Familien ihre Wohnungen bezahlen können! Um zuverlässige und gute Kitas! Um gute Teilzeitmodelle für die Arbeit.
Von der SZ wünsche ich mir mehr Artikel, die die chaotische, wurschtelige, unterperformende Realität des Elternseins darstellen (danke für „Die Elternkolumne“) statt realitätsferne Ideologien in einem rebellischen Gestus, der nichts kostet. Auf dem „bequemen Denksofa“ sitzt in dieser Sache nämlich vor allem die Autorin.
Toni Geiger, Köln
Mangelnde Qualität
Was in der gesamten Diskussion um mehr und bessere Kitas zu kurz kommt: die mangelnde Quantität und Qualität von angehenden Fachkräften in der Breite. Es wäre mal eine ausführliche Recherche wert, sich unter den Lehrkräften angehender Erzieherinnen diesbezüglich umzuhören. Was nutzen gut gemeinte Ziele im Konzept, wenn gute und ausreichend personelle Stützen dafür fehlen? Und wenn die Besten nach der Ausbildung zum Studium abwandern.
Joachim Haas-Feldmann, Hanau
Folgenschwere Fremdbetreuung
Herzlichen Dank! Sie sprechen mir aus der Seele! Vor Jahren schon hatten wir einen Hilferuf in der FAZ vom 8.12.2022 veröffentlicht, dass unser so reiches Land doch nicht den Versuch unternehmen sollte, die selbstverständlich einzufordernde Gleichberechtigung von Frauen und Männern ausgerechnet auf dem Rücken der kleinen Kinder durchzusetzen.
Vor allem die unter dreijährigen Kinder leiden unter einer Fremdbetreuung, die oft Mindeststandards nicht entspricht. Viele Eltern haben uns seinerzeit in Leserbriefen mitgeteilt, dass sie bei besseren Rahmenbedingungen die Betreuung ihrer Kinder gerne persönlich übernommen hätten beziehungsweise übernehmen würden. Auch heute sind nur wenige Kleinkinder in den real existierenden, oft sehr teuren Kitas besser betreut als in einer eigenen Familie. Wenn man sich zusätzlich die individuellen und gesellschaftlichen Folgekosten einer pädagogischen Unterversorgung unserer Kleinstkinder vor Augen hält, versteht man nicht, wie man sich das alles leisten zu können glaubt.
Nur ungern erinnere ich mich daran, dass das bayerische Elterngeld, dessen Umwidmung für die Kitas jetzt zu Recht beklagt wird, seinerzeit als Herdprämie diffamiert wurde. Man kann es eben nie allen recht machen, wo es aber um Verteilungskämpfe zwischen Vater, Mutter und Kind geht, sollten unsere Kinder nicht immer zu kurz kommen!
Prof. Dr. med. Walter Dorsch, Kinderarzt, München
Eltern im Stress
Sie sprechen mir aus der Seele! Als Mutter von inzwischen vier erwachsenen Kindern und Großmutter von fünf Enkeln habe ich genügend Erfahrung, um die Probleme, die sich aus immer mehr Fremdbetreuung und Vollzeitarbeit ergeben, zu beurteilen.
Für viele Kleinkinder ist es stressig, acht Stunden und mehr in der Kita zu sein. Wesentlich ist die Frage, gibt es ausreichend qualifiziertes Personal? Wenn dies der Fall ist, stecken Kinder erstaunlicherweise diesen Stress relativ gut weg.
Viel mehr Stress bedeutet Ganztagsarbeit jedoch für die Eltern, die sich in einem Hamsterrad befinden. Schlechtes Gewissen im Job, schlechtes Gewissen sich nicht genügend um das Kind/die Kinder kümmern zu können. Müde nach der Arbeit? Geht nicht! Und wer macht all die Hausarbeit? Kinder krank! Gibt es Großeltern?
Obwohl heute die Väter sehr viel mehr in das alltägliche Geschehen eingebunden sind, bleibt meistens doch ein Großteil der Arbeit an den Müttern hängen. Also, nicht immer mehr Ganztagsbetreuung, sondern den Familien die Freiheit geben, ihr Leben bei angemessener Bezahlung selbst zu organisieren. Dann gibt es auch wieder mehr Kinder.
Brigitte Zehmisch, München
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