Kita-Betreuung:Bayerns Regierung entlarvt die eigenen Sonntagsreden

Lesezeit: 2 min

Kita-Betreuung: Bayern lockert die Kita-Regeln: Nun gibt es Streit darüber, wer künftig alles die Kinder betreuen darf.

Bayern lockert die Kita-Regeln: Nun gibt es Streit darüber, wer künftig alles die Kinder betreuen darf.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Hauptsache untergebracht, egal wie - diesen Kurs der Staatsregierung kritisieren Leser als Bankrotterklärung der Bildungspolitik.

"Hauptsache die Kinder sind betreut" vom 30. August und "Kritik an Kita-Konzept" vom 31. August:

Was sind uns unsere Kinder wert?

In Bayern wird offenbar in "Massenkinderhaltung" die Lösung für das Recht auf einen Kitaplatz gesehen. Quantität statt Qualität. Dabei werden die Rechte der Kinder ignoriert und missachtet. Wurden die in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegten Kinderrechte deshalb nicht ins Grundgesetz aufgenommen? Kinder beziehungsweise deren Rechtsvertreter könnten sich dann darauf berufen, um zumindest die gröbsten Missstände abzustellen. Aber das würde natürlich Geld kosten, und bei unseren Kindern wollen wir lieber sparen.

Stattdessen hinterlassen wir unseren Nachkommen nicht nur eine vielfach kaputte Erde, sondern behindern auch noch ihr Recht auf einen guten Start ins Leben - das Recht, dass ihre körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse von kompetenten und vertrauten Bezugspersonen erfüllt werden.

Tierschützer kämpfen unüberhörbar um die Rechte von Tieren auf gute Haltungsbedingungen. Wo bleiben die Proteste der Kinderschützer? Kinder sind unsere Zukunft, unser höchstes Gut; wir müssen ihre Rechte einfordern, und das bitte sehr laut.

Kinder haben das Bedürfnis nach Anerkennung, nach Zugehörigkeit, nach emotionaler Beziehungssicherheit. Das sind wichtige Säulen einer gesunden Entwicklung und um selbstaktiv und lustvoll lernen zu können. Mit größeren Gruppen gewährleistet man sicherlich eher das Recht auf einen Kitaplatz; eine qualitativ akzeptable Betreuung lässt sich durch die Vergrößerung der Gruppen in den Kindertagesstätten jedoch nicht erreichen, und schon gar nicht sicherstellen. Überforderte Erwachsene können den Bedürfnissen von Kindern nicht gerecht werden.

Mit der Fortsetzung des aktuell eingeschlagenen Weges verstärkt die Politik lediglich eine Entwicklung, die von Fachleuten längst als Kindeswohlgefährdung bezeichnet wird.

Edeltraud Prokop, München

Bildungspolitischer Bankrott

Das Konzept zur Lösung der Personalmängel und fehlenden Betreuungsplätzen an bayerischen Kindertagesstätten, das die Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) vorgestellt hat, belegt eindrücklich die fehlende Bereitschaft der Staatsregierung, die in Sonntagsreden immer wieder betonte Bedeutung frühkindlicher Bildung glaubwürdig in politische Maßnahmen zu übersetzen.

Die Aufforderung an die Träger, Gruppen zu vergrößern und sogenannte Einstiegsgruppen an Kindertagesstätten anzugliedern, in denen "auch die Oma betreuen (könnte) oder jemand, der den Job gern macht", spricht jedem Mindeststandard für eine frühkindliche Bildung Hohn. Sie stellt einen Schlag ins Gesicht der engagierten pädagogischen Fachkräfte dar, die - aus Sicht der Sozialministerin - offenbar problemlos durch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ohne pädagogische Fachkompetenz ersetzt werden können. Die Förderung von benachteiligten Kindern oder das Ziel der Inklusion von Kindern mit Behinderungen bleibt auf diese Art vollständig auf der Strecke.

Es braucht mit höchster Dringlichkeit eine Erhöhung der Zahl von Ausbildungsstätten für Erzieherinnen und Erzieher an Fachschulen sowie an Studienplätzen für Frühpädagogik an Hochschulen, Entlastung der Fachkräfte von bürokratischen Aufgaben, eine beschleunigte Anerkennung der beruflichen Abschlüsse von Fachkräften aus dem Ausland, die über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, und die Finanzierung zusätzlicher Kräfte in Kindertagesstätten mit Kompetenzen zur Sprachförderung und Unterstützung der Integration von Kindern mit Behinderungen.

Das Konzept, das hier zur Lösung der lange absehbaren Probleme vorgelegt wird, lässt sich nicht anders bezeichnen: Es ist eine Bankrotterklärung der Bildungspolitik der bayerischen Staatsregierung.

Klaus Sarimski, München, Prof. i. R. für sonderpädagogische Frühförderung und allgemeine Elementarpädagogik

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und dem Wohnort. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema