BundestagspräsidentinKlöckner und Kirche

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Die neue Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU).
Die neue Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU). Kay Nietfeld/dpa

CDU-Politikerin erntet massiven Widerspruch für ihren Versuch, den Kirchen einen politischen Maulkorb umzuhängen.

„Julia Klöckner – Von Politik und Kirche“ vom 22. April:

Kirche muss politisch sein

Dass eine Bundestagspräsidentin, also eine offizielle Repräsentantin des Staates, den Kirchen als zivilgesellschaftlichen Akteuren einen Maulkorb verpassen will, ist ein starkes Stück. Erinnert sei an die klare Positionierung des verstorbenen Papstes Franziskus in dieser Frage. Dieser plädierte bereits im Spätsommer 2020 in seiner Sozialenzyklika „Fratelli tutti“ im achten Kapitel für den gemeinsamen Einsatz aller Religionsgemeinschaften für Gerechtigkeit und Frieden. Er betonte die Wichtigkeit eines Bewusstseins von Transzendenz, um der Macht der Gewalt zu widerstehen: „Die Wurzel des modernen Totalitarismus liegt in der Verneinung der transzendenten Würde des Menschen, der sichtbares Abbild des unsichtbaren Gottes ist“, weshalb es für unsere Gesellschaft gut sei, „wenn wir Gott in ihnen gegenwärtig machen“.

Dem entgegen stünden Ideologien, die den Menschen selbst absolut setzten und vergöttlichten. Die Kirche müsse daher politisch sein und dürfe sich nicht auf „ihren Einsatz in der Fürsorge oder Erziehung erschöpfen“. Kirche dürfe „beim Aufbau einer gerechteren Gesellschaft nicht abseitsstehen“, sondern habe eine „öffentliche Rolle“. Damit erteilte Papst Franziskus vor knapp fünf Jahren den schon damals laut werdenden Forderungen insbesondere von konservativer und politisch rechter Seite eine Absage, die Kirche solle sich auf Seelsorge beschränken und sich nicht in die Politik einmischen, jedenfalls nicht mit gesellschafts- und kapitalismuskritischen Thesen. Als Antwort auf Frau Klöckner ist diesen weisen Worten von Papst Franziskus nichts hinzuzufügen.

Jonas Christopher Höpken, Oldenburg

Die CDU zu wenig christlich?

Herzlichen Dank für diesen Kommentar zu den unguten Äußerungen von Julia Klöckner über eine vorgeblich „zu politische“ Kirche. Auch wenn ich bei Spekulationen über deren Lernwilligkeit mehr als skeptisch bin, hoffe ich sehr, dass Ihre Frage, ob nicht umgekehrt Frau Klöckners CDU zu wenig christlich sei, sie doch aufrütteln möge – manchmal muss man Gedankengänge eben wirklich umkehren, um zum eigentlichen Kern der Sache vorzudringen. Wunderbar!

Friedrich-Karl Bruhns, München

Klöckner überkritisch behandelt

Sehr geehrter Herr Rossmann, vielleicht bin ich in Ihren Augen als Frau „befangen“. Ich finde es merkwürdig, dass ein Artikel zu einer Politikerin damit beginnt, dass sie viel und gerne redet. Vielleicht lese ich auch zu wenige Artikel der Kategorie „Meinung“, vielleicht ist das ein normaler Einstieg. Vielleicht gibt es auch viele Artikel in der SZ über Männer, die damit beginnen, dass ein Politiker viel redet. Hierfür fehlt mir der Überblick und ich lasse mich gerne davon überzeugen, dass mein Befremden unbegründet ist und ich schon mit zweierlei Maß messe.

Nina Büttner, München

Selbst disqualifiziert

Es zeigt sich, dass es nicht allzu geschickt von Friedrich Merz war, Julia Klöckner, die ehemalige Ernährungsministerin und Nestlé-Beauftragte, auf den Posten der Bundestagspräsidentin abzuschieben, nur um die Frauenquote anzufüttern und sie gleichzeitig aus den wichtigen Minister- und Ministerinnenposten herauszuhalten. Und auch wenn es eher als repräsentativ-administratives Amt gilt, so ist es doch das zweithöchste der Republik – da wollen die Worte sorgfältig abgewägt werden. Leider ist ihre Impulskontrolle ähnlich mäßig ausgeprägt wie bei ihrem Fraktionschef, anders ist ein Statement wie „dafür zahle ich keine Kirchensteuer“ nicht zu erklären. Was ist das für ein Verständnis von Kirche?

Liebe Frau Klöckner, es geht erstens nicht um Leistung und Gegenleistung („deal“) und zweitens nicht um einen Maulkorb für die Kirche – sie darf, ja muss sich zu gesellschaftlich relevanten Themen positionieren!

Kurt Thome, Vaals/Niederlande

Im Widerspruch zu Papst Franziskus

Die Tatsache, dass die neue Bundestagspräsidentin Julia Klöckner von der CDU den Kirchen rät, sich aus tagesaktuellen Diskussionen herauszuhalten, lässt tief blicken. Als katholischer Christ und Sozialdemokrat habe ich mich in meiner Jugend oftmals über die sogenannten Hirtenbriefe der katholischen Kirche, in der immer für die Union Partei ergriffen wurde, sehr geärgert, zumal die Einseitigkeit dieser Hirtenbriefe so gut wie nie Kritik an bestehenden ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen bedeutet hat.

Nein, das Paktieren mit den Herrschenden hat leider auch die weitgehend passive Hinnahme der Verhältnisse während der NS-Zeit geprägt. Ja, ich bin der Überzeugung, dass Kirche gerade in diesen Zeiten politisch sein muss, wenn sie ihren geistigen und gesellschaftlichen Auftrag erfüllen will. Und die Kirche muss Stellung beziehen, wie das auch in der katholischen Kirche schon des Öfteren geschieht, wenn sie etwa auf die Bedrohung der Demokratie durch die AfD hinweist. Der sicherlich von Klöckner nicht positiv gemeinte Vergleich mit NGOs dagegen lässt auf ein großes Manko Klöckners, was die Beurteilung der Arbeit der Nichtregierungsorganisationen betrifft, schließen. Wer die Bibel und die Bergpredigt ernst nimmt, der muss etwa konstatieren, dass die Parteinahme für die Schwachen wie etwa auch gerade für Geflüchtete ein christlicher Auftrag ist, der auf jeden Fall von den beiden großen Kirchen – etwa auch durch das Kirchenasyl – wahrgenommen werden muss.

Offensichtlich erkennt Klöckner das nicht und könnte damit zu einer Belastung als zweithöchste Repräsentantin des Staates werden. Klöckner sollte sehr schnell darlegen, dass gesellschaftliches Engagement, womit auch das politische gemeint ist, zum Lebenselixier von Kirche und Staat hierzulande unbedingt wichtig ist. Die Kirche hat auf jeden Fall den Auftrag, da, wo sich ungerechte Verhältnisse zeigen und anbahnen, Partei zu ergreifen, was niemals heißen darf, mit den für ungerechte Strukturen Verantwortlichen zu paktieren. Der jetzt verstorbene Papst Franziskus hat etwa mit seiner Bemerkung, dass diese Wirtschaftsordnung tötet, einen wertvollen Beitrag zur Parteinahme der Kirchen für Solidarität und Gerechtigkeit geliefert.

Manfred Kirsch, Neuwied

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