Jens Spahn und die LeihmutterschaftElitäre Heuchelei

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Jens Spahn trat als Fraktionsvorsitzender der CDU zurück.
Jens Spahn trat als Fraktionsvorsitzender der CDU zurück.
Bernd von Jutrczenka/dpa

Den Rücktritt des CDU-Fraktionschefs halten Leserinnen und Leser unisono für unausweichlich. Moralisch wird Spahn aber unterschiedlich bewertet.

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„Papa ist der Beste“, „Er ist ganz alleine schuld“ und „So gnadenlos“ vom 21. Juli, „Das musste sein“ vom 20. Juli, „Babyglück in der rechtlichen Grauzone“ vom 17. Juli:

Skandalfester Vollprofi

Jens Spahn ist ein politischer Vollprofi in dem Sinne, dass er weder über einschlägige fachliche Kenntnisse noch über besonders gute Popularitätswerte verfügen muss, um hohe und höchste Staatsämter einzunehmen: Auch ohne jede Qualifikation in den Bereichen Finanzwirtschaft und Steuerwesen wurde er Staatssekretär im Finanzministerium, ohne jede Erfahrung im Gesundheitswesen (Kranken- und Pflegeversicherung, Medizinrecht, Arzneimittel, und so weiter) wurde er Gesundheitsminister.

Trotz zahlreicher Fehler und Missgriffe brachte er es zum Vorsitzenden der Unionsfraktion. In dieser Hinsicht ähnelt er Franz Josef Strauß, dem auch die größten politischen und privaten Skandale nichts anhaben konnten.

Nun ist der vermeintlich unaufhaltsame Aufstieg von Spahn erst einmal gestoppt. Aber man sollte sich nicht täuschen: Nach einer gewissen Abklingzeit wird er zurückkommen, vielleicht im Büßergewand dessen, der auf sein politisches Amt verzichtet hat, um dem Herzenswunsch nach einem Kind zu folgen, womit er seinem politischen auch noch ein zutiefst menschliches Profil hinzufügt.

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann, Berlin

Wohltuende Wahrheit

Seit ich auf Instagram Jens Spahns Selfie samt Ehemann und Kinderwagen gesehen habe, seit ich mit Verwunderung in den zahlreichen Reaktionen von Bundeskanzler und weiteren Politikern, aber auch in der Berichterstattung über die Causa fortgesetzt gelesen habe, dass man Spahn zuallererst und von Herzen zum großen Familienglück gratuliere, um im Folgenden mit sanften Worten auf seine schwierige, aber persönlich durchaus verständliche und nachvollziehbare Entscheidung zur Leihmutterschaft einzugehen, denn ein Kinderwunsch sei nun mal … und so weiter und so fort ..., seit ich Jens Spahns Abschiedsbrief gelesen habe, in dem er seinen Rücktritt mit der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie begründet und in dem dieser ansonsten gnadenlos auf seinen persönlichen Vorteil bedachte, kompromisslos machtorientierte Politiker die „Unerbittlichkeit der öffentlichen Auseinandersetzung“ anprangert, habe ich auf diesen Artikel („Papa ist der Beste“) gewartet.

Es ist unendlich wohltuend, endlich die Wahrheit zu lesen – und keine Relativierungen, keine Nebelkerzen, keine Verharmlosungen, keine Schönfärberei.

Annette Gilles, Oberursel und Berlin

Das eigentliche Problem

Meiner Meinung nach argumentiert Frau Nienhaus am entscheidenden Sachverhalt vorbei: Jens Spahn musste zurücktreten, weil sein Verhalten nicht mit seiner Politik im Einklang stand. Herr Spahn hat, während die Leihmutter seines Sohnes schwanger war, keine Einwände gegen die Einstufung der Leihmutterschaft in Deutschland als rechtswidrig erhoben.

Er hat politisch gegen die Leihmutterschaft argumentiert, und in der Realität etwas anderes getan. „Wasser predigen, Wein trinken“ – so nennt man das wohl. Herr Spahn hat der Glaubwürdigkeit der Politik Schaden zugefügt – und deshalb musste er gehen. Und an dieser Entscheidung ist nichts auszusetzen, unabhängig davon, wie man Leihmutterschaft bewertet.

Alexander Engel, Seefeld

Konflikt gelöst

Beim Thema Leihmutterschaft bin ich mit der offiziellen Linie der Unionsparteien völlig einverstanden. Und ich finde es auch in Ordnung, dass eine Partei auf ihre Glaubwürdigkeit achten muss. Es geht einfach nicht, dass ausgerechnet einer ihrer wichtigsten Männer das Gegenteil von dem tut, was im Parteiprogramm steht.

Allerdings heißt das nicht, dass ich Jens Spahn als Menschen moralisch verurteile. Er hat sich bewusst oder unbewusst in eine Konfliktsituation begeben, die für ihn am Ende nur durch Verzicht auf seine schöne und aussichtsreiche Position zu lösen war. Aber damit muss es auch gut sein. Er bleibt natürlich Bundestagsabgeordneter und ist keineswegs von vorneherein disqualifiziert, wenn wieder einmal ein höherer Posten zu besetzen sein wird.

Axel Lehmann, München

Gesetze machen, Gesetze brechen

Jetzt ist es offenkundig, Jens Spahn steht über dem Gesetz. Millionenschwere Villenkäufe ohne plausible Nachweise der Finanzierung, milliardenschwere Fehlinvestitionen bei Maskenkäufen und jetzt Kinderkauf via Leihmutter, es gibt nichts, was an Jens Spahn nicht abperlt.

Jens Spahns Narzissmus kennt keine Grenzen. Er will etwas für sich, also setzt er es durch, und sei es auch noch so gesetzeswidrig. Ihm wohnt offenkundig eine Persönlichkeitsspaltung inne. Die Privatperson in ihm darf alles, was die Privatperson will, die politische Person darf anderen alles verbieten, was diese wollen.

Aber diese Charakterzüge hindern ihn nicht daran, hohe Parteiämter oder gar Staatsämter für sich zu beanspruchen. Womöglich findet Jens Spahn vor Lachen nicht in den Schlaf, wenn er an Kai Wegner denkt, den regierenden Bürgermeister von Berlin, der auf eine erneute Spitzenkandidatur verzichtet, wegen eines zur Unzeit geführten Tennisspiels. Das käme Jens Spahn im Leben nicht in den Sinn.

Der politische Kompass von Jens Spahn ist augenscheinlich nur sein Eigennutz. Wenn man einerseits darüber diskutiert, Björn Höcke das passive Wahlrecht zu entziehen wegen seines offenkundigen Rechtsextremismus, warum wird keine Diskussion geführt, Jens Spahn das passive Wahlrecht zu entziehen, wegen seines offenkundigen Narzissmus? Beides ist gleichermaßen demokratiegefährdend, wie man an Donald Trump sieht.

Jürgen Lennartz, Großheide

Gescheitertes Vorbild

Gerade von der CDU/CSU erwarte ich als Wähler eine klare Besinnung auf das christliche Wertefundament. Dazu gehört unabdingbar die Bewahrung und Vertretung des natürlichen Menschenbildes von Mann und Frau sowie der Schutz von Ehe und Familie in ihrer Schöpfungsordnung. Dieses Fundament darf nicht durch die Hintertür einer rechtlichen Grauzone im Ausland aufgeweicht werden, nur weil man über die entsprechenden finanziellen Mittel und Kontakte verfügt.

Die Leihmutterschaft degradiert den weiblichen Körper zu einer Dienstleistung und das Kind zu einer bestellbaren Ware – eine Praxis, die nicht ohne Grund von der katholischen Kirche und dem Vatikan als schwerer Verstoß gegen die Menschenwürde geächtet wird. Wenn ein Spitzenpolitiker, der an den Gesetzen für uns alle mitschreibt, diese moralischen und rechtlichen Grenzen für sein privates Glück einfach umgeht, offenbart das eine unerträgliche Doppelmoral.

Wer das Land und die Union in die Zukunft führen will, muss als Vorbild vorangehen und darf die christlichen Werte, für die seine Partei offiziell steht, nicht der persönlichen Lebensgestaltung opfern.

Dr. Jörg Maria Ortwein, Opfenbach-Mellatz

Gefährder für die Volkspartei

Die dreiste Selbstverständlichkeit, mit der sich der Fraktionsvorsitzende der größten Fraktion im Bundestag über Recht, Regeln und Anstandsnormen hinwegsetzt, macht einen sprach- und ratlos: Maskenchaos, unverhohlene Avancen an Rechtspopulisten, Kooperation mit Tech-Milliardären wie Peter Thiel, liederliche Wahrnehmung der Fraktionsführung und nun die zweifelhafte Inanspruchnahme von Privilegien, die für „normale“ Bundesbürger unerreichbar sind.

Mit seinem grenzenlosen Ego schadet Herr Spahn dem Ansehen des Parlaments und der Demokratie. Er bedient die antidemokratischen Ressentiments derer, die unser System grundsätzlich infrage stellen.

Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen, in deren Kontext man – auch in der CDU – gerne von der Sorge um die Demokratie redet, ist rücksichtslose Verfolgung von Eigeninteressen im Widerspruch zur öffentlichen Positionierung Ausdruck eines elitären Selbstverständnisses, das längst die Sphären der gesellschaftlichen Mitte verlassen hat. Und mit den beiden Millionären Spahn und Merz an ihrer Spitze verliert die CDU immer mehr ihren Charakter als breit aufgestellte Volkspartei.

Anton Rütten, Köln

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