„Streit um Integrationskurse eskaliert“ vom 20. Februar, „Was für eine sinnlose Härte“ vom 14./15. Februar und „SPD und Grüne kritisieren Dobrindts Kürzung der Integrationskurse“ vom 13. Februar:
Nichts gelernt?
Ich bin froh, dass die geplante Streichung der Integrationskurse durch Herrn Dobrindt endlich – neben allen weltpolitischen Verwerfungen – nun doch mehr Aufmerksamkeit und Widerspruch findet. Als ich am 13. Februar in der SZ die Meldung las, dass der Innenminister die Integrationskurse für Asylbewerber, Geduldete, Ukrainer und EU-Bürger künftig nicht mehr finanzieren will, traute ich meinen Augen nicht.
Den Zugang zu den Integrationskursen sollen nur noch Personen mit gesichertem Aufenthaltsstatus erhalten. „Hat die Politik denn gar nichts gelernt?“, war meine erste Reaktion. Und was sollen die Menschen machen, bis ihr Aufenthaltsstatus gesichert ist? In der Unterkunft sitzen und Däumchen drehen? Will die Politik, dass erneut Parallelgesellschaften entstehen? Hat Herr Dobrindt vergessen, dass der Zugang zur Integration und zum Arbeitsmarkt über die Sprache läuft?
Sprachförderung darf nicht von unsicheren Prognosen über die Bleibeperspektive abhängig gemacht werden. Je schneller Menschen in Arbeit kommen, desto eher werden die Sozialkassen entlastet. Diese Entscheidung mit dem Argument, „man müsse sich an den verfügbaren Mitteln im Bundeshaushalt“ orientieren, ist schädlich und wird letztlich teure Folgen haben.
Wir, der Freundeskreis Asyl Ostfildern e.V., begleiten seit zwölf Jahren Menschen bei der Integration mit guten Erfolgen. Wir wissen um die Notwendigkeit des raschen Spracherwerbs für eine gelingende Integration. Herr Dobrindt muss diese Entscheidung zurücknehmen. Sie ist schädlich.
Ursula Zitzler, Ostfildern
Überfällige Entscheidung
Die vom Bundesinnenminister Dobrindt geplante Wende in der Asylpolitik finde ich notwendig und überfällig. Geduldete, abgelehnte Asylbewerber und Ukrainer sind nur temporär in Deutschland, und deshalb sind Sprachkurse überflüssig. Jetzt wäre eine Rückführung mit Zeitfenstern angezeigt. Die gesparten Steuergelder können in die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund, die ein Bleiberecht erhalten haben, eingesetzt werden.
Andreas Czech, Gelsenkirchen
Ein Fehler
Vielen Dank für Ihre hervorragende Einschätzung zu den sinnlosen Einschränkungen bei Integrationskursen! Seit 30 Jahren bin ich in diesem Bereich als Lehrkraft tätig und bin schockiert von dieser rücksichtslosen Fehlentscheidung. Neben den vielen integrationswilligen Menschen werden auch wir meist freiberuflich tätigen Lehrkräfte und die Träger auf eine ganz perfide Art hingehalten beziehungsweise abserviert. Ich hoffe, Ihr Bericht trägt zu einem Umdenken bei.
Cornelia Klepsch, München
Zu wenig Fakten
Als langjähriger Leser der Süddeutschen Zeitung verbinde ich mit Ihrem Haus den Anspruch an sorgfältig recherchierte und ausgewogen dargestellte Berichterstattung. Der Artikel „Was für eine sinnlose Härte“ hat mich jedoch irritiert. Aus meiner Sicht fehlt es ihm an der notwendigen Objektivität und an einer fundierten Einordnung der Sachlage. Der Beitrag wirkt einseitig argumentierend und enthält kaum belastbare Zahlen oder Hintergrundinformationen.
Gerade bei einem so sensiblen Thema hätte ich mir ergänzende Fakten gewünscht, etwa: Wie hoch ist die tatsächliche Teilnehmerquote zu Beginn von Integrationskursen? Wie viele Teilnehmende brechen die Kurse vorzeitig ab? Wie viele sind bis zum Ende regelmäßig anwesend? Welche möglichen Gründe werden politisch oder administrativ für die Einschränkung beziehungsweise Aussetzung von Integrationskursen genannt?
Statt einer differenzierten Analyse überwiegt im Artikel aus meiner Sicht eine generelle Kritik an der aktuellen Flüchtlingspolitik, ohne dass der unmittelbare Zusammenhang mit dem konkreten Thema ausreichend hergestellt wird.
Ich persönlich halte die Entscheidung, Integrationskurse zu stoppen, ebenfalls für kritisch. Gerade deshalb hätte ich mir eine fundierte, faktenbasierte Auseinandersetzung mit den Hintergründen gewünscht.
Christoph Fröhlich, Mühldorf
Wer sät, wird ernten
Wer heute Integrationskurse kürzt, sollte morgen nicht heuchlerisch über Parallelgesellschaften, sinkendes Bildungsniveau, Fachkräftemangel und Kriminalität schwafeln.
Rolf Sintram, Lübeck
Dozierende sind auch betroffen
Auch wir, die freiberuflichen Dozentinnen und Dozenten der Münchner Volkshochschule, sind von den anstehenden Zugangsbeschränkungen der Integrationskurse betroffen. Es werden nur noch sehr wenige Kurse zustande kommen und viele von uns gut ausgebildeten und erfahrenen Lehrkräften werden keine Einnahmequellen mehr haben und sich beruflich neu orientieren müssen.
Integrationskurse gibt es in Deutschland seit 2005 und sind ein Erfolgsmodell, weil sie den Menschen unter anderem aus Syrien, Afghanistan und jetzt aktuell aus der Ukraine die Chance bieten, sich bei uns ein neues Leben aufzubauen. Ich habe in meiner langjährigen Tätigkeit stets motivierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebt, die fleißig deutsche Grammatik und Vokabeln lernten, um nach 600 Stunden den B-1-Test für Zuwanderer abzulegen und danach in Deutschland beruflich Fuß zu fassen.
Meine Arbeit habe ich immer als sinnvoll und durch die vielen herzlichen Kontakte zu den Teilnehmenden als sehr bereichernd erlebt. Und damit soll jetzt Schluss sein? Ich bin fassungslos. Meine Schülerinnen und Schüler werde ich noch bis zum Sommer bis zur Prüfung begleiten. Was ich im Herbst, wenn kein Kurs mehr zustande kommt, beruflich mache und womit ich dann mein Geld verdiene, weiß ich noch nicht.
Angelika Krutisch, München
„Wir brauchen Arbeitskräfte“
Was reitet den Innenminister? Er sollte sich zusammen mit dem Bamf (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) freuen, dass die Integration bereits bei vielen gut gelungen ist und es immer noch Menschen gibt, die sich hier bei uns integrieren wollen und sich beizeiten um Arbeit bemühen, wenn sie die Sprache beherrschen.
Dann sind sie unabhängig und zahlen dem Staat auch Steuern. Gerade für Flüchtlinge aus der Ukraine ist es doch besonders wichtig, wenn sie auf eigenen Beinen stehen können. Aber stattdessen streicht Herr Dobrindt (CSU) sämtliche Kurse für Freiwillige. Dass dadurch auch eine Menge Kurse nicht mehr stattfinden können, die von Leuten besucht werden müssten, hat er wohl nicht überrissen.
Es ist schon schlimm, wenn Herr Dobrindt, ein ehemaliger gescheiterter Verkehrsminister nun als Innenminister wieder Dinge vorschlägt und am Ende beschließt, die für ganz Deutschland einfach schlecht sind. Wir brauchen Arbeitskräfte in allen möglichen Bereichen, dazu müssen sie in der Lage sein, die deutsche Sprache einigermaßen zu beherrschen. Wenn er Freiwilligenkurse abschafft, um Geld zu sparen, vergisst er ganz, welche wesentlich größeren Kosten er dadurch verursacht. Die Menschen, die nicht arbeiten können, müssen irgendwie versorgt werden: Kostet Geld. Besonders junge Menschen, die frustriert sind, weil sie nichts machen können, machen öfter dumme Sachen: Kostet Geld. Leute, die nicht arbeiten, zahlen auch keine Steuern: Kostet Geld.
Warum hat er nicht etwa die Idee, dass alle, die einen Freiwilligenkurs belegen, eine gewisse Anzahl an (freiwilligen) Sozialstunden in der jeweiligen Kommune ableisten müssen. Da gibt es überall genügend zu tun. Hat die CSU denn keinen nicht gescheiterten Politiker für eine so wichtige und komplexe Aufgabe wie die eines Innenministers?
Ingeborg Keil, Germering
Bitte überdenken
Es gibt Tage, da muss man mehr weinen als an anderen. Manchmal sind es die kleinen, manchmal die großen Probleme dieser Welt.
Warum Herr Minister Dobrindt jetzt mit so einer kleinteiligen Streichung von erfolgreichen Integrationskursen für migrantische Mitmenschen glaubt, auch nur einen AfD-Wähler auf seine Seite ziehen zu können, bleibt sein dunkles Geheimnis. Wenn es schon nicht das Christlichsoziale seiner Partei ist, das ihn leitet, müsste doch sein heller Verstand sagen, dass Menschen, die hier Deutsch lernen können, viel bessere Chancen haben, von sozialen Transferleistungen unabhängig zu werden. Ach, Herr Minister, bitte denken Sie noch mal nach.
Gerlinde Gropper, Aschau
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