Hubert AiwangerBauernpatron - oder Brachialpopulist?

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Hubert Aiwanger, bayerischer Wirtschaftsminister mit starker Affinität zu Bauernprotesten und populistischer Rhetorik (hier bei einer Mittelstands-Demo am vergangenen Sonntag auf der Münchner Theresienwiese).
Hubert Aiwanger, bayerischer Wirtschaftsminister mit starker Affinität zu Bauernprotesten und populistischer Rhetorik (hier bei einer Mittelstands-Demo am vergangenen Sonntag auf der Münchner Theresienwiese). Leonhard Simon

Über den Chef der Freien Wähler in Bayern gehen die Meinungen ebenso stark auseinander wie über seine vermehrten Auftritte bei Protestkundgebungen von Landwirten.

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"Bündnis im Beziehungsstress" vom 23. Januar und "Der Wiedergänger" vom 26. Januar und "Das freundliche Gesicht der Freien Wähler" vom 26./27. Januar:

Aiwanger - ein AfD-Wegbereiter

Hubert Aiwangers politische Kernbotschaft bestand bis vor Kurzem in der Erzählung von der vernünftigen und bodenständigen Landbevölkerung, die von den arroganten und weltfremden Stadtbewohnern bevormundet werde. Von dieser folkloristisch angehauchten Zweiteilung der Gesellschaft hat Aiwanger sich mittlerweile verabschiedet. Aiwanger predigt nun den Klassenkampf zwischen unten und oben. Unten steht für die einfachen, ehrlichen und hart arbeitenden Bürger, die von den Eliten und Taugenichtsen oben in München, Berlin und Brüssel unterdrückt werden und die sich die Demokratie zurückholen müssten.

Gleichzeitig rühmt Aiwanger sich, dass er mit seinem Politikstil der AfD in Bayern das Wasser abgrabe. Dass dem nicht so ist, zeigt der Blick nach Niederbayern. Bei der Landtagswahl erzielte Aiwanger in seinem Heimatbezirk mit 29,7 % der abgegebenen Stimmen ein Rekordergebnis für seine Partei der Freien Wähler. Im Windschatten von Aiwanger verbuchte jedoch auch die AfD in Niederbayern mit 17,9 % ihr bayernweit bestes Bezirksergebnis. Die Zahlen belegen, dass Aiwanger mit seiner brachialpopulistischen Bierzeltrhetorik der AfD den Weg bereitet und den politischen Extremismus salonfähig macht.

Roland Sommer, Diedorf

Aiwanger - ein Linker

Hat die Süddeutsche schon einmal darüber nachgedacht, was genau sie unter "rechts" versteht und ob die recht schnelle Attribuierung von Herrn Aiwanger nicht eher ein Klischee und Narrativ ist? Ich bin nicht Mitglied der Freien Wähler, kein Anhänger von Herrn Aiwanger und schon gar nicht rechts. Es stört mich aber und ich halte es für politisch kontraproduktiv, so fahrlässig, inflationär und sachlich falsch mit dem Adjektiv "rechts" umzugehen, das von der Sache her so neutral ist wie "links". Im Unterschied zu "links" nimmt die politische Rechte eine Ungleichheit der Menschen als natürlich gegeben an und unterstützt eine Hierarchie mit traditionellen Werten und Normen, wobei Freiheit des Einzelnen wichtiger ist als die soziale Gleichheit aller. Mit rechten Werten, so etwa Noelle-Neumann, verbinden Menschen neben Unterschieden auch Distanz, Autorität, Disziplin, traditionelle Umgangsformen und das Nationale. Aiwanger müsste man vor diesem Hintergrund eher als "Linken" bezeichnen. Er nimmt die Bedürfnisse und Sorgen jener Menschen auf, die sich von der Bundesregierung nicht beachtet, abgehängt und ungerecht behandelt fühlen. Er möchte Steuergelder von Deutschen auf unschuldig in Not geratene Deutsche beschränken. Er kämpft dafür, dass Bauern, Handwerker und Mittelstand sich ihr Leben leisten können.

Es ist ein Paradoxon, dass Menschen, die sich eher links verorten, von diesem Einsatz für postmoderne Proletarier nichts wissen wollen, sondern dies als "populistisch" diffamieren. Natürlich versucht Aiwanger, aus der gesellschaftspolitischen Not eine parteipolitische Tugend zu machen. Mit "rechts" hat das aber überhaupt nichts zu tun.

Thomas Gottfried, Freising

Aiwanger - ein Gescholtener

Es ist unsäglich, wie Herr Aiwanger derzeit auftritt: einerseits als polternder, antidemokratischer Schreihals auf den Bauerndemos, andererseits abschätzig über bürgerliche Massenproteste gegen Rechtsextremismus. Er überträgt allein die Möglichkeit, dass eine Minderheit der Demonstranten (links-)extremistische Ansichten vertritt, auf die gesamte Gruppe und verunglimpft damit alle friedlichen, gemäßigten Teilnehmer.

Bei meinem letzten Satz werden bei mir allerdings schale Erinnerungen wach an friedliche Proteste während der Corona-Zeit: Damals war es allerdings in der Presse üblich, wie jetzt Herr Aiwanger eine kleine (damals: rechts-)radikale Minderheit statt der zwar kritischen, aber friedlichen und gemäßigten Mehrheit in den Mittelpunkt zu stellen.

Berichtet wurde damals zum Beispiel in einem mir bekannten Fall nicht über die Organisatoren, die Regeln für die Demonstration aufstellten und radikalen Meinungen von vornherein entgegentraten, sondern über die eine Demonstrantin, die gegenüber der Presse seltsame Vergleiche zum "Dritten Reich" von sich gab. Das ist genauso unangemessen, wie linksradikale Sprüche am Wochenende bei der Großdemo gegen Rechtsextremismus in München - und sollte deshalb auch mit gleichem Maß gemessen werden.

Vor zwei Jahren aber den Organisatoren der Corona-Demos vorwerfen, dass sie es nicht schaffen, radikale Teilnehmer fernzuhalten, und nun bei Herrn Aiwanger anzuprangern, wenn er genau dies kritisiert, passt nicht zusammen.

Holger Nachtigall, Sachsenried

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