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Leserbriefe: Hochschule:Streit um die Debattenfreiheit

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit setzt sich für eine Diskussionskultur frei von politischen und moralischen Vorbehalten ein. Aber ist das nötig? Und wo liegen die Grenzen der geforderten Freiheit? Die Meinungen dazu gehen auseinander.

Ruperto Carola

Wer soll und darf in den Hörsälen reden? Die Diskussion darüber hat oft auch eine politische und moralische Dimension. Kritiker befürchten eine Einschränkung der wissenschaftlichen Debattenfreiheit.

(Foto: picture alliance/dpa)

Leserbriefe zu "Mimosenmacht" vom 5. März, "Die Empfindlichkeit kann auch zu weit gehen" vom 16. Februar sowie zu "Rettung naht" vom 4. Februar:

Ideologie schlägt Wissenschaft

Der Autor macht es sich mit seiner Polemik "Mimosenmacht" gegen das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" zu leicht. Wenn sich siebzig Professoren infolge ideologisch motivierter Übergriffigkeit an den Universitäten genötigt sehen, das als selbstverständlich vorauszusetzende Prinzip der Wissenschaftsfreiheit in Erinnerung zu rufen, müssten die Alarmglocken schrillen. Sollen Verhältnisse wie in Amerika auch unsere Gesellschaft spalten? Mit "Cancel Culture", Sprachpolizei und rücksichtsloser Identitätspolitik? Soll noch mehr Wasser auf die Mühlen der extremen Rechten gegossen werden?

Von "überbraven Uni-Milieus", wie Professor Frei sie nennt, kann keine Rede mehr sein. Vielerorts werden Studenten genötigt, sich des Konstrukts der Gendersprache zu bedienen. Tun sie das nicht, riskieren sie Nachteile. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es gendere, wer mag. Aber eine missionarisch-moralische Verordnung von oben - das geht gar nicht! Geschieht aber trotzdem.

So etwas lässt sich nicht mit etwaigen "Leitlinien guter wissenschaftlicher Praxis" zur "Reflexion der Bedeutung von Geschlecht...", auf die Professor Frei hinweist, rechtfertigen. Dies hat mit Wissenschaft sehr wenig, mit Ideologie jedoch sehr viel zu tun!

Albert Buchmeier, München

Richtungsstreit wird öffentlich

Die Suche nach der alleinigen Wahrheit, die es nicht gibt, trifft auf das vorhandene Wissen und die Erkenntnis, dass ich weiß, dass ich nichts weiß. Die individuelle Freiheit von Forschung und Lehre dient nicht dem eigenen Vorteil, oder persönlichem Ansehen, sondern ist eine verpflichtende Gemeinschaftsaufgabe im Zusammenwirken und zum Wohle aller in einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft, die unser Grundgesetz garantiert. Dazu eine Gegenbewegung zu formieren, ist ein innerer Richtungskampf, eine Entscheidung, universitäre geistige Hoheit in der Öffentlichkeit auszutragen.

Thomas Bartsch-Hauschild, Hamburg

Inakzeptable Agenda

Der Historiker Michael Sommer findet im SZ-Interview Einladungen von Rassisten wie Sarrazin und Faschisten wie Höcke an eine Universität akzeptabel. Dass die Universität, an der er lehrt, sich mit ihrer Namensgebung dem Antifaschisten Carl von Ossietzky verpflichtet hat, hielte ihn nicht davon ab, den Ungeist an die Uni zu holen. Man muss befürchten, dass das nicht mit Naivität zu erklären, sondern Teil einer politischen Agenda ist.

Dr. Norbert Gestring, Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg

Abdriften ins Moralische

Wir driften ab in eine scheinheilige, hochmoralische Gesellschaft, die keinen kontroversen Austausch will und in der eine akademische Meinungsmacher-Schickeria alles aburteilt und verurteilt, was nicht ihrer selbst definierten politischen Korrektheit oder Moral entspricht. Diese akademischen Meinungsmacher ersticken mit ihrem beständigen moralischen Verdacht eines Rassismus, eines Antisemitismus, eines Sexismus oder sonst irgendeines ...ismus jedwede missliebige öffentliche Meinung und diskreditieren sie von vorneherein, anstatt sie zu diskutieren. Die eigentlich demokratische Einstellung: "Man muss mit jedem reden" ist ihnen ein Greuel und so suhlen sie sich in ihrer Selbstverliebtheit, Woche für Woche in Talkshows, melden sich bei jeder Gelegenheit in den Medien zu Wort und riechen förmlich, ob etwas inhuman, politisch inkorrekt oder der Amoral verdächtig ist.

Vertreter missliebiger Ansichten werden in Schubladen abgeschoben. So wurde Clemens Tönnies wegen einer durchaus fragwürdigen Bemerkung sofort der Stempel des Rassisten aufgedrückt. Ein prominentes Beispiel vor ein paar Monaten war auch der Tübinger OB Boris Palmer. Anstatt über seine Ansichten zum Umgang mit der Corona-Pandemie zu diskutieren und im kontroversen Austausch zu tragfähigen Lösungen zu kommen, gebärdeten sich seine grünen Parteifreunde hochmoralisch und wollen ihm die Unterstützung bei der nächsten OB-Wahl Tübingens entziehen.

Jüngstes Beispiel wären die Äußerungen von Hansi Flick zur Corona-Pandemie. Ohne die emotional geäußerten Ansichten des Bayern-Trainers auch nur einmal zu reflektieren und zu überlegen, was Flick zu seiner Ansicht bewegt hat, folgt die Verdammung der Ansichten, sofort verbunden mit der moralischen Schelte der "Privilegierung" der Fußballprofis. "Demut" fordert SPDler Kevin Kühnert von Flick und hält eine Entschuldigung bei Karl Lauterbach für angemessen.

Da gibt es bei der Polizei wie wohl in vielen anderen Berufsgruppen Vertreter mit rechter Einstellung. Statt nun diesen mit allen juristischen Mitteln auf die Füße zu treten und sie zu belangen, wird die gesamte Polizei moralisch unter Generalverdacht gestellt und ein polizeiweites Gutachten gefordert. Hat sich da schon mal jemand auch nur im Ansatz darüber Gedanken gemacht, was das für die in größter Mehrheit aufrichtigen und anständigen Beamten bedeutet? Als gelernter Historiker frage ich mich: Sollte uns gegenüber den autoritären Staaten nicht gerade auszeichnen, dass wir mit Vernunft und Verstand Äußerungen, Meinungen und Vorgänge diskutieren und beurteilen und sie nicht beständig aus moralischen und ideologischen Blickwinkeln undiskutiert verwerfen?

Berthold Gallinat, Ottenhöfen

Grundsatzfrage jetzt stellen

Wie kann sich Norbert Frei so sicher sein, dass die Zustände an amerikanischen Hochschulen, die anscheinend auch er als Problem ansieht, nicht auch bei uns einzureißen drohen? Bislang fühlen sich vielleicht erst ein paar ewiggestrige Mimosenkollegen bedrängt, aber könnte nicht morgen bereits Herr Frei selbst betroffen sein? Um 1968 war von "repressiver Toleranz" die Rede, "Sch... Liberale" bekamen genauso ihr Fett ab wie Autoritäre und Exnazis.

Ich hielte es keineswegs für verfrüht, die Grundsatzfrage zu stellen: Wollen wir an der Idealvorstellung des herrschaftsfreien Diskurses festhalten? Oder soll zum Beispiel der Einsatz von Kampagnenmacht erlaubt sein, so sie sich gegen "legitime" Ziele richtet? Ich wäre dafür, solchen Methoden, wo und gegen wen auch immer sie angewandt werden, entschieden entgegenzutreten.

Axel Lehmann, München

Wissenschaft war nie frei

Es ist nicht möglich, der Wissenschaft einen Sonderstatus in der realen Welt zuzubilligen, der sie außerhalb der üblichen Wirkung der historischen Entwicklung platziert, zum Beispiel in den meisten fortschrittlichen westlichen Ländern, die nun mal sowohl christlich-religiös und in dem Zusammenhang bekanntlich auch kolonialistisch aktiv gewesen sind. Oder will man behaupten, dass die Wissenschaft vom Himmel gefallen ist und viele sehr einflussreiche Wissenschaftler und Philosophen, von Descartes, Newton, Kant bis Riemann und Cantor, nicht mit großem religiösem Eifer versucht haben, die Existenz Gottes zum Beispiel mittels des bekannten pythagoräischen Satzes zu beweisen.

Es geht bei der Kritik der traditionellen akademischen Meinung darum, die offensichtlichen Einflüsse der Machtstrukturen in der Gesellschaft auf die Entwicklung der Wissenschaft als Produkt der gesellschaftlichen Kultur zu klären und die daraus resultierenden Zwänge zu verdeutlichen, unter welchen sich die Wissenschaft nicht so frei entwickelt hat, wie manche Akademiker glauben machen möchten. Beziehungsweise geht es darum, diese negativen Zwänge, die im Laufe der Zeit teils als "wissenschaftliche Normen" sakrosankt wurden, zu analysieren, kritisieren und abändern zu können.

Macht und Wissenschaft sind zumindest Korrelaten, schon weil die bisherigen Mächte in wissenschaftlich führenden Nationen nicht gerade die humansten gewesen sind; auch, weil historisch gesehen bis ins letzte Jahrhundert die Entwicklung der Wissenschaft in Europa nicht frei von der Macht bekannter Diktatoren war. Es kann daher keine Rede davon sein, dass die Wissenschaft erst jetzt an die Kette gelegt wird. Denn erwähnte Traditionen, die jahrhundertelang durch den Einfluss der gesellschaftlichen Entwicklung Europas in der Wissenschaft geherrscht haben, die bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts nicht demokratisch war, kann man nicht binnen eines halben Jahrhunderts beseitigt haben.

Sollte man etwa die Zusammenarbeit von Wissenschaft und politischer Macht an den Beispielen wie Physik und Chemie im Dritten Reich oder der Atombombe in den USA als singuläre Fälle betrachten? Oder Christopher Clarks Kritik an Geschichtswissenschaften in seinem Buch "Schlafwandler" außer Acht lassen, die Kritik an vielen akademischen Büchern über den Ersten Weltkrieg, die aus den jeweiligen nationalistischen Interessen geschrieben worden sind, und bei denen die betreffenden Historiker eben nicht frei, sondern in ihren nationalen Vorstellungen gebunden waren?

Dr. Farhad Ghaboussi, Konstanz

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen. Bei Veröffentlichung werden Vor- und Nachname sowie Wohnort benannt.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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© SZ vom 09.03.2021
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