HebammenToller Beruf mit irrer Bürokratie

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Eine Hebamme tastet den Bauch einer Frau ab, die im neunten Monat schwanger ist.
Eine Hebamme tastet den Bauch einer Frau ab, die im neunten Monat schwanger ist. (Foto: Caroline Seidel/dpa)

An der gekürzten Vergütung der Geburtshelferinnen scheiden sich die Geister.  Und an der Frage, ob Deutschland kinderfeindlich ist, auch.

„Warum so viele Hebammen die Kliniken verlassen“ vom 11. November:

Kinderfeindliches Land

Mir platzt so langsam der Kragen. An dem Tag, an dem ich in der SZ von einer Kürzung der Einnahmen von Beleghebammen von 25 bis 30 Prozent durch die neue Vergütungsregelung lesen muss, wird für Rentner (bin selbst einer) eine Erhöhung ihrer Bezüge von 3,73 Prozent im Jahr 2026 verkündet. In was für einem kinderfeindlichen Land leben wir eigentlich?

Ich habe hier noch den SZ-Artikel „Geld? Rentner und Panzer!“ vom 24. Juli 2025 vor mir liegen. Dort ist diese verkehrte Welt eindringlich dargestellt. Eine vernünftige Lehre wird von unseren Sozialpolitikern und der Regierung nicht daraus gezogen. Wer dann irgendwann mal das brüchige Rentensystem durch seine Beiträge finanzieren soll, ist mir schleierhaft, zumal permanent die Notwendigkeit einer Altersanhebung für den Renteneintritt geleugnet wird. Meine Kinder und Enkel dürfen dann diese Misere ausbaden.

Christian Lutz, München

Immer nur jammern

Ich bin seit 1988 freiberufliche Hebamme, und was mich das ganze Berufsleben begleitet, ist, dass meine Kolleginnen klagen über zu viel Arbeit, zu wenig Arbeit und vor allem über die Vergütung. Jetzt haben wir endlich einen neuen Hebammenhilfevertrag, jetzt herrscht wieder Unzufriedenheit, vor allem bei den Beleghebammen.

Eine Beleghebamme arbeitet im Krankenhaus und muss anders als eine niedergelassene Hebamme keine Praxisräume anmieten. Der Strom, Bürobedarf, sogar die Dienstkleidung wird vom Krankenhaus gestellt. Ist doch verständlich, dass die Beleghebamme für die gleiche Leistung „Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden“ etwas weniger Geld erhält als die niedergelassene Hebamme, welche auch nicht zwei bis drei Frauen gleichzeitig betreut.

In großen Kliniken hatten Hebammen bisher einen Stundenlohn von 140 bis 180 Euro. Vielleicht haben sich die Krankenkassen mal ein paar Steuererklärungen von Beleghebammen geben lassen.

Kleines Rechenbeispiel: Frau A ist im Kreißsaal mit leichten Wehen, dafür erhält die Hebamme circa 54 Euro pro Stunde. Kommt in dieser Zeit Frau B, weil sie über dem errechneten Termin ist, kann die Hebamme auch dies mit circa 20 Euro pro Stunde plus CTG abrechnen. Sie vergessen: Die Gebärende bleibt in dieser Zeit allein.

Ich verstehe einige Kritikpunkte, wie den enormen Schreibaufwand, weil auf fünf Minuten genau aufgeschrieben werden muss. Kleine Häuser haben durchaus Probleme, denn auch wenn keine schwangere Frau da ist, muss die Beleghebamme vor Ort sein – für null Euro. Und natürlich stehen halt dann auch mal drei Frauen gleichzeitig vor der Tür.

Auch bei der Wochenbettbetreuung hat sich einiges geändert. Wurden wir bisher pro Hausbesuch bezahlt, wird jetzt im Fünf-Minuten-Takt abgerechnet. Um auf das gleiche Geld zu kommen, muss ich nun „trödeln“, wie mir neulich eine langjährige Hebamme sagte. Ist doch schön, dass wir in dieser hektischen Zeit fürs langsamere Arbeiten bezahlt werden.

Und warum haben wir diesen Vertrag? Weil sich unsere Berufsverbände bis aufs Messer bekriegen. Beziehung geht vor Inhalt! Hätten sich die zuständigen Berufsverbände geeinigt, hätten wir einen anderen Vertrag. Aber nein, die Krankenkassen sind wieder die Bösen. Ich muss hier anonym bleiben, da ich als Hausgeburtshebamme immer wieder Frauen ins Krankenhaus bringen muss und von den Beleghebammen abhängig bin.

Ich bin (meist) mit meiner Arbeit zufrieden, verdiene wirklich gut und finde, dass ich den „schönsten Beruf der Welt“ habe. Mir stinkt auch einiges, aber dies für ein anderes Mal.

Anonyme Hebamme (Name und Adresse sind der Redaktion bekannt)

Dumme Kassenbürokratie

Als ehemaliger Kassenarzt kenne ich die Dummheiten der Kassenbürokraten. Ein Beispiel: 13 Jahre nach Akupunkturbehandlungen – da war ich schon zehn Jahre im Ruhestand – kamen Rückforderungen wegen zu allgemeiner ICD-Verschlüsselung der Diagnosen. Diese Präzisierungen wurden allerdings erst fünf Jahre nach den Behandlungen veröffentlicht.

Damals ging es nur um Geld, hier geht es um die Gesundheit der Gebärenden. Man fragt sich schon, wenn die Abrechnungsstelle der Hebammen in der Lage ist, die Folgen zu berechnen, warum die Kassen dazu nicht in der Lage sind. Manchmal reicht es auch, mit betroffenen Hebammen zu reden. Und manchmal reicht auch der gesunde Menschenverstand, dass mehrere Schwangere in einer Stunde nicht weniger Arbeit bedeuten, sondern Dauerstress, auch ohne schwachsinnige Minutendokumentation.

Dr. Hans Jungk, München

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