Leserbriefe zu KlassikernBitte genauer lesen!

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Taugen Goethe und Schiller als nationalistische Posterboys?
Taugen Goethe und Schiller als nationalistische Posterboys?
Monika Skolimowska/dpa

Der ehemalige Verleger Jörg Bong nimmt die AfD-Forderung auf, den Literaturklassikern mehr Raum in den Schulen und am Theater zu geben – weil Goethe, Schiller und Heine nämlich oft der nationalistischen Ideologie widersprächen. So einfach? Lektürenachhilfe der Leserinnen und Leser.

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Gastbeitrag „Hört auf die AfD, lest deutsche Klassiker!“ vom 31. Mai/1. Juni:

Fichtes Universalismus

Der mit ironischem Titel versehene Artikel von Jörg Bong bringt den deutschen Nationsbildungsprozess gut auf den Punkt: Bei den von der AfD empfohlenen Klassikern handelt es sich nicht um nationale Vordenker, sondern um Protagonisten des „Universalismus“ (nicht des „Kosmopolitismus“!) und eines virtuellen Weltbürgertums. Nur in einem Punkt liegt Bong völlig daneben: in der Einschätzung Fichtes und dessen „Reden an die deutsche Nation“ von 1808. Sie sind eben nicht (wie die landläufige Lesart gebetsmühlenartig wiederholt) der „Nukleus eines fatalen esoterisch-völkischen Nationalismus“, sondern ebenfalls ein universalistischer Appell an die deutsche Nation, voranzugehen beim Aufbau einer Weltbürgergesellschaft.

Nicht von ungefähr hielt Fichte die Reden explizit als Fortsetzung seiner im deutschen Entscheidungsjahr 1806 gehaltenen Vorlesungen über die „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“, die durch und durch universalistisch ausgerichtet waren und mit dem Vorsatz begannen: „Der Zweck des Erdenlebens der Menschheit sey der, dass sie in demselben alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte.“ Später hielt Fichte die „Reden an die deutsche Nation“ als eine ideelle „Fortsetzung der Vorlesungen, die ich im Winter vor drei Jahren allhier an derselben Stätte gehalten“ habe. Fichte blieb seinem universalistischen Grundgedanken treu und sah in der deutschen Nation nur ein Mittel zum Zweck der Erreichung seines universalistischen Ideals.

Geschichte ist nicht so einfach, wie Herr Bong sich das vorstellt: auf der einen Seite die Guten und auf der anderen Seite die Bösen. Geschichte ist vielfältig, komplex und „grau“, wie der große, viel zu früh verstorbene Münchner Ordinarius Thomas Nipperdey einmal treffend formulierte.

Prof. Dr. Klaus Ries, Berlin

Unbeabsichtigte Aufforderung

Die Absicht des Autors, die AfD mittels Argumenten und geschichtlicher Herleitung bloßzustellen, ist löblich, dennoch in Sprache und Stil, dem Ansinnen nach, nicht zutreffend. Populistischen, verklärenden Äußerungen muss mit einer eindeutigen, unmissverständlichen, treffenden Sprache entgegnet werden. Eine eher literarische, romanhafte Ausdrucksweise verfehlt daher ihre Adressaten. Kaum ein AfD-Sympathisant oder -Wähler wird sich der nötigen Lesemühsal hingeben, um die eigentliche Aussage des Artikels zu ergründen.

Im Artikel gelangt man über Schiller, Goethe, Heine, Novalis, Hölderlin, Hegel, Kant, Schlegel, Fichte im Zeitraffer vom 18. Jahrhundert bis in die AfD-Gegenwart im 21. Jahrhunderts. Nur haben leider die Ausführungen des Karl Marx zur deutschen Ideologie (1845) am Beispiel von Ludwig Feuerbach keine Erwähnung gefunden. Ansonsten sind alle vertreten. Welche Ehre wird dieser Partei zuteil! Hat sie es geschafft, im historischen Kontext des ureignen Deutschtums verankert zu werden.

Auch der Titel des Artikels regt nicht zum Lesen an, eher ruft er Unverständnis hervor und gibt vielfältigen Interpretationen freien Lauf. Eher dem Ansinnen konträr, bleibt dem flüchtigen Abonnenten/Leser der Titel „Hört auf die AfD, lest die deutschen Klassiker!“ als die unbeabsichtigte Aufforderung im Sinn. Nur eine kurz gefasste direkte, fundierte Sprache kann in Ihrer Eindeutigkeit populistische, verführerische Aussagen entzaubern.

Volker Boeckelmann, München

Philologisch unredlich

Dass die AfD die Klassiker empfiehlt, diese aber kaum versteht, überrascht wenig. Überraschender aber ist, dass Jörg Bong philologisch unredlich arbeitet, wenn er in einer Sichtung von Klassikertexten nachweisen will, dass die Klassiker mit der Nation wenig am Hut hätten, sondern vielmehr einem Weltbürgertum huldigten.

Unsauber ist Bong in seinem Eklektizismus. Er klaubt aus den Klassikern gerade die Zitate, welche zu seiner These passen. Daneben vertauscht er Titel. Schiller will keineswegs das „Menschengeschlecht“ ästhetisch erziehen und schon gar nicht als „Imperativ“. „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ stammt von Lessing. Schiller hat in „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ das Individuum vor Augen: Nach dem Verlust der in der Antike bewunderten Totalität von Individuum und Gattung durch den Fortschritt der Moderne sieht Schiller das Ideal nicht im (vernünftigen) Staat, sondern im Reich des „schönen Scheins“, damit in der Ästhetik des Einzelnen. Der „ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.

Neben „Deutsche Größe“, was Bong richtig zitiert, ist „Der Antritt des neuen Jahrhunderts“ von Bedeutung. Es endet ganz im Sinne der „ästhetischen Erziehung“ so: „In des Herzens heilig stille Räume / Mußt du fliehen aus des Lebens Drang, / Freiheit ist nur in dem Reich der Träume, /Und das Schöne blüht nur im Gesang.“

Warum ist das so? Franzosen und Briten haben schon als Nationen die Welt erobert und aufgeteilt, sodass der angesprochene „Edle Freund“ auf „allen Länderkarten“ umsonst nach einem Gebiet späht, „wo der Freiheit ewig grüner Garten … blüht.“

In seinen frühen Werken wollte Schiller sehr wohl eine politische deutsche Nation: „Aus Deutschland soll eine Republik werden.“ („Die Räuber“.) Der Abscheu vor der Terreur der Französischen Revolution und das Fait accompli der napoleonischen Eroberungskriege haben Schiller resignieren lassen, was die Bildung einer deutschen Nation anging. Seine neue Perspektive war eben „das Reich des schönen Scheins“. Dennoch knüpft der Historiker Schiller auch im Spätwerk immer wieder an die Idee des (vernünftigen) Nationalstaats an: Wallenstein begehrt auf gegen eine korrupte, machtbesessene Monarchie, in der „Jungfrau von Orleans“ und im „Wilhelm Tell“ werden die nationalen Utopien, weil für sie bei den Deutschen derzeit kein Platz ist, eben nach Frankreich und in die Eidgenossenschaft verlegt. Solch differenzierte Betrachtung finden wir weder bei der AfD noch bei Jörg Bong. Warum wird Kleist ausgelassen?

Michael Seeger, Merzhausen

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