Söders Hartz-IV-Attacke:Reich an Arroganz, arm an Empathie

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Söders Hartz-IV-Attacke: Kräftige Sprüche zeichnen Gillamoos-Bierzeltreden aus. Markus Söder (Bild) handelte sich Kritik ein für Abschätziges zu Hartz-IV-Empfängern.

Kräftige Sprüche zeichnen Gillamoos-Bierzeltreden aus. Markus Söder (Bild) handelte sich Kritik ein für Abschätziges zu Hartz-IV-Empfängern.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Despektierliche Äußerungen des CSU-Chefs beim Gillamoos provozieren einen SZ-Leser und lassen nichts Gutes für den nächsten Wahlkampf erwarten.

"Irgendwo zwischen Gaudi und populistischem Kalkül" und Kommentar "Söders Hartz-IV-Äußerungen sind schwer erträglich", beides vom 7. September:

Politischer Gendefekt - so und nicht anders kann man den oben genannten peinlichen Bierzeltauftritt kommunal- und regionalpolitischer Mandats- und Verantwortungsträger nur noch bezeichnen. Schon allein das fragwürdige Medium Bierzelt sollte in so ernsten Zeiten wie den gegenwärtigen zunehmend an Bedeutung verlieren. Gerade wer selbst im Bierzelt sitzt oder palavernd steht, sollte tunlichst nicht den ersten Maßkrug werfen. Und dennoch passiert dieses soziokulturelle Ritual in schöner Regelmäßigkeit immer wieder, und zu den ersten verbalen Maßkrug-Werfern zählt der gerade amtierende bayerische Ministerpräsident.

Nur gut, dass wahrscheinlich ein Großteil seiner Zuhörerschaft aus Langzeitopfern verfehlter bayerischer Bildungspolitik besteht und Diogenes für eine seltene Diagnose hält. Ebenso gut zu wissen, dass Markus Söder einmal bayerischer Kurzzeit-Gesundheitsminister war. An deutlich Schwächeren wie zum Beispiel der bayerischen SPD oder jetzt Hartz-IV-Beziehern sein provinzpolitisches Übermütchen zu kühlen war immer schon eine ausgewiesene intellektuelle Spitzenleistung von ihm. Das erklärt auch, dass hoch bezahltes Direktionspersonal einer exakt zu diesem fragwürdigen Zweck unterhaltenen politischen Akademie glaubt, aus dem Kaffeesatz solcher unqualifizierten Äußerungen noch Spuren von Sinnhaftigkeit finden zu müssen, während sozialpolitisch engagierte und täglich mit Armut konfrontierte Menschen durchaus imstande sind, den hohen Grad an bewusster Beleidigung und Geringschätzung herauszuhören.

Warum verschweigt Söder den wichtigen Tipp, bei der nächstbesten Gelegenheit statt Koffer zu schleppen nämliche durch Gewinne aus Maskendeals und mit Corona-Test gehörig zu füllen nebst Kontaktdaten, wenn nicht aus falsch verstandener Rücksichtnahme auf andere Nebenerwerbsinteressenten? Wenn die genannten CSU-Repräsentanten dumme Sprüche und Bierzelte als wichtige Bestandteile ihrer Partei-DNA reklamieren, dann erklärt dies auch die autosomale Dominanz ihres Führungspersonals. Unterm Strich sind ihre vermeintlichen Kandidatenstars lediglich verblasst, die immer wieder zur Spätsommerszeit im "Killermooser" Bierdunst kurz aufleuchten.

Apropos Sternchen: Ein solches sollte sich die CSU gerade im Hinblick auf ihren bereits auf Hochtouren laufenden Wahlkampfmodus unbedingt am rechten oberen Rand anheften mit dem Hinweis, dass sich in Wahlbroschüren und -reden gelegentlich Spuren einstiger christlicher und sozialer Gesinnung finden können. Für eine Allergie reicht es allemal.

Dr. med. Christian Deindl, Nürnberg

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