PflegeversicherungSolidarität pflegen

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Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.
Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Christoph Schmidt/dpa

Betrifft die Pflegereform wirklich alle – oder werden Kinderlose zu stark in die Pflicht genommen?

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„Sollen Kinderlose mehr Geld in die Pflegeversicherung einzahlen?“ und „Diese Reform betrifft fast alle“ beide vom 6. Juni, „Das ist doch irre“ vom 26. Mai:

Kinderlose als Sündenböcke

Die Diskussion über höhere Pflegebeiträge für Kinderlose erscheint auf den ersten Blick plausibel: Eltern ziehen Kinder groß und sichern damit die zukünftigen Beitragszahler des Systems. Doch genau diese Sichtweise greift zu kurz. Sie reduziert gesellschaftlichen Beitrag auf eine einzige Dimension und blendet viele andere Formen der Verantwortung aus. Kinderlose (die nicht immer unbedingt freiwillig kinderlos sind) finanzieren den Sozialstaat ebenfalls – durch Steuern, Sozialabgaben, Konsum, Investitionen und oft durch eine hohe Erwerbsbeteiligung. Viele kümmern sich zudem um pflegebedürftige Eltern oder Angehörige.

Ich selbst gehöre zur Babyboomer-Generation, habe mich um die Pflege meiner Eltern gekümmert und stehe seit fast 50 Jahren Vollzeit im Berufsleben – und werde das auch noch weiterhin tun. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Eltern einen wichtigen Beitrag leisten. Natürlich tun sie das.

Die eigentliche Frage lautet: Warum wird das Finanzierungsproblem der Pflegeversicherung immer wieder auf Kinderlose verlagert? Die Alterung der Gesellschaft war seit Jahrzehnten bekannt. Die Belastungen durch die Babyboomer waren vorhersehbar. Dennoch wurde die Pflegeversicherung politisch so gestaltet, dass sie heute an ihre Grenzen stößt.

Wer nun Kinderlose stärker belastet, behandelt nicht die Ursache des Problems, sondern sucht nach einer Gruppe, der man die Rechnung präsentieren kann. Eine nachhaltige Pflegereform müsste über Demografie, Kapitaldeckung, Produktivität und eine breitere Finanzierungsbasis sprechen. Die Pflegeversicherung benötigt Strukturreformen. Kinderlose brauchen keinen weiteren Sündenbockstatus.

Hanne Bänsch, Dormitz

Spaltung der Gesellschaft

Das Thema Zusatzbeitrag zur Pflegeversicherung durch „Kinderlose“ wird leider zu wenig thematisiert. Wenn der anfängliche Zusatzbeitrag von 0,25 im Jahr 2006 jetzt schon auf 0,7 Prozent steigt, ist zu fragen, wo die Grenze ist. Werden überhaupt alle Kinder Beitragszahler beziehungsweise pflegende Angehörige? Es pflegen auch viele Kinderlose Verwandte. Viele Kinderlose sind in Steuerklasse 1 und zahlen ohnehin mehr Steuern. Kinderlose zahlen für Einrichtungen, von denen sie als Nichteltern nichts haben. Kinderlose bekommen kein Elterngeld, keinen Kinderfreibetrag, keine kinderbezogenen Steuervorteile, Ermäßigungen … die Reihe ließe sich weiter fortführen.

Es ist gut und richtig, dass es Vergünstigungen und Ausgleiche für Familien mit Kindern gibt; nur kann gefragt werden, kann das ausreichend ausgeglichen werden, und wann wäre dies der Fall: Wenn alle Kosten für Kinder gegengerechnet sind? Dieses Ausspielen von Kinderlosen und Eltern führt noch mehr zur Spaltung und Entsolidarisierung der Gesellschaft. Es werden tatsächlich nur größere Reformen und Visionen die Gesellschaft wieder einen, Kleinstaaterei und Ausspielen der Bevölkerung war in Deutschland noch nie zielführend, sondern oftmals verheerend. Pflegen wir wieder Solidarität!

Detlef Rüsch, Landshut

Pflegebedürftigkeit verhindern

Pflege verhindern, nicht nur finanzieren: Die Diskussion über steigende Pflegekosten und den drohenden Kollaps des Pflegesystems greift aus meiner Sicht häufig zu kurz. Viel stärker müsste darüber gesprochen werden, wie Pflegebedürftigkeit verhindert oder zumindest hinausgezögert werden kann. Ein zentraler Schlüssel dafür ist meiner Ansicht nach die geriatrische Rehabilitation.

Der Grundsatz „Reha vor Pflege“ existiert zwar seit Jahren, wird aber in der Praxis oft nicht konsequent genug umgesetzt. Dabei zeigen geriatrische Rehabilitationsmaßnahmen, stationär wie ambulant, immer wieder beeindruckende Erfolge. Ein großer Teil älterer Patientinnen und Patienten kann danach wieder in die gewohnte häusliche Umgebung zurückkehren, anstatt dauerhaft pflegebedürftig zu bleiben oder in ein Pflegeheim wechseln zu müssen.

Das bedeutet nicht nur mehr Selbstständigkeit, Würde und Lebensqualität für ältere Menschen. Es bedeutet auch eine massive Entlastung der Pflegeversicherung. Jeder vermiedene oder verzögerte Pflegeheimplatz spart langfristig erhebliche Summen und reduziert zugleich den Druck auf das Pflegepersonal und auf die Angehörigen.

Umso mehr stellt sich die Frage, warum geriatrische Rehabilitation gesundheitspolitisch noch immer nicht deutlich stärker priorisiert wird. Ebenso sollte geprüft werden, ob nicht die Pflegeversicherung selbst stärker als Kostenträger eingebunden werden müsste, da dort letztlich auch der größte wirtschaftliche Nutzen entsteht.

In einer alternden Gesellschaft darf Pflege nicht erst beginnen, wenn Selbstständigkeit bereits verloren gegangen ist. Der entscheidende Hebel liegt davor: in Prävention, Aktivierung und Rehabilitation.

Steffen Kernstock, Ansbach

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