Geschlechtergerechte SpracheSind wirklich alle mitgemeint?

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Mit Sternchen, Unterstrich, Doppelpunkt oder gar nicht? Die Anweisung des Kulturstaatsministers hat eine alte Debatte neu angestoßen.
Mit Sternchen, Unterstrich, Doppelpunkt oder gar nicht? Die Anweisung des Kulturstaatsministers hat eine alte Debatte neu angestoßen.
Uli Deck/dpa

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer untersagt seinen Mitarbeitenden das Gendern mit Sternchen und Binnen-I. Sollten weitere Behörden dem Vorbild folgen? Die SZ-Redaktion ist in der Frage gespalten, die Leserschaft ist es ebenfalls.

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Pro und Contra „Ist es richtig, dass offizielle Stellen das Gendern verbieten?“ vom 9./10. August:

Sprache ist geschlechtsneutral

Die Idee des Genderns entsprang einst nicht besten Absichten, wie der Pro-Autor meint. Die Gender-Aktivisten wollen latente gesellschaftliche Gewaltverhältnisse durch Sprache sichtbar machen und brechen. Wenn man mitmacht, gibt es eine Belohnung, man wird ein besserer Mensch. Aber soziale Probleme lassen sich nicht symbolisch lösen, das ist Augenwischerei. Trotz feministischer Linguistik – einer „Erfindung“ aus der akademischen Provinz – nimmt Gewalt gegen Frauen zu, während gleichzeitig an der Finanzierung von Frauenhäusern gekürzt wird.

Behördendeutsch soll, auch ohne Nachschlagewerke zu benutzen, klar und verständlich sein. Es braucht dabei nicht zu versuchen, die in der Verfassung garantierte Gleichheit in Gendersprache zu übersetzen, wie der Contra-Autor meint. Die deutsche Sprache und Grammatik sind geschlechtsneutral, da braucht es kein Gendern.

Dr. Kurt Kaehn, Großostheim

Generisches Maskulinum hat ausgedient

Zunächst zu meinem Hintergrund: Ich bin gelernter Schriftsetzer, der noch die einzelnen Bleilettern per Hand aus dem Setzkasten genommen hat und zu Texten fügte. Später habe ich mein ganzes Berufsleben weiterhin der Kommunikation gewidmet; in klassischer Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Immer ging es mir um gute, verständliche und effektive Kommunikation zwischen Absender und Adressaten. Zum Thema: Das maskuline Generikum hat ausgedient. Es ist eine nicht hinzunehmende Arroganz zu meinen, dass mit „Ärzte genießen hohes Ansehen in der Gesellschaft“ auch deren Kolleginnen selbstverständlich beinhaltet seien.

Nun geht es mir aber um korrektes Gendern, dabei darf die Sprache allerdings nicht verballhornt werden, indem Ärzt*innen, ÄrztInnen oder Ärzt_innen geschrieben – oder auch gesprochen – wird, denn „Ärzt“ ist nicht der Plural von Arzt. Schreiben wir also: „Ärztinnen und Ärzte genießen hohes Ansehen in der Gesellschaft.“ Das soll uns doch die Anerkennung für diese Berufsgruppe wert sein. Ansonsten hilft uns doch das Partizip 1 ganz wunderbar weiter, wenn es um Studierende, Zuhörende oder Besserwissende geht. Die Genderthematik auf Sternchen, Binnen-I und Unterstrich zu reduzieren und damit zu diffamieren, finde ich absolut unzulässig.

Wolfgang Brunecker, Wuppertal

Akademische Kunstsprache

Auf die Frage „Ist es richtig, dass offizielle Stellen das Gendern verbieten?“ kann es meines Erachtens nur eine vernünftige Antwort geben: Ja, es ist richtig, und ja, es ist längst überfällig! Den Propagandisten der sogenannten „gendersensiblen Sprache“ ist es zwar gelungen, den Mythos von der deutschen Sprache als „Männersprache“ in die Welt zu setzen – ein nahezu peinlicher Irrtum, der allerdings von sämtlichen öffentlich-rechtlichen Medien weiterverbreitet wird. Ein Antrieb für die Entstehung des Genderjargons war nicht zuletzt die in der feministischen Linguistik vorherrschende Geringschätzung des männlichen Wesens. Ideologische Abneigung ist aber keine seriöse Basis für wissenschaftliche Arbeit. Warum sollte eine akademische Kunstsprache weiterhin praktiziert werden? Sie wird von circa 80 Prozent der Bevölkerung abgelehnt und ihr Gebrauch von vielen als übergriffig empfunden. Erst mit der Gendersprache ist das Deutsche sexistisch geworden, denn bei jedem Sprachakt muss das biologische Geschlecht sprachlich markiert werden, egal, ob der Kontext das verlangt oder nicht. So lässt sich die Sprachgemeinschaft gut spalten. Trotzdem wird in den öffentlich-rechtlichen Medien, in Behörden und Universitäten beharrlich weiter gegendert. Wenn also jetzt Kulturstaatsminister Weimer sich zu einer Empfehlung durchringt, in offiziellen Stellen das Gendern zu unterlassen, wäre dies ein zarter Versuch, wissenschaftlicher Wahrheit gegenüber ideologischem Irrglauben Geltung zu verschaffen.

Albert Buchmeier, München

Ein Hauch Trumpismus

Grundgesetz Artikel 5, Absatz 1: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Bevor sich Herr Weimer als selbsternannter Sprachpolizist betätigt, sollte er einen Blick in die Verfassung werfen. Ein Geruch von Trump schwebt in den Gängen von Weimers Behörden. Und bald auch in deutschen Universitäten? Wehret den Anfängen.

Dr. Ralph Bürk, Engen

m/w/d

„Keine Frage, beides [Genderstern und Binnen-I] sind Hilfskonstruktionen, und sie werden sich im Alltagssprech der allermeisten Bürger wohl nie durchsetzen.“ Warum sieht Jonas Junack die Gendersprache einerseits als notwendig für die Inklusion aller Menschen an, andererseits dieses Ergebnis von über vierzig Jahren Sprachpolitik als ungeeignet für den Alltag der breiten Masse? Weil sie ewig in ihrem Sexismus gefangen bleibt und auf die Führung einer Elite angewiesen ist? Eine Alternative kommt weder von Junack noch von Wolfram Weimer, daher jetzt von mir: In veröffentlichten Texten (und auch in der Alltagssprache) könnte man wild durcheinander zwischen weiblicher und männlicher Form wechseln, dahinter folgt regelmäßig (m/w/d). Nach dreißig bis fünfzig Jahren ist die alte Bedeutung von Femininum und Maskulinum fast vergessen, zumindest aus dem Bewusstsein verdrängt. Dann behält man nur noch eine Form ohne (m/w/d), vielleicht die kürzere. Dann wird das Geschlecht in der Sprache unsichtbar sein wie Religion, Nation und Haarfarbe.

Henning Fritsches, Rothenburg

Verwaltungsdeutsch ungeeignet

Die Rechtschreibreform war ein ziemlich missglückter Versuch, der deutschen Orthografie die Unlogik auszutreiben. Mit dem Ergebnis, dass viele Mensch auch dreißig Jahre danach noch unsicher sind, wie sie schreiben sollen.

Nun rollt eine neue Welle heran. Es geht dabei nicht mehr nur um technische, innersprachliche Regeln. Nein, die Sprache soll nun zum Vehikel in eine bessere, gerechtere Welt umgebaut werden, in der jeder sich ganz persönlich vom Staat gesehen fühlt. Ein Alptraum, den man sonst eigentlich nur in totalitären Staaten erleben musste. Bisher hat sich die Mehrheit des Publikums davon noch nicht überzeugen lassen. Vielleicht wird sich das schon in wenigen Jahren geändert haben. Dann, aber nicht vorher, ist die Zeit reif.

Ich verstehe Wolfram Weimers Direktive einfach so, dass eine Verwaltung nicht der Ort ist, wo jedes Referat neue Sprech- und Schreibweisen ausprobieren sollte. Was aus einer Behörde kommt, gilt als korrekt, ja als offiziell vorgeschrieben. Soweit sind wir noch nicht. Wollte sich der Kulturstaatsminister aber irgendwann einmal dazu aufschwingen, volks- und sprachpädagogisch zu wirken, dann sollte er dafür schon verdammt gute Gründe haben.

Axel Lehmann, München

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