Rassismus:Wie die Kartoffel den Diskurs spaltet

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Rassismus: Die neue Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes Ferda Ataman.

Die neue Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes Ferda Ataman.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Die Provokationen von Ferda Ataman stellen ihre Wahl zur Antidiskiminierungsbeauftragen infrage - gleichzeitig weisen sie auf Rassismus in Deutschland hin.

"Falsche Wahl" vom 4. Juli, "Kartoffeln und Kontext" vom 6. Juli und "Talent zur Unruhestiftung" vom 8. Juli:

Ungesund provozierend

Constanze von Bullion verkennt meiner Meinung nach den Unterschied zwischen dem Stiften von Unfrieden durch Spaltung und einer intellektuell anspruchsvollen Infragestellung althergebrachter Sichtweisen. Die "Kartoffel"-Analogie von Ferda Ataman ist eine Beleidigung, die nicht nur einfach dämlich ist, sondern auf ungesunde Weise einen spaltenden Diskurs provoziert. Italienische Zuwanderer wurden lange mit ähnlichen - sich aufs Essen beziehenden - Worten diskriminiert: Wo liegt der Unterschied zu den angeblich Kartoffeln verspeisenden Deutschen?

Beide Titulierungen sind stigmatisierend. Das Argument mit der Mehrheitsgesellschaft ist eine Ausflucht: Viele Deutsche essen kaum noch Kartoffeln, sondern bestellen Pizza. Aber vielleicht werden sie demnächst beim Dönerkauf zögern und überlegen, ob das überhaupt noch gut für sie ist. Schließlich sind Kartoffeln vegan.

Sebastian Bernard Dégardin, Hamburg

Aufwertung des Amtes

Verletzt eine Kolumnistin - und um eine Kolumne mit ironischem Grundton handelte es sich bei Ferda Atamans kritisiertem Knollen-Artikel - ernsthaft die Gefühle der Menschen, wenn sie sich heiter-amüsiert zum Beleidigungspotenzial der Bezeichnung "Kartoffel" äußert? Nein.

Die von Peter Fahrenholz bemühten Belege für seine Pauschalkritik zeigen, dass Ferda Ataman als Journalistin und Medienpolitikerin ein sehr gutes Gespür für Diskriminierungstatbestände und deren gesellschaftliche Auswirkungen bewiesen hat. Und sie sprechen dafür, dass sie Wege gefunden hat, diese antidemokratischen Sachverhalte so aufzugreifen und zu kommentieren, dass sie zu Debatten führten, anstatt bedauernd weggenickt oder rhetorisch banalisiert zu werden.

Das Amt der Antidiskriminierungsbeauftragten verlangt Scharfsinn, Mut und langen Atem. Alles das bringt Ferda Ataman mit. Und sicherlich wird sie im Amt nicht immer die Zustimmung der CSU finden, Herr Fahrenholz. Doch die Ampel wird bald feststellen können, dass ihre Personalentscheidung nicht immer zu Friede, Freude, Döner Kebap führen wird, aber sicherlich zu einer Schärfung des Profils dieses Amtes und zu dessen Aufwertung.

Anton Rütten, Köln

Vom Rassismus betroffen

Carim Soliman hat recht mit seinem Kommentar. Weil er sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Haut des vom Rassismus Betroffenen versetzen kann. Der Kommentar von Peter Fahrenholz ist nicht schlecht, aber er versteht offensichtlich die vom Rassismus Betroffenen nicht. Jemand "Kanaken" zu nennen, ist eine der widerlichsten rassistischen Beleidigungen überhaupt. Das mit der "goldenen Kartoffel" für diskriminierende Presseberichte zu vergleichen, zeugt nicht von Empathie für die von Rassismus Betroffenen.

Rolf Werner, Stolberg

Einseitiger Rassismus

Mit ihrem "Talent zur Unruhestiftung" sei Ferda Ataman bestens als Diskriminierungsbeauftrage geeignet, meint Constanze von Bullion, denn "Schönrednerinnen taugen für diesen Job nicht". Wie logisch zwingend ist diese Argumentation, wenn Atamans öffentliches Auftreten "Menschen gekränkt" hat? Wenn "Unruhe stiften" darin besteht, andere vor den Kopf zu stoßen?

Constanze von Bullion verkürzt die Kritik an Ferda Ataman in einseitiger und parteiischer Weise. Sie spricht von "wochenlanger Medienhäme", "weinerlichem Geheul aus der Mehrheitsgesellschaft". Würde sie den migrantischen Kritikerinnen von Ataman eine Stimme geben, würde das eigentliche Problem sichtbar: "Frau Ataman blendet jedoch sowohl den Rassismus gegenüber nicht muslimisch geprägten MigrantInnen wie auch gegenüber Minderheiten aus der Türkei, Menschen aus Asien, aus Südamerika oder slawischen Ländern aus, wie auch den von MigrantInnen selbst ausgehenden Rassismus gegenüber anderen ethnisch-religiösen Minderheiten." (Quelle: Offener Brief an die Fraktionsvorsitzenden von Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung, vom 23. Juni.)

Nein, Schönrednerinnen brauchen wir nicht für den Job der Diskriminierungsbeauftragten. Aber Menschen in verantwortlicher öffentlicher Position sollten persönliche Kränkungen verarbeitet haben, selbstkritisch sein und kritisch einer Ideologie begegnen, die pauschal die nicht migrantische Bevölkerung als rassistisch diskriminiert. Und man sollte nicht einseitig die Interessen der eigenen Migrationsgruppe vertreten. Bei Ataman sehe ich diese innere Freiheit nicht.

Wolfgang Rostek, Germering

Perspektivwechsel

Carim Soliman geht das Thema Rassismus aus der Perspektive der "Angerempelten" an. In der Mehrheitsgesellschaft wimmelt es von unsicheren Menschen, die sich nie wirklich eine eigene Meinung geleistet haben, die immer "bemüht" sind, mit dem Strom zu schwimmen, ja nicht unangenehm aufzufallen. Sie versammeln sich deshalb hinter Menschen, wie Horst Seehofer, der an Merkels 69. Geburtstag "witzelt", dass er an diesem Tag 69 Asylbewerber mit einem stinketeuren Flug zurück nach Afghanistan abgeschoben habe. Ach, es ist ja so schön, auf anderen herumzutrampeln, statt zu den Betrampelten zu gehören.

Hans von Stebut, Taufkirchen

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