Gasknappheit:AKWs abschalten und Energie sparen

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Gasknappheit: SZ-Zeichnung: Denis Metz

SZ-Zeichnung: Denis Metz

Das fordern SZ-Leser. Sie treibt die Sorge eines möglichen GAUs um, sollten die Kernkraftwerke länger laufen als geplant. Zudem könnte sich diese Technologie, die die künftigen Generationen schwer belastet, wieder etablieren.

"Atomkraft, ja bitte" vom 23. Juli, "Widerstand gegen Atomkraft bröckelt" und "Tausche Tempolimit gegen Atomkraft" vom 19. Juli, "Streit um den Streckbetrieb" vom 21. Juli und weitere Artikel:

Risse in den Rohren

"Der Atomausstieg muss warten, denn die Welt hat sich gravierend verändert", heißt es in der SZ. Das Risiko der sich vertiefenden Risse in den Rohren der AKWs verändert aber nichts. Wir bewegen uns immer mehr auf den GAU zu, dass ein Rohr ganz reißt und radioaktiver Dampf austritt. Max Hägler erwähnt zwar, dass in einem TÜV-Gutachten "keine Bedenken" steht, aber wird dieser TÜV die Verantwortung übernehmen, wenn in der verlängerten Laufzeit ein Störfall mit radioaktiver Verseuchung eines Landstrichs und womöglich Unbewohnbarkeit einer Gegend eintritt? Das Kleinreden der Sicherheitsrisiken ist ein Fake im Sinne der Atomlobby. Nachdem diese sich wieder offensiv aus der Deckung wagt, wird es Zeit für Antiatomdemonstrationen.

Albert Hartl, Eichenau

Fokus auf erneuerbare Energien

Statt mit Überlegungen über die Laufzeitverlängerung von AKWs unnötig Zeit und Kraft zu verlieren, bedarf es endlich der vollen Konzentration auf den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien. Laut KfW sind jährliche öffentliche Investitionen von mindestens 20 Milliarden Euro für Klimaschutz nötig, um die Klimaziele für 2045 zu erreichen. Derzeit sind es nur etwa 3,5 Milliarden Euro. So sind die Klimaziele nicht zu erreichen.

Artur Borst, Tübingen

Sorge, dass die Grünen umkippen

Es scheint "in" zu sein, alte Grundsätze, die für richtig erkannt wurden, wegen der "Zeitenwende" über Bord zu werfen. Ich sehe auch, dass die drei AKWs die Problematik des fehlenden Endlagers nur um einen winzigen Anteil verschärfen. Aber wenn wir unsere Energiepolitik so auf Kante genäht haben, dass sechs Prozent bei der Stromerzeugung notwendig sind, um uns am Leben zu halten, haben wir vorher Murks gebaut.

In den 1970er-Jahren hat man versucht, die Energiekrise mit "Sonntagsfahrverbot" in den Griff zu bekommen - also Verzicht. Das ist heute wohl unmöglich. Wenn der Krieg irgendwann beendet ist, müssen wir uns aber dem wichtigsten Problem widmen: dem Klimawandel. Dann ist Verzicht kein Kann mehr, sondern ein Muss, denn in dem begrenzten System Erde kann es kein unendliches Wachstum geben. Damit tut sich die FDP besonders schwer, aber auch die anderen in der Regierung tun so, als hätten wir noch eine zweite Erde in Reserve.

Einschränkungen, an denen unsere Nachkommen nicht vorbei kommen werden, könnte man in der Krise einüben. Ein Tempolimit löst das Problem nicht, wäre aber ein Baustein. Ebenso wie temporäre Einschränkungen des Individualverkehrs, die gesetzliche Regulierung der Raumtemperatur in öffentlichen Gebäuden und privaten Wohnungen. Sparen bringt mehr als den immer größeren Hunger nach Energie durch Alternativen zu stillen. 40 Millionen E-Autos verstopfen die Straßen genauso wie 40 Millionen "Verbrenner". Wie viele AKWs sind notwendig, um den Strom für die E-Mobilität zu erzeugen? Da immer noch Windräder blockiert werden, müssen wir wohl die AKWs noch "etwas länger" in Betrieb halten. Im Gegensatz zu Max Hägler sehe ich darin die Gefahr, die Technologie in Deutschland wieder zu etablieren. Nur weil Krieg herrscht, darf nicht alles über den Haufen geworfen werden. Aus den Erfahrungen der letzten Monate fürchte ich, dass die Grünen auch bei diesem Thema umkippen werden.

Thomas Spiewok, Hanau

Die Gefahr bleibt gleich

Ich verstehe nicht, dass in Deutschland so viele Angst davor haben, bei uns Atomkraftwerke zu erstellen beziehungsweise, so noch vorhanden, sie wieder zu aktivieren. Tschernobyl liegt etwa 1500 Kilometer von München weg. Im Umkreis von München stehen jedoch Atomkraftwerke, die weniger weit weg, aber genauso gefährlich sind. Wenn also ein weiteres gebaut würde, würde dies das Gefahrenrisiko nur unwesentlich erhöhen.

Peter Prinz zu Hohenlohe, München

Populismus statt Sachverstand

Meine Familie hat in der Brennelementherstellung für Atomkraftwerke gearbeitet. Daher weiß ich, dass Brennelemente nicht irgendwo gekauft werden können, sondern passend zum jeweiligen Reaktor produziert werden müssen - das dauert Monate bis Jahre. Der wichtigste und größte Lieferant ist Russland.

Die AKW-Betreiber sind gegen eine Laufzeitverlängerung, weil sie weder Personal, noch Brennstoff für die Zukunft zur Verfügung haben und ihre Planung auf Abschaltung ausgerichtet ist. Mit Atomkraftwerken Gas ersetzen - was für ein Unfug! Wir, Haushalte ebenso wie Industrie, brauchen Gas für die Wärmeerzeugung. Eine Umstellung auf Strom würde Monate bis Jahre dauern. Und AKWs laufen mindestens 6000 Stunden pro Jahr. Das wenige Gas, das zur Stromerzeugung genutzt wird, wird für sehr kurzfristigen Einsatz genutzt (in Spitzenlastkraftwerken) oder in der dezentralen Kraft-Wärme-Kopplung. Deshalb kann Gas nicht durch Strom aus AKWs ausgetauscht werden. Politiker, die für eine Atomkraftverlängerung sind, halten uns für dumm. Zur Lösung des Gasproblems trägt die Verlängerung der Laufzeit der AKWs nichts bei.

Dipl. Ing. Georg Hille, Freiburg

Hemmungslose Freiheit der Egoisten

Die Debatte um eine Nutzungsverlängerung der AKWs unterschlägt das wichtigste Argument dagegen: die fehlende Nachhaltigkeit. Kernkraftwerke produzieren hoch strahlenden Müll, der laut Bundestag teilweise Millionen Jahre bewacht werden muss. Das ist - auf die Zeit gerechnet - unendlich teuer und extrem ungerecht. Denn für jede Kilowattstunde, die wir einem Atomkraftwerk heute entnehmen und verbrauchen, müssen unserer Kinder und Kindeskinder und deren Kindeskinder und alle weiteren Generationen immer wieder neu bezahlen. Rücksichtloser kann sich eine Generation gegenüber ihren Nachkommen kaum verhalten.

So gesehen, waren Bau, Genehmigung, Betrieb und Stromentnahme von AKWs schon immer ein unverschämter Diebstahl an den eigenen Kindern und Kindeskindern - ethisch und moralisch verwerflich. Dass nun die FDP Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen drängt, diesen Diebstahl fortzusetzen, statt Sparmaßnahmen und ein paar Komforteinbußen im Winter zu erwägen, passt zu ihrem Freiheitsbegriff. "Freiheit" ist für FDP-Politiker wohl immer bloß die hemmungslose Freiheit der Egoisten zu maximalem Lebensgenuss auf Kosten anderer, wie die Verweigerung eines Tempolimits auf den Autobahnen demonstriert.

Prof. Dr. Jörg Ramseger, Berlin

30 Prozent der Energie wird verschenkt

Ein Weiterbetrieb der drei Atomkraftwerke bedeutet, dass der Staat die komplette Verantwortung für Investitionen, Kosten, Erträge und Genehmigungen übernimmt, er wird quasi Eigentümer der Atomkraftwerke. Die letzte Sicherheitsüberprüfung hätte 2019 stattfinden müssen, wurde aus bekannten Gründen (Abschaltung Ende 2022) ausgesetzt. Gleichzeitig dürfen Photovoltaikanlagen nicht mehr als 70 Prozent ihres produzierten Stroms ins öffentliche Netz einspeisen. Das heißt, sie müssen abregeln, sobald 70 Prozent der Nennleistung erreicht sind. Begründung: Sicherstellung der Netzstabilität. Die Sinnhaftigkeit war schon immer fragwürdig. Es ist eine der vielen Energiewendeverhinderungsversuche der letzten 16 Jahre. Im neuen EEG (Habeck macht's möglich) ist diese Regelung für Anlagen bis 25 Kilowatt ab Inbetriebnahme 1. Januar 2023 gestrichen. Man muss sich diesen Widerspruch mal auf der Zunge vergehen lassen: Wir lassen AKWs länger laufen (11 Prozent des gesamten Strombedarfs), verbrennen Kohle und der Sonnenstrom wird gedrosselt und 30 Prozent verschenkt. Und die FDP redet von "Ideologie" der Grünen.

Christa Tast, Stuttgart

Mehr Selbstbewusstsein

Die letzten drei AKWs eignen sich nicht für billigen Populismus. Das Risiko, das von diesen Kraftwerken ausgeht, ist sehr groß, so groß, dass sich keine Versicherung findet, die einen schweren Atomunfall versichern würde. Das bedeutet, dass jeder, der bei einem GAU Haus und Hof verliert, für seinen Schaden persönlich haftet. Zudem fehlen die nötigen Sicherheitsüberprüfungen. Diese AKWs können nur noch mit Ausnahmegenehmigungen betrieben werden.

Solange fertige Photovoltaikanlagen monatelang auf einen Netzanschluss warten müssen, billige Sonderstromtarife angeboten werden müssen, um nachts überschüssigen Strom loszuwerden und solange in Deutschland die Leistung eines halben AKWs verbraten wird, nur um Autos zu waschen und zu trocknen, darf man davon ausgehen, dass genug Strom zur Verfügung steht. Verbilligter Nachtstrom ist ein Hinweis dafür, dass zu viel Atomstrom im Netz ist. Bei Mineralöl zeigt sich Ähnliches: Solange wir keine Geschwindigkeitsbegrenzung brauchen, kann niemand behaupten, Öl wäre ein knappes Gut. Besonders verwerflich ist, dass durch unnötigen Energieverbrauch nicht nur der Klimawandel beschleunigt, sondern auch der Anstieg der Energiepreise und damit die Inflation befeuert werden. Das trifft uns alle, besonders aber den ärmeren Teil der Bevölkerung.

Anders als AKWs können Gaskraftwerke Lastschwankungen aus regenerativer Stromerzeugung ausgleichen. Sie liefern mit ihrer Abwärme quasi zum Nulltarif Energie für die Fern- und Nahwärmeversorgung. Damit wird viel Gas für die private Wärmeversorgung in den Städten eingespart. Gaskraftwerke durch AKWs zu ersetzen, ist technisch betrachtet so intelligent, wie wenn man den PKW eines Taxiunternehmers durch einen 40-Tonner ersetzen wollte.

Erschreckend finde ich, wie derzeit Panik verbreitet wird: "Herzinfarkt der deutschen Wirtschaft" oder "das war's erst mal mit dem deutschen Wohlstand". Als wäre Deutschland nicht in der Lage, mit etwa acht Prozent weniger Energie auszukommen. Diese Panikmache erinnert stark an das Untergangsszenario bei der Diskussion um den Atomausstieg vor Jahren, wonach in Deutschland alle Lichter ausgehen würden, sollten die AKWs vom Netz gehen. Wäre es nicht an der Zeit, dass wir uns auf unsere Kräfte und Fähigkeiten besinnen und mit mehr Selbstbewusstsein gemeinsam die Probleme unserer Zeit anpacken!?

Prof. Dr.-Ing. Albert Staudt, Bruckmühl

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