Digitale Gewalt gegen FrauenMänner sollen umdenken, und die Justiz auch

Lesezeit: 6 Min.

Claudia Klein (Illustration)

Mehr Empathie, ein solidarisches Miteinander der Geschlechter, und schon wäre viel gewonnen. Leser fordern zudem eine viel schärfere Regulierung im Internet.

„Was hat das mit mir zu tun“ vom 28,/29. März, „Der Feind im eigenen Bett“ vom 23. März:

Ressource Empathie

Vielen Dank für Ihren bemerkenswerten, starken und guten Artikel „Was hat das mit mir zu tun?“. Vielleicht liegt genau in der Frage der Schlüssel ... Denn wenn wir Frauen uns in den vergangenen Jahrhunderten diese Frage gestellt hätten, wäre die Welt eine andere. Wir hätten uns nicht um Andere gekümmert, um die Kinder und Jugendlichen, unsere Familien, hätten nicht den Männern den Rücken freigehalten, hätten uns nicht um die Alten und Kranken gekümmert. Wie würde eine Welt aussehen, wenn alle sich nur fragen würden: „Was hat das mit mir zu tun?“ Ich glaube, ziemlich herzlos und ohne Empathie und Nächstenliebe, oder?

Vielleicht sollten die Männer genau diese Ressourcen wie Selbst-Mitgefühl, Empathie, Verletzlichkeit üben und einen Perspektivwechsel einnehmen – und diese Soft Skills, diese Care-Arbeit, einfach mal selbst leben und machen. Wie kann aus bloßen Erkenntnissen echte Veränderung erwachsen? Indem man sein Verhalten ändert, oder? Raus aus der Komfortzone. Das gilt für Männer genauso wie für Frauen auf anderen Gebieten (körperliche Arbeit, Bundeswehr, Politik und so weiter).

Denn wir können es nur gemeinsam schaffen und nur mit euch Männern, die Gesellschaft positiv zu verändern, statt uns spalten zu lassen. Und gegenseitige Dankbarkeit und Wertschätzung wäre auch wünschenswert. Danke für Ihre wertvolle Arbeit.

Britta Buckes, Kempen

Hoffnung und harte Realität

Eine oft gehörte Behauptung wird von Jens-Christian Rabe gut zusammengefasst: „Möglich und ermöglicht wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen jedoch, weil die Welt an sich eine ist, die im Großen und Ganzen von und für Männer eingerichtet ist und Frauen entsprechend notorisch benachteiligt und geringschätzt.“ Umgekehrt: In einer Welt, die Gleichberechtigung perfekt verwirklicht hat, gäbe es keine Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen mehr. An diese wundervolle Hoffnung würde ich auch gerne glauben. Nur finde ich nichts, was an dem Zusammenhang von Lohnunterschieden und Gewalt zwangsläufig ist.

Gewalt kann sich gegen hierarchisch Höhere und Niedrigere richten. Aber in der Verzweiflung klammern sich Menschen an jede Hoffnung und denken: In ein paar Jahren oder wenigen Jahrzehnten, wenn Frauen und Männer in Wirtschaft und Staat gleiche Chancen haben, wird auch die Gewalt im Privatleben verschwinden. So wie andere sagen: In ein paar Jahren wird Gott sein Reich auf Erden errichten und dann wird es weder Krankheit noch Tod, geschweige denn Verbrechen geben. Was nicht heißen muss, dass der Kampf gegen sexuelle Gewalt völlig aussichtslos ist. Nur muss man sich schon etwas mehr Gedanken machen – und ein Patentrezept gibt es nicht.

Henning Fritsches, Rothenburg

Respektlose Eliten

Ja, wir Männer sind das Problem. Im Hinblick auf die Konsequenzen müssen die „alten“ Eliten in den Fokus: die Juristen (Gesetzeslücken), die Tech-Milliardäre (Plattformen und Profiteure) und der US-Präsident. Frauen erreichen bislang noch selten Spitzenpositionen bei den obersten Gerichten, Tech-Milliardäre sind ausschließlich Männer, die bei der Amtseinführung ebendieses Präsidenten in der ersten Reihe saßen. Ein Mann, der sich rühmt, Frauen „in den Schritt“ zu fassen, wenn es ihm Spaß macht, und sich gleichzeitig von den „Evangelikalen Kirchen Amerikas“ als von Gott gesandter Messias feiern lässt. Es geht nicht darum, dem Volk zu dienen, sondern am Volk zu verdienen.

Diese Eliten sind Täter. Dadurch, dass sie die Frauen und die anderen Opfer sexualisierter Gewalt nicht schützen (Justiz), und dadurch, dass sie damit ihre schmutzigen Geschäfte machen (daher die Milliarden). Es geht um Geld, Macht und Sex.

Der schändliche Umgang mit Frauen und Mädchen geht alle Männer an. Wir im Westen leben in einer sexualisierten Gesellschaft, das kann man an Litfaßsäulen, in Schaufenstern, im Fernsehen täglich sehen. Sex sells! Weil es uns Männern offenbar gefällt, Frauen möglichst wenig bekleidet sehen zu können.

„Verdammte Lust“ hat der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, die erste Ausstellung des neu geschaffenen Diözesanmuseums im Jahr 2023 in Freising genannt. Er reagierte damit auf die Missbrauchsskandale in seiner Kirche. Eine, wie ich finde, sehr mutige Entscheidung. Er hat damit einen offenen Disput über dieses Problem der Männer im kirchlichen Dienst ausgelöst. Wir Männer im Patriarchat müssen uns nicht nur schämen, sondern uns der Auseinandersetzung stellen, sonst ändert sich nichts.

Die digitalisierte sexuelle Gewalt ist die illustrierte Lüge in Paarbeziehungen und der bebilderte massenhafte Missbrauch von jungen Frauen. Wir Menschen lieben Bilder. Erschreckend viele, wohl nie erwachsen gewordene „Männer“ ergötzen sich an bewegten Bildern möglichst nackter Frauen. Dabei verstehen sie anscheinend nicht, was ihnen dabei entgeht. Nämlich das Geschenk der Liebe zu einem anderen Menschen. Die Freude, eine Beziehung mit Achtsamkeit, Respekt, Vertrauen und Lust zu erleben. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt.

Andreas Niedermeier, München

Merz’ verstörende Pauschalvorwürfe

Ich bin ein Mensch männlichen Geschlechts, ein eingebürgerter Bürger dieses Landes und jemand, der seine neue Heimat liebt und aktiv zu ihrem Zusammenhalt beiträgt. Umso mehr haben mich die jüngsten Äußerungen des Bundeskanzlers tief betroffen gemacht, in denen er sagte, der größte Teil der Gewalt gegen Frauen sei bei Zuwanderern zu suchen.

Solche Worte treffen viele Menschen wie mich persönlich. Sie sind nicht nur pauschal und wissenschaftlich fragwürdig, sondern sie stellen all jene unter Generalverdacht, die sich hier ein neues Leben aufgebaut haben, Verantwortung übernehmen und die Werte dieser Gesellschaft achten. Wenn der Bundeskanzler – der höchste Vertreter unseres demokratischen Gemeinwesens – so spricht, erschüttert dies das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger, die sich als Teil dieser Gemeinschaft verstehen.

Darüber hinaus lenken solche Aussagen von der eigentlichen Diskussion ab. Denn die wichtige Frage lautet nicht, wer Gewalt ausübt, sondern wie wir Frauen besser schützen, Gewalt verhindern und Betroffene unterstützen können. Jede Verengung auf Herkunft oder Nationalität verschiebt den Fokus von der dringend notwendigen gesellschaftlichen Verantwortung – und blockiert konstruktive Lösungen.

Gewalt gegen Frauen ist ein schweres und schmerzhaftes Problem. Es betrifft uns alle – unabhängig von Herkunft, Sprache oder Religion. Wer politische Verantwortung trägt, sollte dieses Thema mit Differenzierung, Empathie und Entschlossenheit behandeln. Pauschale Zuschreibungen aber führen zur Spaltung statt zu Lösungen.

Ich wünsche mir vom Bundeskanzler Worte, die verbinden, nicht verletzen. Worte, die zeigen, dass Gleichwertigkeit und Respekt für den deutschen Bundeskanzler nicht nur politische Prinzipien sind, sondern gelebte Überzeugung. Nur so kann dieses Land stark bleiben – durch Gerechtigkeit, Zusammenhalt und gegenseitige Achtung.

Nureddin Alsancak, Seeshaupt

Solidarität der Geschlechter

Dem Essay von Aurelie von Blazekovic habe ich, Mann, 56, nichts zu entgegnen oder hinzuzufügen. Sie hat ein erschütterndes Zeugnis dafür abgelegt, wie eine Frau sich heute fühlen kann – weil sie eine Frau ist, die über einschlägige Erfahrungen verfügt und deren Glaube daran, von Männern nicht irgendwann misshandelt zu werden, zunehmend ins Wanken gerät. Kaum ein Schaden ist schmerzhafter und schädlicher für unsere Psyche als der Verlust des Vertrauen-Könnens. Ich fühle deshalb nicht nur mit der Frau, die die aktuelle Diskussion ins Rollen brachte, sondern mit allen Frauen, die ähnlich betroffen sind. Und ich stimme ihnen zu, dass es rechtliche, politische und gesellschaftliche Antworten braucht. Diese Debatte muss geführt werden – so lange, bis echte Veränderungen für Entlastung sorgen –, damit Vertrauen wieder wachsen kann.

Mein Beitrag zur Diskussion wird natürlich auch identitätslogisch gelesen werden – als Äußerung eines Angehörigen jener Gruppe, die überproportional häufig durch Übergriffigkeit und Gewalt auffällt. Das ist Teil des Problems, könnte aber auch ein Teil der Lösung sein. Denn auch und gerade als Mann kann ich mit betroffenen Frauen solidarisch sein. Ich kann mich deutlich vernehmbar gegen jegliches Verhalten zur Wehr setzen, welches ihnen Schaden zufügt.

Noch wichtiger: den Diskurs so zu führen, dass er im besten Habermas’schen Sinne die Kraft des Arguments mit dem Mut zur Wahrheit und zur prinzipiellen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Diskursteilnehmerinnen und -teilnehmer verbindet. Nur so können wir zurückweisen, was in Teilen der Welt bereits Formen eines reaktionären Stellvertreterkriegs angenommen hat: die Mobilmachung für ein Gegeneinander der Geschlechter. Lassen wir uns nicht darauf ein; bleiben wir solidarisch noch im heftigsten Streit, als Frauen und Männer – und vor allem als Menschen!

Ulf Grebe, Hub/Österreich

Regulieren, regulieren

Hier erodiert das Vertrauen und damit das Wichtigste, das die Gesellschaft zusammenhält. Allerdings bleiben die ganze Debatte einem gewissen – sehen Sie es mir nach – feministischen Tunnelblick verhaftet. Es geht tatsächlich um sehr viel mehr als um sexualisierte Gewalt an Frauen im Netz: Es geht letztlich um das Fundament unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung und Gesellschaft, und das bedeutet aus meiner Sicht, dass zu unser aller Schutz und Wohlergehen, ganz gleich, ob Mann oder Frau oder divers, dieses ganze Ultra-Profit-getriebene Gebaren der Tech-Giganten aus dem Silicon Valley (an welcher Stelle im Internet auch immer) sehr viel stärker und effektiver, das heißt, schärfer reguliert werden muss.

Gebraucht wird auch eine Pflicht zur Nennung des Klarnamens in den angeblich so sozialen Medien. Allein das würde den einen oder anderen zum Überlegen bringen, bevor er ein Nacktfoto aus einer Sauna per Knopfdruck in aller Welt verbreitet. Die jetzt endlich auch in unserem Lande geplante zusätzliche Gesetzgebung ist zu begrüßen, wird indessen der Dimension des Problems in keiner Weise gerecht.

Hans-Joachim Lotz, Hamburg

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