Die Linke:Wagenknechts Wahrheiten

Lesezeit: 3 min

Die Linke: Sahra Wagenknecht (Die Linke) im Bundestag.

Sahra Wagenknecht (Die Linke) im Bundestag.

(Foto: Michael Kappeler/dpa/Bearbeitung: SZ)

Während die einen prophezeien, dass sich die Linke selbst zerlegt, fürchten andere Zulauf von Neofaschisten.

"Wie die Linke zerbröselt" vom 14. September:

Neuer Zulauf

Der vielfach zu hörende Abgesang auf die Linke nach der Rede Sahra Wagenknechts scheint mir zu früh zu sein und in manchen Medien mehr Wunschdenken als Realität zu spiegeln, auch wenn Wagenknecht möglicherweise eine Spaltung provoziert (oder gewollt) hat. Die Situation der Linken ist nicht mehr dieselbe wie zur letzten Bundestagswahl, wo sie an der Fünf-Prozent-Hürde kratzte. Eine galoppierende Inflation, Ukraine-Krieg mit explodierenden Energiepreisen und eine von Corona verunsicherte Bevölkerung verschaffen Wagenknecht eine andere Machtposition innerhalb linker Bewegungen (und rechter!). Das Lavieren von Fraktionschef Bartsch spricht Bände.

Die Linke schafft sich keineswegs selbst ab. Sie wird, in welcher Formation auch immer, neuen Zulauf erhalten wie auch die AfD, man blicke sich nur in Europa um, Schweden und Italien, wo Neofaschisten wieder politisch "salonfähig" werden und Zulauf erhalten. Von wegen "Auflösung" - "wann wir schreiten Seit' an Seit'!" gewinnt so einen ganz neuen Sinnzusammenhang.

Wagenknecht wird wohl richtigliegen, wenn sie davon spricht, "selten so viel Zuspruch aus der Bevölkerung" bekommen zu haben. Und das für die groteske Äußerung, Deutschland hätte einen "beispiellosen Wirtschaftskrieg gegen unseren wichtigsten Energielieferanten" vom Zaun gebrochen. Dass Russland einen beispiellosen Krieg vom Zaun gebrochen hat, um die Grenzen in Europa erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewaltsam zu verschieben, ist in dieser Logik zweitrangig. Wie viel versteht Wagenknecht von Russland und seiner Politik? Mehr als Michail Gorbatschow, ein "Kind des Apparats", der ihn groß gemacht hat und der ihn stürzte? Vielleicht hat sie die Stelle in Gorbatschows Memoiren bewusst überlesen, wo er schreibt, die Ideologen der Sowjetmacht hätten nicht ohne Grund angenommen, "dass die Wahrheit den Glauben an die Unfehlbarkeit unserer Dogmen untergraben und nicht nur den 'Kaiser', sondern den ganzen 'Hof' aller Welt in völliger Nacktheit gezeigt hätte". So viel zu den "Wahrheiten" Wagenknechts und hoffentlich nicht der ganzen Linken, die übrigens nicht als einzige Partei danach sucht, wer sie eigentlich sein will.

Wilfried Mommert, Berlin

Schwindender Einfluss

Die Tatsache, dass Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, und auch der ehemalige Abgeordnete Fabio De Masi aus der Linken ausgetreten sind, wirft ein Schlaglicht auf den Zustand der Linkspartei und deren schwindenden Einfluss auf die Politik hierzulande. Dass der Auslöser für ihren Austritt die Rede Sahra Wagenknechts war, zeigt deutlich, mit welch kruden Inhalten - in diesem Fall zu Putins Angriffskrieg - Wagenknecht erneut agitierte. So etwa die Aussage, die Bundesrepublik habe einen "Wirtschaftskrieg" gegen Russland vom Zaun gebrochen.

Die Haltung Schneiders und De Masis zeigt, dass sie sich von Wagenknecht nicht von ihrer Linie als demokratische Sozialisten abbringen lassen. Auch für mich als Sozialdemokrat ist es schon lange unerträglich, wie verblendet Sahra Wagenknecht agiert und argumentiert und mit welch hoher Unterstützung der Kriegsverbrecher Putin von Wagenknecht im Namen der Linkspartei rechnen kann. Es kann einfach nicht hingenommen werden, wie Wagenknecht bis nach rechts außen gehende sogenannte Argumente als "links" bezeichnet und sich dabei in die gefährliche Nähe von AfD, Reichsbürgern und sogenannten Querdenkern begibt. Wer politisch agiert, kann nicht so einfach den Wertekanon unseres Grundgesetzes vernachlässigen.

Wer von Personen wie Wagenknecht inspiriert ist, der muss wissen, dass er mit schuld sein könnte, wenn der soziale und demokratische Rechtsstaat infrage gestellt wird. Das darf nicht geschehen, weil sonst das Fundament der Demokratie ins Wanken geraten könnte. Wenn die bürgerlichen Freiheitsrechte gering geschätzt werden, wird auch die Installation einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft unmöglich. Dann wäre eine emanzipatorische solidarische Politik hierzulande nicht mehr möglich.

Manfred Kirsch, Neuwied

Feindbild Kommunismus

Ist ja vieles richtig, was Boris Hermann zum Zustand der Linken schreibt. Er verschweigt allerdings, dass einer der intelligentesten Köpfe in der Linken, nämlich Fabio De Masi, auf Seiten von Wagenknecht steht. Außerdem reiht er sich ein in eine jahrelange Serie von Artikeln in der SZ gegen die Linke.

Dass die Grünen in Deutschland zur Zeit ihre Prinzipien verraten (Pazifismus, Nein zur Atomkraft, soziale Werte und mehr), dazu hört man wenig Kritik - viel zu wenig.

Da wird eine Rede von Sevim Dağdelen aus der Linkspartei von mehreren Mitgliedern der Grünen und der SPD bewusst verfälscht (aus Adressat - gemeint waren die Grünen - wird Aggressor gemacht), und niemand stellt das richtig. In Deutschland war der Antikommunismus seit Adenauers Zeiten Staatsreligion, und daran hat sich offenbar nichts geändert.

In welchen Zeiten leben wir eigentlich, wenn Bürger, die Friedensverhandlungen mit Russland vorschlagen, als kriegsmüde beschimpft werden? Ich bin stolz darauf, kriegsmüde zu sein. Übrigens wäre das für mich das Unwort des Jahres 2022: kriegsmüde oder Kriegsmüdigkeit.

Rolf Werner, Stolberg

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und dem Wohnort. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema