Gastbeitrag „Verzettelt euch jetzt nicht!“ vom 28. Juli, „Das Virus lebt“ vom 26./27. Juli:
Hauptkriterium: gerettete Leben
Im Artikel des Philosophen Nida-Rümelin und des Virologen Schmidt-Chanasit zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie stört die Gewichtung. Das wichtigste Problemfeld wird ungenügend beziehungsweise nicht berücksichtigt. Die Pandemie hat in Deutschland mehr als 185 000 Tote gefordert, die genaue Zahl variiert je nach Quelle. Eine „wirklich seriöse“ Aufarbeitung – wie sie die Autoren berechtigt fordern – muss sich vor allem und in allen Einzelheiten mit diesem Problem auseinandersetzen: War die Zahl der Toten „vergleichsweise gering“, weil wir hervorragende Maßnahmen getroffen haben, oder war sie womöglich viel zu hoch, weil unsere Maßnahmen zu häufig falsch und unzureichend waren?
„Verzettelt euch jetzt nicht“, schreiben die Autoren in der Überschrift und präsentieren dazu gleich Bild und Diskussion über Masken. Aber wer sagt ihnen denn mit Sicherheit, ob die nächste Pandemie vor allem über die Atemwege verbreitet wird, wer sagt ihnen, dass Masken für den nächsten Erreger überhaupt noch eine entscheidende Rolle spielen werden? Wer sagt ihnen überhaupt, dass sich bei der nächsten Pandemie wieder ein in der Medizingeschichte einmaliger Vorgang wiederholt, nämlich dass wir, und das auch noch in kürzester Zeit, einen einmalig wirksamen Impfstoff entwickeln können, der die Pandemie weit „weniger gefährlich“ aussehen lässt. Und wer sagt ihnen, dass sie sich mit ihren theoretisch natürlich berechtigten politischen, philosophischen, psychologischen, rechtlichen Abwägungsprozessen nicht auf ganz dünnem Eis bewegen, wenn die nächste Pandemie nicht „vergleichsweise harmlos“ sein wird und mit dem neuen Erreger zum Beispiel jeder dritte oder fünfte Infizierte dem Tod geweiht ist.
Eine wirklich „seriös exakte“ Aufarbeitung wird schon daran scheitern, dass wir den genauen Informationsstatus, am besten evidenzbasiert in belastbaren Studien, der zur jeweiligen Stunde vorlag, in der ein Entscheidungsträger eine Entscheidung treffen musste, viel zu oft nicht werden verifizieren können. Retrospektiv macht man es sich leicht zu einfach, die Dinge zu beurteilen. Bei allem hohen Respekt für die Analyse der von den Autoren diskutierten Fragen hat die uneingeschränkt exakte und seriöse Analyse der Maßnahmen zur Verhinderung von schwerer Erkrankung und Tod jedes einzelnen Menschen absolute Priorität. Die Verhinderung von schwerer Erkrankung und Tod ist nicht alles, aber alles ist ohne Abwesenheit von schwerer Erkrankung und Tod nichts.
Prof. Dr. Gerd R. Pape, Berg am Starnberger See
Unausgewogene Berichterstattung
Der Artikel „Das Virus lebt“ hat mich sanft daran erinnert, warum ich während der Corona-Zeit nur äußerst widerwillig in die SZ geschaut habe, die ich seit meiner Jugend lese. Es ist die Unausgewogenheit und Widersprüchlichkeit, die ich von der SZ sonst nicht gewohnt bin. Ganz am Ende wird zwar darauf hingewiesen, dass „die Gremien zum Teil sehr medizinlastig waren“, auf drei Seiten wird aber nicht konkret auf weitere Auswirkungen der Maßnahmen eingegangen: Massive Erhöhung von Angststörungen und Depressionen, Angehörige, die vereinsamt starben (nicht an Corona!) … Den Aussagen von Herrn Knipphals wird beigefügt, dass „seriöse Studien dazu nicht vorliegen“. Herrn Lauterbachs Aussage zur „nebenwirkungsfreien Impfung“ wird nicht mit diesem Hinweis ergänzt. Dass er diese Behauptung wider besseres Wissen getätigt haben muss, da es – wie die SZ selbst schreibt – keine Medizin ohne Nebenwirkungen gibt, wird in der Deutlichkeit nicht geschrieben.
Wenn verantwortliche Politiker mit Verbrechern gleichgesetzt werden, wird dies (zu Recht!) als unzulässig dargestellt. Wenn aber Ungeimpfte auch von der SZ als verantwortlich für massenhaft Tote (und zudem asozial und unwissenschaftlich) hingestellt wurden, war das lange Zeit ganz normal. Auch andere vehemente Vorwürfe der SZ, die ich lesen musste, haben sich im Nachhinein als anders herausgestellt. Aber auch schon während der Pandemie wurden von Verantwortlichen wissentlich falsche „Fakten“ verbreitet, weil diese schön ins Argumentationsbild passten.
Doch, es soll „Schuldzuweisungen geben“, aber nicht nur in Richtung der „Ungeimpften“, denn viele Verantwortliche haben nicht versehentlich, sondern teilweise wider besseres Wissen gehandelt. Erklären Sie mir bitte, wie ein skeptischer Bürger einem Politiker wie Markus Söder heute glauben soll, wenn dieser erst rausposaunt „Eine Impfpflicht wird es mit mir nicht geben“, um kurz darauf genau für diese zu werben? Hier wäre eine Schuldzuweisung und vor allem ein Schuldeingeständnis angebracht, da durch solche Unkorrektheiten das Vertrauen und damit die Demokratie massiv beschädigt worden sind!
Holger Nachtigall, Sachsenried
Diskussion zwecklos
Dem Artikel ist gut zu entnehmen, wie viel Zeit Sie darauf verwendet haben, mit verschiedenen Menschen zu reden, sich auf ihre Sichtweisen einzulassen und sie unvoreingenommen darzustellen. Umso deutlicher wird aus ihrem Artikel, dass das aufrichtige Bemühen herauszufinden, weshalb die Gesellschaft über Covid und die ergriffenen Maßnahmen so gespalten ist, krachend zum Scheitern verurteilt ist.
Es zerschellt an Menschen wie Herrn Knipphals, für die nur andere schuld sein können und sich gefälligst zu entschuldigen haben. Man selbst hat alle Argumente auf seiner Seite, auch wenn man widerlegt worden ist. Herr Knipphals ist ein gutes Beispiel, weshalb Diskussionen mit solchen Menschen verschwendete Lebenszeit sind. Die Akzeptanz, dass man mit seiner Meinung falschliegt, ist vollständig abhandengekommen. Man sieht nicht ein, dass andere das bessere Argument haben. Und wenn man dann in der Diskussion gar nichts mehr sagen kann, dann kommt der AfD-Move, indem man sagt, man glaube nicht an das, was der andere sagt. Damit zerstört man jede Diskussionsgrundlage.
Dr. Sebastian Huber, Nürnberg
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