Interview „‚Ich sehe nichts, wo es gut läuft‘“ vom 24. Januar, „Wir haben Schüler, die sich einen Migrationshintergrund erfinden, um dazuzugehören“ und „Das Bildungssystem hinkt hinterher“, beide vom 12. Januar:
Katastrophale Voraussetzungen
An unserem Bildungssystem gibt es sicher genug zu kritisieren, aber dass es bezogen auf die Aufnahme von eingewanderten Kindern „hinterherhinkt“ und ihm damit quasi die Schuld an den dadurch entstandenen Problemen gegeben wird, halte ich für sehr übertrieben.
Bei der zugrunde liegenden Sachlage kann das Bildungssystem noch so gut sein, es wird immer belastet sein oder sogar scheitern: Wie sollen denn die Schulen bitte Hunderttausende Kinder und Jugendliche versorgen, die (zum Teil in großen Gruppen) zu den vorhandenen deutschen Schülern dazukommen, größtenteils unsere Sprache nicht sprechen, im Falle von arabischen oder ukrainischen Kindern nicht mal das passende Alphabet kennen, traumatische Erfahrungen mitbringen und die hiesige Kultur nicht kennen?
Die vorhandenen Fachkräfte haben schon vor den großen Flüchtlings- und Zuwanderungsströmen nicht ausgereicht und sollen sich nun zusätzlich um Kinder mit Kriegserfahrungen kümmern, deren Familien aufgrund ihrer Erfahrungen kein Vertrauen zu staatlichen Institutionen haben. Unter diesen Umständen leidet unweigerlich entweder die Betreuung der neu Hinzugekommenen oder der Ansässigen … oder beides.
Hier nun dem Bildungssystem abzuverlangen, dieser katastrophalen Voraussetzungen Herr zu werden, wird der Situation nicht gerecht. Bei einer Betrachtung dieser Lage darf in meinen Augen nicht fehlen, auch die Frage zu stellen, ob es grundsätzlich sinnvoll ist, Familien fernab von Heimat, eigener Sprache und Kultur zu betreuen und so sowohl den schulischen Lernerfolg als auch die Möglichkeit einer adäquaten psychologischen Hilfe zu gefährden.
Holger Nachtigall, Sachsenried
Zersplitterte Verantwortung
Man kann Ihnen nur dankbar sein, dass Sie heute noch einmal im Tagesthema die Bildungsmisere in Deutschland in den Blick genommen haben. Das Versagen dabei, Kindern unabhängig von ihrer Herkunft einigermaßen gleiche Bildungschancen zu bieten, hat viele Ursachen. Eine wenig beachtete scheint mir die Zersplitterung der Verantwortung für die Schulen zu sein.
Die Gemeinden sind für Gebäude, die Ausstattung der Schulen, für die „äußeren“ Schulangelegenheiten zuständig. Vielfach versuchen sie auch, besonders gravierende Probleme zu lösen, indem sie zum Beispiel für Sozialarbeit sorgen. Freiwillig, das heißt, hier wird gekürzt, wenn das Budget für die Pflichtaufgaben nicht mehr reicht.
Die Länder kümmern sich um die Leherinnen und Lehrer und die Inhalte. Dann kommen gelegentlich vom Bund auch noch Förderprogramme, um die schlimmsten Defizite anzugehen.
Aber niemand ist wirklich verantwortlich zu machen für die Misere: Die Kommunen verweisen auf die Länder, die auf die Kommunen und den Bund. So ist das System besonders für Eltern sehr ärgerlich, aber leider haben sie keinen Adressaten für ihren Ärger. Investitionen in Bildung haben eine hohe Rendite. Sicher richtig. Aber wenn es ans Bezahlen geht, gilt leider die Parole: „Hannemann, geh du voran.“
Johannes Rohé, Aachen
Vorbild Skandinavien
Der Blick über den bildungspolitischen Tellerrand mag weiterhelfen. Wie Bildung gelingen kann, zeigt Finnland. Dort arbeiten zum Beispiel Sozialpädagogen und Psychologen in der Schule und entlasten so Lehrerinnen und Lehrer, die sich so auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren können. Auch sitzen dort im Schnitt 20 Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer.
Finnland erlaubt es sich sogar, jeder werdenden Mutter zur Geburt ihres Kindes ein Starterpaket zu schenken, in dem allerhand Nützliches für Mutter und Kind zu finden ist. Daran ist bei uns nicht zu denken. Finnland hat wohl auch deshalb die glücklichsten Menschen der Welt, wie eine Untersuchung voriges Jahr herausgefunden hat. Deutschland landete auf Platz 22. In Finnland werden Kinder als das betrachtet, was sie sind: Kinder. Bei uns dagegen sehen zu viele Menschen in Kindern nur die zukünftigen Steuerzahler.
Klemens Hofmann, Marbach am Neckar
Was helfen kann
Als Gründe für das Scheitern der Migrantenkinder in der Schule nennt Ihr Artikel fehlende Strukturen und Ressourcen, die eine gezielte Förderung in der deutschen Bildungslandschaft einschränken. Bisherige Einzelmaßnahmen von engagierten Pädagogen wurden mangels Gelds und Manpower wieder abgebaut. Ähnliches gilt wohl auch für die Willkommensklassen.
Besonders wichtig erscheint es mir, die Sprachförderung von Migrantenkindern in der Grundschule zu intensivieren, damit sie am Unterricht erfolgreich teilnehmen können und Chancen auf ein gutes Übertrittszeugnis für die weiterführenden Schulen erhalten. In der Tat fehlen die benötigten personellen Ressourcen. Ihr Vorschlag, Schulpsychologen oder Schulsozialpädagogen heranzuziehen, ist nicht umsetzbar. Diese haben in der Schulfamilie andere Aufgaben; sie sind keine Sprachlehrer. Dennoch gibt es auf dem Markt ausgebildete DaZ-Lehrer (Deutsch als Zweitsprache) und gutes Unterrichtsmaterial, das auch freiwillige ehrenamtliche Helfer nutzen können, ohne vorher ein Fachstudium zu absolvieren.
Integration von Migrantenkindern gelingt besser, wenn man deren Eltern mit ins Boot holt. Um den Gebrauch der deutschen Schriftsprache, wie sie in deutschen Schulen verlangt wird, zu fördern, ist es nötig, mit den Kindern in die Bibliothek am Ort zu gehen, Bücher auszuleihen, Filme in deutscher Sprache gemeinsam anzuschauen. Besser ist es, den übermäßigen Gebrauch von digitalen Medien zu Hause einzuschränken. Stattdessen fördern Freundschaften mit deutschen Kindern eine verbesserte Integration und tragen dazu bei, dass Kinder voneinander lernen können.
Ute Taube, Studienrätin i.R., Oberhaching
Fehlender Lerneifer
Ein System kann nicht hinken, sondern nur Menschen. Die historisch schlechten Schulleistungen sind auf einem Tiefstand seit Beginn der empirischen Forschung mit Pisa 2000. Dramatisch ist der Befund deshalb, weil noch nie seit 1945 so viele Reformen, Ressourcen, Strukturveränderungen und Finanzen in das System gesteckt wurden.
Aus eigener Erfahrung seit 1995 sehe ich die zentrale Ursache für den Niedergang der Kompetenzen in einer Rückentwicklung von Ehrgeiz, Interesse, Lerneifer, Motivation und der Bereitschaft, den Großteil der Zeit für schulische Bildung einzusetzen. Wenn Schüler am Tag durchschnittlich sieben Stunden am Handy verbringen, wenn Freizeit wichtiger als Hausaufgaben ist, wenn Schulen – statt Bildungsräume zu sein – zu Zertifikatsagenturen umfunktioniert werden, wenn Tausende Lehrer aus Verzweiflung über falsch oder nicht erzogene Kinder ihren Dienst quittieren, liegen die Ursachen der Bildungskrise auf der Hand. Diese hängt nicht primär vom Migrationshintergrund ab, sondern von Anstand, Charakter, Disziplin, Interesse, Motivation und Leistungsbereitschaft.
Thomas Gottfried, Freising
Hinweis
Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und des Wohnorts. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.
