Berlinale in der KritikDarf’s ein bisserl mehr Toleranz sein?

Lesezeit: 4 Min.

Festivalchefin Tricia Tuttle steht auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast.
Festivalchefin Tricia Tuttle steht auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast. Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Die Berlinale und deren Leitung stehen erneut in der Kritik. Der Vorwurf: Angeblich antisemitische Äußerungen beim Festival. Die meisten Leser sprechen sich für mehr Diskurs aus.

„Das freie Wort gilt auch für Dummköpfe“ vom 28./29. Februar, „Willkommen am Abgrund“ vom 27. Februar, „Die wahren Feinde sind woanders“ vom 23. Februar, „Staatsschutz ermittelt bei Berlinale“ vom 19. Februar:

Eine diffizile Aufgabe

Es ist gut, dass die SZ differenziert von der Berlinale berichtet(e), und es ist gut, dass dieser letzte Bericht von Kathleen Hildebrand mit den oben zitierten Worten von Ingo Fliess endet: „Wir sind keine Feinde. Wir sind Verbündete. Die wahren Feinde sind nicht hier unter uns. Es sind die Autokraten, die rechtsextremen Parteien, die Nihilisten unserer Tage. Lasst uns nicht einander bekämpfen. Lasst uns sie bekämpfen.“

Wobei … nun bin ich in der Welt der Filmfestivals und der Künstlerinnen und Künstler nicht so bewandert, um mir ein abschließendes Urteil über die Berlinale bilden zu können. Mit Befriedigung habe ich die Einordnung des öffentlichen Briefes von Tilda Swinton et. al. durch Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der Süddeutschen zur Kenntnis genommen. Auch ist mir bewusst, wie diffizil die Aufgabe der Veranstalterin Tricia Tuttle und des Jurypräsidenten Wim Wenders ist, allen Beteiligten gerecht zu werden.

Für die Drohungen Abdallah Alkhatibs, „wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war“ (Völkermordbeteiligung Deutschlands), ist die gut gemeinte Relativierung Désirée Nosbuschs, „dass man mit allen Opfern fühle, auch denen, die durch Terrorismus sterben“, allerdings zu wenig.

Es ist müßig, an dieser Stelle noch einmal die Daseinsberechtigung Israels zu erklären, den Unterschied zwischen Terrorismus und Terrorismusbekämpfung, den Antisemitismus in der Haltung vieler Pro-Palästinenser zu belegen, und so weiter, und so weiter…. Wer Ohren hat, zu hören … jedenfalls Dank für Ihre Berichterstattung und Einordnung.

Heinfried Ochel, Speyer

Definiere Zensur

Zur Aussage, die Behauptung sei „blühender Unsinn“, in der deutschen Kulturszene gebe es eine Zensur israelkritischer Meinungen: Dazu muss man meiner Meinung nach erst einmal definieren, was unter Zensur verstanden wird. Wenn man unter Zensur versteht, dass ein Verstoß dagegen lebensgefährlich ist, so gibt es natürlich keine Zensur.

Wenn Zensur jedoch auch beginnt, wenn berufliche Konsequenzen im Raum stehen, so zeigt doch gerade die Diskussion um die berufliche Zukunft der Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle, dass Zensur in diesem Sinne doch stattfindet. Dass Frau Tuttle jetzt als Festival-Leiterin infrage gestellt wird, ist in meinen Augen eine klare Botschaft an die zukünftige Leitung, egal ob sie noch mal Tuttle heißen wird oder nicht.

Der oberste Auftrag an die Leitung lautet: Fotos mit Palästina-Flagge oder Kritik an der deutschen Israel-Politik darf es in Zukunft nicht mehr geben. Dass es auf der Berlinale solche Kritik wie durch Abdallah Alkhatib gibt, beweist doch nicht, dass es den Versuch, diese zu verhindern, nicht gibt. Wenn Herr Alkhatib seine Kritik trotz guter Ratschläge, vorsichtig zu sein, dennoch äußert, ist das kein Beweis dafür, dass es diese Ratschläge nicht gibt.

Ulrich Kitzinger, München

Ungerecht

Zum zweiten Mal habe ich in diesem Jahr die Berlinale erlebt – also beide Besuche unter der Leitung von Tricia Tuttle – und war wieder begeistert von der offenen, neugierigen Stimmung des sehr diversen Publikums. Umso stärker entsetzt mich der Artikel von David Steinitz, der ein Thema, das öffentlich gut und durchaus kontrovers diskutiert werden könnte (politische Meinungsäußerung) zum Anlass nimmt, das gesamte Festival an den vermeintlichen Abgrund zu schreiben. Sehr schade und absolut ungerechtfertigt.

Heide Peuckert, Lüneburg

Legitime Kritik?

Man fragt sich, wie Claudius Seidl zu seiner Zusammenfassung propalästinensischer Künstler gelangt ist. Hat er sie befragt? Oder ist es inzwischen jenseits aller Vorstellungskraft, dass Menschen schlicht auf zwei Jahre täglicher Berichte über Bombardierungen, Zerstörung und Vertreibung reagieren – aus Gaza wie aus dem Westjordanland, auch hier in der SZ dokumentiert?

Es geht dabei nicht um linke Selbstvergewisserung, nicht um modische postkoloniale Diskurse und auch nicht um die 500-jährige Geschichte eines Landes – kennt jeder, der die Ukraine unterstützt, deren gesamte historische Tiefenschichtung? Es geht um etwas Schlichteres: um die Rückgewinnung einer geteilten Menschlichkeit. Und genau darum geht es in Kunst und Geschichten.

Propalästinensisch zu sein, heißt nicht, Hamas zu unterstützen oder deren Ideologie zu verharmlosen. Beides gleichzusetzen, verflacht die Debatte – so wie es falsch wäre, den Staat Israel mit Juden weltweit gleichzusetzen. Wenn von „legitimer“ Kritik gesprochen wird, betreten wir heikles Terrain: Wer entscheidet, was legitim ist und was „böse“, „schmutzig“ oder „gefährlich“? Sobald wir beginnen, Meinungen moralisch zu sortieren, wird der Diskurs enger.

Ajay Brar, Berlin

Dann lieber ohne Steuergeld

Der syrisch-palästinensische Filmemacher spricht auf der Preisverleihung darüber, dass Deutschland am Genozid in Gaza beteiligt ist und mitwirkt, und unsere vermeintlichen Kunstschaffenden im Saal und weitere Unterzeichner sind der Meinung, dies gehöre zur Kunstfreiheit und man müsse das aushalten. Der Einzige, dem Respekt zu zollen ist, war Umweltminister Carsten Schneider, der die Veranstaltung demonstrativ verlassen hat. Dies hätte man auch analog letztes Jahr bei der Rede von Vize Vance auf der Sicherheitskonferenz in München machen müssen oder bei der Debatte um die Documenta in Kassel. Die Schauspieler vertreten die Meinung, die Politik müsse sich aus der Kunstkritik raushalten und somit die Kunstfreiheit garantieren. So kann man durchaus argumentieren, aber in der Folge könnte man darüber nachdenken, ob dafür Steuergeld in nicht geringem Umfang an anderer Stelle sinnvoller genutzt werden sollte. Die Berlinale verkommt mehr und mehr zu einer ideologischen Veranstaltung und sollte eigentlich ein Fest für Filme und deren Protagonisten sein. Jedenfalls wird sich auch weiter unter Minister Weimer daran nichts ändern – also weiter so.

Anton Bönig, Erding

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und des Wohnorts. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: