„Die gekippte Stadt“ vom 21./22. März:
Zugig am Zug
Die Autorin ist offenbar gezwungen, in einer Stadt zu leben, der sie kaum Positives abgewinnen kann. Ihr Artikel darüber wäre erträglich, wenn zwischen den Zeilen ein paar Funken Ironie aufblitzen würden, was viele SZ-Autoren so gut beherrschen. Hier wird aber nur dumpfer Ernst geboten mit dem Willen, 80 Prozent der Berliner Realität zu ignorieren.
Ja, es gibt Probleme, deren Anblick wehtut – wie in vielen Städten dieser Größe. Aber die Autorin will geradezu eine Welt, die ihr missfällt. Sie beklagt etwa, dass es im Hauptbahnhof zugig ist, was ein Wesensmerkmal eines jeden Bahnhofs ist. Und die defekten Rolltreppen, typisch Berlin! Die Bahn kämpft aber mit Defekten an 110 Treppen bundesweit, alle von einem finnischen Hersteller. Sie bemängelt, dass es in einem neuen City-Hochhaus keine Wohnungen gibt. Dabei könnte man dort, eingezwängt zwischen Bahngleisen und sechsspuriger Straße, wohl nur mit Dreifachverglasung und Klimaanlage wohnen. Selbst eine defekte Türklinke findet Erwähnung. Und größere Probleme wie Verkehr, Wohnungsmangel, Obdachlosigkeit et cetera hat Berlin keinesfalls exklusiv.
Übrigens sind gegenwärtig Straßencafés, Biergärten und Parks gefüllt mit gut gelaunten, auch internationalen Gästen, Luft und Gehwege sind sauber, und der üble Satz der Autorin, Berlin werde nur von Drogensüchtigen geschätzt, löst sich zu Recht in Luft auf.
Harald Kötter, Berlin
Hilfloses Berlin?
Ihre Artikel begleiten mich seit der Zeit, als ich ein eifriger Leser der FAS war. Damals lebte ich noch in Berlin, später dann in Frankfurt am Main, nunmehr im Speckgürtel dieser Stadt. Und weil man Berlin, so man dieser Stadt näher gekommen ist, immer im Herzen trägt oder auch nicht, dazwischen gibt es ja nichts, wie schon Tucholsky bemerkte, hat mich Ihr Text buchstäblich angefasst! Hinzu kommt, dass ich gerade gestern erst aus Berlin zurückgekommen bin und diesen ganzen Katzenjammer dort mit eigenen Augen sehen musste.
Mein Quartier hatte ich in der Nähe des Savignyplatzes, einem Kiez gutbürgerlicher Selbstvergewisserung ehedem, denn selbst dort fräst die Fräse der Verwahrlosung sich ihre Wege. Am schlimmsten empfinde ich, von Besuch zu Besuch zunehmend, Teile meiner Familie leben in dieser Stadt, diese rotzige Chuzpe: „Das ist Berlin …“, so oder so ähnlich. Nur was ist dieses Berlin denn, wie es ist, doch nichts anderes als ein riesengroßes Missverständnis?
Und ich kann mir irgendwie nicht helfen, diese Stadt ist auch ein Spiegelbild dieses Landes, nur noch etwas schneller fortgeschritten in seiner Fragwürdigkeit. All die noch viel zu vielen Schulterklopferinnen und -klopfer, die Berlin so irre cool finden, irren so fatal mit ihrer irren Coolness. Haben Sie, liebe Frau Adorján, also von Herzen Dank für Ihren grundehrlichen Artikel über diese hilflose Stadt.
Peter Wiebel, Hainburg
Mit den Enkelkindern
Was ich nicht verstehe, ist, dass mein Mann und ich zwar regelmäßig diese „Drecksstadt“ besuchen, in der anscheinend ausnahmslos humorlose, frustrierte und abgehängte Menschen ihr tristes und bemitleidenswertes Dasein fristen, wir aber weder Drogen konsumieren noch bei unseren regelmäßigen Fahrten mit der U-Bahn bisher jemals von nach Urin und Kot stinkenden besoffenen Fahrgästen belästigt worden sind.
Wir lieben es, mit unseren beiden kleinen Enkelkindern mittels der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt zu erkunden. Und wir lieben es, entlang der Schönhauser Allee zu laufen mit all den verschiedenen und unterschiedlichen Typen, die wir dort zu sehen bekommen. In einer einzigen Stunde sehen wir dort mehr unterschiedliche Menschen jeden Alters als in München im ganzen Jahr. Diese Menschen, die Frau Adorján offenbar allesamt als kaputte armselige Seelen wahrnimmt, nehmen mein Mann und ich in aller Regel als zwar manchmal etwas „schräg“, aber fast immer als interessant wahr. Wir genießen in vollen Zügen den Unterschied zur adretten Vorstadt, in der wir hier in München leben! Ich kann sogar sagen, dass wir bei jedem unserer Aufenthalte in Berlin dankbar sind, die Gelegenheit zu haben, eine andere Welt außerhalb der adretten Münchner Welt erleben zu dürfen.
Und noch etwas: Unsere Enkelkinder besuchen in Berlin gut geführte Kitas, Sporteinrichtungen und Musikschulen, in denen keine Drogen konsumiert werden und in denen sich fürsorgliche, freundliche und in keiner Weise kaputte Menschen um sie kümmern. Ich freue mich in der Tat für unsere Enkelkinder, dass sie in einer so interessanten Stadt wie Berlin aufwachsen dürfen.
Renate Pachneck, München
Gekippte Perspektive
Die Stadt ist nicht gekippt. Gekippt ist der Blick von Johanna Adorján. Berlin ist immer noch dieselbe widerspenstige, unfertige, oft nervige, manchmal atemberaubende Metropole, die sie seit Jahrzehnten war. Was sich dramatisch verändert hat, ist die Linse, durch die sie jetzt betrachtet wird – und zwar vor allem von Leuten, die früher genau diese Unfertigkeit geliebt, besungen und sogar als Lebensprogramm gewählt haben. Frau Adorján inklusive.
Früher: kaputte Fassaden = charmant-provisorisch, Müll auf der Straße = Zeichen von Lebendigkeit, ewig Baustellen = Berlin eben, offene Drogen = Teil der urbanen Rauheit. Alles goutiert mit einem Augenzwinkern, oft sogar mit Stolz („poor but sexy“ war kein Klischee, es war eine Haltung).
Heute: exakt dasselbe = Zumutung, Verfall, Dysfunktion, niemand zuständig. Der Kipppunkt ist kein Kipppunkt der Stadt – er ist ein Kipppunkt der eigenen Biografie.
Die Verfasserin klagt über eine Stadt, in der „niemand mehr zuständig scheint“. Aber Berlin war nie eine Stadt, in der ein großer, fürsorglicher „Jemand“ alles im Griff hatte. Sie lebte von Hunderten kleinen, egoistischen, kreativen, chaotischen „Jemanden“ – von Besetzern, Kneipenleuten, Künstlern, Zufallsbewohnern, die Lücken füllten. Viele davon sind inzwischen weg: verdrängt durch steigende Mieten, überaltert, ausgebrannt oder einfach reicher und bequemer geworden. Und plötzlich soll der Senat all das kompensieren, was früher die Szene selbst geregelt hat? Das ist kein Versagen der Stadt. Das ist der ganz normale Prozess, wenn eine Generation vom Bohemien zum Steuerzahler mit Kinderwagen mutiert – und dann enttäuscht feststellt, dass Berlin immer noch Berlin und nicht plötzlich Zürich geworden ist.
Natürlich gibt es reale Probleme: explodierende Mieten, Müllberge, kaputte Infrastruktur, Drogen auf offener Straße. Niemand bestreitet das. Aber die Diagnose „die Stadt ist gekippt“ ist eine Fehldiagnose. Gekippt ist die Erwartungshaltung. Gekippt ist der Blick, der früher liebevoll-ironisch war und heute enttäuscht-verbittert. Gekippt ist vor allem die Bereitschaft, das eigene Altern, die eigene Veränderung, den eigenen Midlife-Knick zuzugeben – stattdessen wird der Kulisse die Schuld zugeschoben.
Berlin hat sich nicht verändert. Es war immer rau, teuer, dreckig, lebendig, kaputt, schön, anstrengend. Nur der Blick darauf hat gewechselt: von „Das ist unser Berlin“ zu „Warum ist mein Berlin nicht mehr so, wie ich es mir jetzt wünsche?“. Kurz gesagt: Die Stadt kippt nicht. Die Perspektive kippt. Und zwar bei denen, die früher mit 25 die Hässlichkeit romantisierten – und heute mit 45 dieselbe Hässlichkeit als persönliche Beleidigung empfinden. Die Stadt steht noch. Nur der Filter ist umgeschaltet worden – von verliebt auf genervt. Das ist kein Abgesang auf Berlin. Das ist ein Abgesang auf eine vergangene eigene Haltung.
Arvid Hagemann, Berlin
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