Landtagswahlen in Baden-WürttembergHadern mit der Rolle als zweiter Sieger

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Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen; li.) und Manuel Hagel (CDU).
Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen; li.) und Manuel Hagel (CDU). Bernd Weißbrod/dpa

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg unterliegt die CDU knapp den Grünen. SZ-Leser haben ein paar Ratschläge für Manuel Hagel und Jens Spahn.

„Jens Spahn kann sehr dreist sein“ vom 12. März, „Das Wunderle“ vom 10. März, „Frisch verloren ist halb gewonnen“ vom 9. März, „Klinkenputzen für die Partei“ vom 5. März:

Gegenkandidat in Ausbildung

Da wird in einer Landtagswahl das Unmögliche möglich! Eine Partei, die im Bund erhebliche Verluste einfuhr und damit auch ihre Regierungsbeteiligung einbüßte, gewinnt die Landtagswahl. Zwar knapp mit der Stimmenzahl einer „Kleinstadt“ – aber sie gewinnt. Der Gegenkandidat Hagel, der mögliche (Ex- und künftige) Koalitionspartner der CDU, erkennt den Sieg des Grünen Özdemir noch am Abend der Wahl an und will sogar (verantwortungsbereit) von seinem Amt zurücktreten.

Da ersinnt ein Politikprofi namens Spahn, der bisher erheblich finanziell gesichert im Bundestag seinem „Land diente“, eine mögliche Teilung des Amtes des Ministerpräsidenten. Eigentlich „clever“ gedacht, dem Wahlverlierer Hagel mögliche Munition für die Verteilung wichtiger Landesämter in den kommenden Koalitionsverhandlungen zu sichern. Aber auch nur das. Das Amt muss natürlich an den Sieger gehen. Ganz klar. Und damit an den richtigen Profi, der auch der CDU im künftigen Regierungsgeschäft auf „Augenhöhe“ begegnen will.

Der zweite Sieger der Wahl, Herr Hagel, sollte seinen Rücktrittsquatsch, der ihm ja auch von der Parteispitze in Berlin ausgeredet wurde, lassen und bei dem Profi Özdemir als zweiter Mann in die (Ausbildung) gehen, um noch vieles zu lernen. Oder er sollte bei Daniel Günther in Schleswig-Holstein mal in Supervision gehen.
Da kann er lernen, wie sinnige Aufgaben in der Politik angegangen werden.

Peter Gebhard, Gießen

Die Weiter-so-CDU

Tatsache ist: Die CDU hat die Landtagswahlen in Baden-Württemberg nicht gewonnen. Um 27 000 Stimmen wurde der Erfolg verfehlt. Und daraus leitet die CDU nun einen Anspruch her, einen „halben“ Ministerpräsidenten zu stellen? Das ist lächerlich.

Aber noch etwas stößt auf: die Begründung der Niederlage mit einer „Schmutzkampagne“ durch die Grünen. Zur Erinnerung: Man hatte ein Video des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel ausgegraben, in dem dieser vor acht Jahren von einem Besuch in einer Realschulklasse geschwärmt hat und von den „rehbraunen Augen“ einer minderjährigen Schülerin. Nicht die Publikation des Videos ist widerlich, sondern der Inhalt desselben. So etwas kann und sollte man nicht vergessen.

Selbst wenn man dieses Video aufgrund seines Alters mit Milde betrachtet: Einem Mann, der den Treibhauseffekt damit begründet, dass die Atmosphäre dünner und die Sonne heißer wird, sollte man in der heutigen Zeit nicht die Führung eines Bundeslandes anvertrauen. Und die Tatsache, dass er bei demselben Besuch eine Lehrerin angefahren hat, zeigt, dass er sich selbst immer noch nicht im Griff hat.

Wenn noch am Wahlabend Herr Spahn die Schuld für die eigene Niederlage nicht in Fehlern des Spitzenkandidaten sucht, sondern in der „Schmutzkampagne“ des politischen Kontrahenten, so zeugt dies ganz sicher nicht von Einsicht und rationaler Ursachenforschung. Es bereitet den Weg für ein „Weiter so“, etwas, was wir uns nicht leisten können. Die CDU macht sich selbst unwählbar.

Alexander Engel, Seefeld

Das Rotationsprinzip

Rotation des Ministerpräsidenten als CDU-Modell? Die Rotation bei den Grünen wurde von der CDU seinerzeit hart kritisiert. So sagte beispielsweise Rupert Scholz, renommierter Staatsrechtler, CDU, und in den 80er-Jahren unter anderem Justizsenator von Berlin: „Das Rotationsprinzip führt zum verfassungswidrigen Rätesystem.“ (Spiegel 14, 1983). Solche Vorschläge aus der Mottenkiste der Grünen sind allerdings eher eine Folge der nervösen Ratlosigkeit bei der CDU.

Dr. Ralph Bürk, Engen

Klinkenputzen

Eigentlich eine gute Idee, mal über diese alte und wiederentdeckte Form des Wahlkampfes an der Haustür zu schreiben. Nur: Warum durchgängig mit Bezug ausgerechnet auf die CDU? Bündnis 90/Die Grünen macht schon seit Jahren intensiv Haustürwahlkampf und hat in der Landtagswahl-Kampagne bereits mehrere Zehntausend Türen aufgesucht – und kommt in der Reportage praktisch nicht vor. Grüne machen das nicht erst, seit in New York Zohran Mamdani Haustürwahlkampf für seine Bürgermeisterwahl genutzt hat (das wird in den USA ohnehin traditionell und weit über New York hinaus gemacht).

Es ist auch nicht so, dass just die CDU eine Wahlkampf-App zum Eintragen der aufgesuchten Türen entwickelt hat: Die Grünen haben so ein Tool seit Jahren und schaffen es damit, sich sehr effizient abzustimmen und zugleich auswertbare Statistiken zu generieren.

Es verwundert also, dass die SZ-Redaktion drei Tage vor der Wahl einen Bericht bringt, der vor allem eine Partei featurt und dann noch eine, die im Haustürwahlkampf kaum Präsenz zeigt – in unserer Stadt wurden noch keine Haustürwahlkämpfer der konservativen Mitbewerber gesichtet. Diese Einseitigkeit hat ein „Geschmäckle“, das ich bei meiner Tageszeitung nicht schätze.

Jörg Strübing, Tübingen

Christdemokratischer Hochmut

Hochmut kommt vor dem Fall. Die selbstbewusste Machtstrategie des Manuel Hagel ging am Ende nicht auf. Im Fernseh-Triell, in dem Özdemir für eine Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition warb, ließ ihn Hagel brüsk links liegen, weil er einen sicheren Sieg und die Chance, zusammen mit SPD und FDP eine CDU-pur-Regierung zu bilden, vor Augen hatte. Nicht das Rehaugen-Video brachte ihn zu Fall, sondern das von Merz und Söder kopierte Machtgehabe. Frisch als CDU-Landesvorsitzender gewählt, posaunte er hinaus, die CDU werde nie wieder einen Grünen zum Ministerpräsidenten wählen. Dies sagte der machtbewusste Hagel für eine Partei, die dem „Ländle“ einen NS-Richter und einen Mappus (unseligen Gedenkens) als Ministerpräsidenten präsentiert hatte.

Der kompetenten Digitalisierungs-Initiative von Kretschmann setzte er den Plan einer neuen KI-Uni entgegen. Seit dem Fall der Ampel strotzt er vor Kraft und setzte sich von der Koalition mit den Grünen ab, im Wahlkampf radikal, indem er eine ganz neue Politik verkündete. Nachdem selbst der Treueschwur der Ehefrau das Negativ-Image nicht auslöschen konnte, warf Hagel den Grünen einen schmutzigen Wahlkampf vor (obwohl jede vernünftige Frau über Hagels Video-Aussage den Kopf schütteln musste).

Was nun? Trotz Gewinns fast aller Direktmandate hat Özdemir der CDU und Hagel den Wahlsieg weggeschnappt. Muss Hagel jetzt sein Versprechen brechen, die CDU wähle nie wieder einen Grünen zum Ministerpräsidenten?

Gerhard Lempenau, Stuttgart

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