Weitere BriefeNur Fliegen ist schöner

Lesezeit: 1 Min.

Die Stimmung vor der Wahl von 1972 beschreibt ein SZ-Leser als einzigartig. Ein anderer ist auf das Fliegen indes nicht so gut zu sprechen.

Die wirklich gute Bundesrepublik

"Die verdammte Partei" vom 19. November:

Ja, so war es. So war sie, die schönste politische Zeit in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Atmosphäre, die Euphorie, genährt durch die Springerhetze vor der Wahl '72 schufen ein einmaliges Mitleben und Interesse am politischen Leben. Lieber Willi Winkler, diese Stimmung kommt in Ihrem Text etwas zu kurz. Ich (Jahrgang 1938) erinnere mich: Die Städte waren voll Willy-Autos, auf dem Wege nach Frankfurt zum Kongress der APO (Außerparlamentarische Opposition) überall Transparente an den Autoscheiben "Ich/wir wählen Willy". Im Stau auf der Autobahn wurden die Fenster runtergekurbelt und von Wagen zu Wagen gerufen: "Das ist richtig." Die wirklich gute Bundesrepublik wurde da geboren.

Klaus Wellhardt, Essen

Physikalisches Wunder

"Im Kerosin-Nebel" vom 26. November:

Dass das Verkehrsministerium und dessen nachgeordnete Behörden regelmäßig wirtschaftliche Interessen höher gewichten als gesundheitliche Belange, ist für mich nicht neu. Relativ neu ist, dass sie dafür ein physikalisches Wunder bemühen: Kerosin "verschwindet", wenn man es versprüht - löst sich irgendwie auf. Da man diesem "Argument" nicht so richtig traut, wird eine Relativierung nachgeschoben: Am Boden sei die Schadstoffbelastung aus dem normalen Autoverkehr höher. Als ob das die Sache besser mache, als ob ein Übel das andere rechtfertige.

Wenn das so harmlos ist, dann kann doch in Zukunft das Kerosin über den Wohngegenden von Frankfurt, Wiesbaden, Mainz und dem Taunus abgelassen werden - also dort, wo die Menschen wohnen, die von der Luftfahrt hauptsächlich profitieren. Das würde mich mehr überzeugen als die üblichen Rechtfertigungen. Im Übrigen könnte man ja auch fordern, dass Flugzeuge so ausgestattet sein müssen, dass sie jederzeit regulär landen können. Aber das geht natürlich nicht. Das würde den Flugverkehr ja verteuern. Und Billigflüge sind anscheinend ein Menschenrecht.

Prof. Dr. Stefan Müller, Neustadt/Weinstraße

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